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19.05.2019, Jamal Tuschick

In der britischen Frauenbewegung gab es im 19. Jahrhundert einen Schulterschluss zwischen dem Dienstmädchen und der Hausfrau. Die Suffragetten waren militant.

Repression und Aktion

Sie spielten die alten Lieder

Uns gibt es im Wir der Solidarität

Sie waren bürgerlich, aber nicht zimperlich. Die britischen Suffragetten erkämpften das Recht, zu rauchen, wo immer es ihnen passte, indem sie es taten. Sie sprengten Kirchen und schmiedeten Bündnisse mit russischen Anarchist*innen. Sie waren radikal, ohne in den eigenen Strukturen demokratisch zu sein.

„Militanz sagt nichts über die innere Freiheit einer Bewegung aus.“

Eine Devise lautete: „One Policy, One Programme, One Command.“

Bourgeoise Verve kollaborierte mit der Aufstandsbereitschaft der niedrigen Stände. Im I. Weltkrieg predigten Suffragetten Patriotismus.

Das referierte Jana Günther gestern in der Kreuzberger Schule für Erwachsenenbildung im Rahmen der Linken Buchtage. Unter der Überschrift „Fragile Solidaritäten. Klasse & Geschlecht in der Frauenbewegung“ fasste Günther einen Vergleich zusammen, der Unterscheide zwischen der deutschen und der britischen Frauenbewegung zeigt. Die Engländerinnen kamen konfrontativ zur Sache. Ihr Rigorismus hielt vor Terrorismus nicht an. Den Gründungsmüttern war erst einmal jede(r) willkommen, die/der sich in vehementer Opposition zu den herrschenden Verhältnissen begriff.

Von Anfang an setzte die britische Frauenbewegung auf theatralische Effekte. Ihre Inszenierungen nahmen das moderne Straßentheater vorweg. Zudem verfügten sie über Vermögen, das sie aus Galas nicht zuletzt schöpften. Feminismus als Gesellschaftsspiel mit revolutionärem Personal. Wer hat das je erzählt?

Die Deutschen waren bemüht und taten sich schwer. Zur Gründungssitzung des Bundes Deutscher Frauenvereine (BDF) im März 1894 wurden Sozialistinnen nicht eingeladen.

Die Aktivistinnen strebten nach einer „Aufwertung hin zur mündigen Staatsbürgerin“. Arbeiterinnen waren nach ihrem Klassenverständnis „Frauen, denen geholfen werden musste“.  

Günther sprach von „einer vorsichtigen Organisation“ des Dachverbandes unter verschleiertem Ausschluss der Sozialistinnen. Sie zitierte Clara Zetkin, übrigens auch eine Autoritäre. Zetkin sprach von einer „reinlichen Scheidung“ der bürgerlichen von der proletarischen Frauenbewegung. Nach Außerkraftsetzung des Gesetzes gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie bemühten sich bürgerliche Kräfte vereinzelt um ihre politisierten Dienstmädchen. Die wollten nicht mehr. Damals lag das revolutionäre Potential bei der Sozialdemokratie, die Klassenfrage dominierte die Frauenbewegung.

Nur Sozialistinnen forderten das Allgemeine Wahlrecht, die anderen wollten nicht mehr Rechte als in ständischen Gesellschaften sich aus dem Besitzwahlrecht für Männer ergaben.

Günther lokalisiert die Verhältnisse im Deutschen Kaiserreich „zwischen Repression und Aktion“ und in Großbritannien „zwischen Konstitutionalismus und Militanz“.

Beide Positionen ignorierten Folgendes. Aus dem Ankündigungstext:

Als Sojourner Truth während ihrer Rede auf einem Frauenkongress in Akron, Ohio, die Frage stellte, ob sie denn keine Frau* sei, brachte sie eine Debatte ins Rollen, deren Ausmaß nicht abzusehen war. Sie hatte nämlich gleichermaßen weiße Frauen* für den Rassismus und Schwarze Männer für den Sexismus kritisiert, den sie Schwarzen Frauen* jeweils entgegenbrachten. Erst Ende des 20. Jahrhunderts, also fast 150 Jahre später, erhielt diese spezifische Form der Mehrfachdiskriminierung einen Namen. Es war Kimberlé Crenshaw, die 1989 den Begriff der ›Intersektionalität‹ prägte, der seitdem aus feministischen Diskursen nicht mehr wegzudenken ist.

Dazu bald mehr.

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