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19.05.2019, Jamal Tuschick

HP Daniels packt die Gitarre aus und spielt Me And Bobby McGee und Sunday Morning Coming Down. Beide Lieder stammen von Kris Kristofferson, den Daniels spät noch einmal auf einem Konzert sah: „Brüchige Stimme, brüchige Akkorde, aber genial.“ Er fragt eine Zuhörerin, ob sie beim letzten Konzert gewesen sei, dass Bob Dylan in Berlin gab. Die betagte Zuhörerin erklärt, da der Liebe ihres Lebens begegnet zu sein. Das ist eine eskapistische Aussage. Leute, die mit siebzig noch jung genug für eine neue Liebe sind, kommen in Daniels Roman „Runaway“ nicht vor. Ich bin vor Ort, um den vielseitigen Autor lesen zu hören. Doch lieber erzählt er ...

Jungsozialisten auf Trebe

HP Daniels in Neukölln

Arian Schiffer-Nasserie findet „die Berliner Kreativszene besonders unangenehm“. Das sagt er so nebenbei auf einem Berliner Schauplatz der Selbsterfindungen. Es riecht muffig nach matten Menschen. Ich ziehe weiter meine Kreise, durchquere Kreuzberg mit einer Geschichte im Kopf, die eben von Geflüchteten-Aktivistinnen kollektiv vorgetragen wurde, voller Selbstbewusstsein in gebrochenem Deutsch.

Die Überwindung der Scham ist eine politische Maßnahme.

Die Geschichte handelt von einer russischen Heroinsüchtigen, die im Gefängnis kalt entziehen musste und trotz langjähriger Zwangsabstinenz süchtig geblieben ist. Ein Echo dieser Information hallt in der nächsten Kontaktaufnahme.

„Die Erzeugung von Informationen kostet Energie und bedarf der Materie zu ihrer Repräsentation.“ Dies im Widerspruch zu Norbert Wieners Dreiteilung: Energie, Materie, Information. Aus Paul Masons „Klare, lichte Zukunft“

Ich treffe HP Daniels in Neukölln. Er tritt in einer Galeriebar ohne Zapfhahn auf. Das Gespräch streift Jörg Schröder, Jörg Fauser, Wiglaf Droste, William Burroughs, Frankfurter Clubs und die Offiziersquartiere in einem Wiesbadener Vorort.

Die alte Bundesrepublik in der Trockenschleuder der Erinnerung.

Das Leben amerikanischer Vorgesetzter, abgesetzt von ihren Mannschaften.

Daniels lebte drei Jahre im Delta zwischen Rhein und Main, die längste Zeit auf diskret erschlossenen Taunusgraten. Dann kam gleich Berlin, abgesehen von London. Damals konnte man noch …

Daniels packt die Gitarre aus und spielt Me And Bobby McGee und Sunday Morning Coming Down. Beide Lieder stammen von Kris Kristofferson, den Daniels spät noch einmal auf einem Konzert sah: „Brüchige Stimme, brüchige Akkorde, aber genial.“

Er fragt eine Zuhörerin, ob sie beim letzten Konzert gewesen sei, dass Bob Dylan in Berlin gab. Die betagte Zuhörerin erklärt, da der Liebe ihres Lebens begegnet zu sein. Das ist eine eskapistische Aussage. Leute, die mit siebzig noch jung genug für eine neue Liebe sind, kommen in Daniels Roman „Runaway“ nicht vor. Ich bin vor Ort, um den vielseitigen Autor lesen zu hören. Doch lieber erzählt er, wie man damals, also in den Siebzigern, als Berlin sein Stadt wurde, leicht als Folkmusiker mit Kurzauftritten Geld verdienen konnte. Die Lokale hießen Go-In, Steve Club und Banana und bildeten ein fußläufig einfach zu bewältigendes Dreieck.

Ich schließe mit meiner Besprechung:

Jungsozialisten auf Trebe

HP Daniels erzählt in „Runaway“ von revolutionären Trebegängern auf dem Weg zum Rockruhm.

Sie sind keine Herostraten auf dem Kriegspfad der Roten Armee Fraktion, sondern zwei musisch begabte Irrlichter am Horizont der Revolution – bayrische Schülerrebellen, abgehauen mit ihren Ranzen aus der Schule und von zu Hause, versorgt nur mit einer Adresse in Hamburg. In einem Stelldichein des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes dürfen sie übernachten. Sie schlafen nicht gut auf durchgesessenen Sofas, aus denen die Rosshaarfüllung quillt und deren Sprungfedern die Bezüge unter Druck setzen. Ihre Anrufe erledigen sie in öffentlichen Telefonzellen. Das erzählende, von Manfred Mann und seiner Earth Band … Blinded by the light … eingenommene Ich verliert sich in Schilderungen der Dürftigkeit zwischen Donovan und Degenhardt … Väterchen Franz zur Gitarre … und klemmenden Telefonzellentüren.

HP Daniels, „Runaway“, Roman, Transit-Verlag, 182 Seiten, 20,-

Die Ausreißer verteilen Flugblätter gegen das Establishment. In der Regel gilt: eine Hand wäscht die andere. Für eine Mahlzeit am Küchentisch älterer Genossen erledigen die trebegängerischen Jungsozialisten den Abwasch. Und dann gibt es solche Momente, in denen Freddy Quinns Stimme … Brennend heißer Wüstensand … das nicht zeitgenössisch animierbare Seelensegment aufwühlt und die Sentimentalität des Heimwehs in die Wahrnehmung vorstößt.  

Man könnte zur See fahren oder durch Afrika trampen. Edwin Riemschneider aka Edvino di Rimieri will lieber Design studieren, um der Brotlosigkeit zu entgehen. Seine in einem Skizzenbuch festgehaltenen Hafenszenen und Bohèmestudien zeigen aber eine Route gegen die Laufrichtung der Vernunft an. Der Erzähler Petty orientiert sich an Jack Kerouac. Er steht in der Gunst von Lina, die „im kurzen gelben Häkelrock“ das sozialistische Sexappeal idealtypisch verkörpert. Jedenfalls so lange, bis Grit, die Schwester von Winni, „der Mick Jagger von Oldesloe“, aufkreuzt und einen neuen Maßstab setzt.  

Die Geschichte ist oft erzählt worden. Daniels stöbert in den Archiven jener Zwischengeneration, die für Achtundsechzig zu jung war und in der antiautoritären Suppenküche mit dem Nachschlag abgespeist wurde. Das politische Manna war von Leuten verzehrt worden, die in einer Klemme zwischen Radikalenerlass und anderen Sperren das Licht der Subversion unter den Beamtenschemel stellen mussten, um nicht abgehängt werden. Für die Spätgeborenen gab es nur noch Secondhand.

Riemschneider und Petty verbessern sich an der Wasserkante. Sie verstärken die Entourage einer Formation mit Zukunft. Der Bruder von Grit gibt den Frontmann der „Enemies“. Stumpfi, eine eigenwillige Interpretation von Jimi Hendrixs Stone free … everyday in the week I'm in a different city … bringt dem Publikum die Ekstase.  

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