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18.05.2019, Jamal Tuschick

Ballhaus Naunynstraße - MeLê yamomo zeigt in seinem Soundwerk „Echoing Europe - Postcolonial reverberations“ die europäische Arroganz und ihre Maskierungen als Ethnologie.

Tonaufnahmen als Trophäen

Zum kolonialen Habitus gehörte die Volkskunde, eine Spielart der sozialen Pornografie, die auf eine Mehrfachdegradierung der ihrer Souveränität entblößten Indigenen zielte. Jeder bürgerliche Haushalt hielt im XX. Jahrhundert Afrikawissen in Folianten bereit. Wenn Adorno dem ob seiner Aufsässigkeit und seiner Saufereien legendären Studentenführer Hans-Jürgen Krahl nachätzte, „In diesem Krahl hausen die Wölfe“, dann wies der doppelt und dreifach diskriminierende „Kaffernkraal“ landläufige Konnotationen auf. Kraal war zunächst das Wort der Buren für Viehpferch. MeLê yamomo lehrt an der Universität von Amsterdam in einer Hauptsprache des Kolonialismus. Er hat ein Buch über Musik und Theater in der Zeit von 1869 bis 1946 in Manila und Südostasien geschrieben. Der Klappentext belegt ganz gut, was ich gestern auf der Bühne des Ballhaus Naunynstraße gesehen habe:

This book examines the intersection between sound and modernity in dramatic and musical performance in Manila and the Asia-Pacific between 1869 and 1948. During this period, tolerant political regimes resulted in the globalization of capitalist relations and the improvement of transcontinental travel and worldwide communication. This allowed modern modes of theatre and music consumption to instigate the uniformization of cultural products and processes, while simultaneously fragmenting societies into distinct identities, institutions, and nascent nation-states.

Taking the performing bodies of migrant musicians as the locus of sound, this book argues that the global movement of acoustic modernities was replicated and diversified through its multiple subjectivities within empire, nation, and individual agencies. It traces the arrival of European travelling music and theatre companies in Asia which re-casted listening into an act of modern cultural consumption, and follows the migration of Manila musicians as they engaged in the modernization project of the neighboring Asian cities.

MeLê yamomo zeigt in seinem Soundwerk „Echoing Europe - Postcolonial reverberations“ die europäische Aneignungs- und Kategorisierungsarroganz und ihre wissenschaftlichen Maskierungen im Geist der Traurigen Tropen. Er untersucht die Grenze zwischen „Musik“ und „Geräusch“ als gewaltsame Setzung nicht zuletzt.  
In Berlin lagern Tonaufnahmen als Trophäen einer kolonialen Einverleibung in den weltweit umfänglichsten Archiven. MeLê yamomo präsentiert auf der Bühne eine Kollektion von anachronistischen Konservierungsapparaten. Er spielt mit Tonspulen und Grammophontrichtern. Er demonstriert den Rohstoff Klang Transfer nach Methoden des Otherings - die unverschämte Bewertungspraxis und Kulturstufenpolitik der Kolonialethnologie, die eine Abwertung von (aus der europäischen Perspektive) randständigen Kulturleistungen wissenschaftlich festschrieb. MeLê yamomo deutet die Infamie dieses Großprojektes lediglich an.

Europa (miss)brauchte kolonisierte Außenräume zur Konstruktion von individuellen und nationalen Identitäten.    

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