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17.05.2019, Jamal Tuschick

„Sie wünschte, sie wäre nackt, jemand würde ihre Brüste berühren. Sie ... möchte ein stilles, animalisches Gegenüber ertasten. Sie will nur begehrt werden.“ - Leïla Slimanis erzählt in ihrem ersten, 2014 im Original und nun auch auf Deutsch erschienenen Roman davon, wie unbefriedigend Sexsucht ist.

Die Puppe im Garten des Ungeheuers

Adèle Robinson ist Journalistin, mit einer Ehe versichert, Mutter eines Sohnes, und sie ist sexsüchtig. In der ersten Szene besucht sie nach ein paar Tagen der Abstinenz vor der Arbeit und in der Weihnachtszeit einen bewährten Liebhaber, der ihr zwar den „Kick“ nicht mehr geben kann, sie aber dennoch zu spät kommen lässt.  

Adèle ist mit Adams Körper vertraut. Vertrauen ist der Killer.

Adèle konsumiert Fremde ohne Ansehen der Person. Sie sucht die Verdinglichung als „herumgestoßene Puppe“.  

Leïla Slimani: „All das zu verlieren“, Roman, aus dem Französischen von Amelie Thoma, Luchterhand, 218 Seiten, 22,-

Coverversionen der Bürgerlichkeit

Leïla Slimani schildert eine camouflierte Gossenkarriere. Adèles Nymphomanie erzwingt Scheinheiligkeit und erzeugt Fadenscheinigkeit.

„Indem sie Ehefrau und Mutter wurde, hat sie sich mit einer schützenden Aura der Achtbarkeit umgeben.“

Die Süchtige betrügt ihre Umgebung mit Coverversionen der Bürgerlichkeit.  

Sie betreibt Fassadenkletterei.

Sie erfindet Quellen, schmiert zusammen. Sie relotiust  „eine der Regierung nahestehende Quelle“. Jede Geschichte erschöpft sich im ersten Satz und im Verdruss der Schöpferin.

Die Einheit von Selbsterhaltung und Arbeit erscheint Adèle degoutant. Für sie soll es rote Rosen regnen. Ich Weiteren reicht es ihr, Beachtung zu finden.  

Adèle träumt von einem sozial Omnipotenten, der sie in seinen Spielräumen allein lässt. „Sie wäre so gern die Ehefrau eines reichen Mannes, der nie da ist.“

Obwohl sie im 18. Arrondissement großartig wohnt, „riecht das Geld“ ihres Mannes zu sehr „nach Arbeit“, um „Müßiggang und Dekadenz“ auf die richtige Weise zelebrieren zu können.

Brüsker Schleim

Wenig unterscheidet Adèle von einem Junkie oder einer Alkoholkranken. Die Sucht sprengt sie ab und verbietet ihr Normalität. Gerissen unterläuft Adèle die Erwartungen der Garanten ihres Lebens. Schuldverschiebungen erfolgen automatisch.

Adèle verhehlt sich nicht, dass ihr Wesen ein Flickwerk der niedrigen Beweggründe ist. Mal geht sie brüsk vor, mal schleimt sie rum. Sie sieht sich beim Lügen zu

Vor dem angelaufenen Spiegel in der Eingangshalle fährt sie sich übers Gesicht und sieht sich beim Lügen zu …

und empfindet nichts. Slimani erzählt das Drama und den Schrei der inneren Leere. Eines unstillbaren Hungers, der als Neigung zu Überdosierungen seine sozialen Konturen gewinnt. Die Kolleg*innen ahnen eine Devianz jenseits der Standardabweichungen. Der Gatte ahnt nichts in seiner profitablen Selbstbezogenheit.

Nie fühlt sich Adèle einsamer als in den Umarmungen ihres Mannes.

Sie kann es sich nicht erlauben, ihm die Augen zu öffnen. Sie selbst darf nicht erwachen, obwohl sie kaum schläft. Ihre Bewusstlosigkeit ist ein Bollwerk vor der Panik.

Bewusstsein und Panik sind identisch.

Slimanis erkennt in Adèle eine Überforderte, die von ihren Ansprüchen drangsaliert wird. Die Luft ist zu dünn für sie in den Revieren der Gleichmäßigen. Ihr fehlt die Konsistenz, um ihren Teil etwa der ehelichen Verabredungen …

wir genießen Paris, solange wir jung sind, dann machen wir uns ab in die Provinz …

einzuhalten. Vielleicht ist es gar nicht komplizierter. Der Beschiss nimmt überhand, er übernimmt die Regie. 

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