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20.05.2019, Jamal Tuschick

Die Demonstrant*innen kommen mir am Potsdamer Platz entgegen. Ich ergänze die weiche Flanke bei einem Schwenk nach rechts Richtung Tiergarten.

Beschriftete Pappe

Schon halbzwei. Ich fiebere im Streitraum der Berliner Schaubühne dem Ende der Veranstaltung entgegen, um mich den #Vielen anzuschließen, die sich um zwölf unter dem Motto Unite & Shine auf dem Rosa-Luxemburg-Platz vor der Volksbühne in Bewegung gesetzt haben. Endlich beendet Carolin Emcke die Veranstaltung zum Thema Krise der Repräsentation: Welchen Journalismus braucht eine demokratische Gesellschaft? – doch nicht ohne die Ermahnung, man möge umgehend den zivilgesellschaftlichen Protestzug verstärken. Die Demonstrant*innen kommen mir am Potsdamer Platz entgegen. Ich ergänze die weiche Flanke bei einem Schwenk nach rechts Richtung Tiergarten. Noch überblicke ich nicht, wie viele heute #Viele sind. Megafonverstärkte Meldungen der Organisator*innen gehen im Marschlärm einer Sambaformation unter. Ich klinke mich ein, wo Samba getrommelt und gepfiffen wird, da sind die Greise mit den WG-Gesichtern – die Veteranen der antiautoritären Lebensentwürfe.

Beschriftete Pappe

Wir ernten Missbilligung. Junge Leute finden steif synchrone Rhythm Slaves im Alter von Oma und Opa befremdlich. Die Alterssegregation wirkt intensiver als politische Übereinstimmung. Ich überhole die Altgenoss*innen und schließe zu einer Gruppe auf, die eine kreisförmige Vorwärtsbewegung um einen Umzugswagen herum perfekt beherrscht. Ihre Protagonist*innen reagieren auf eine zeitgenössische Variante von Ton Steine Scherben.

Ich passiere Aktivist*innen, die den Slogan #Unteilbar auf drei Schildern vor sich hertragen: Un-Teil-Bar. Das choreografierte Engagement transferiert Rührung an einer Borderline zur Fassungslosigkeit. Der gute Wille triumphiert auf beschrifteten Pappen, die, das ist meine Assoziation, an einem Bastelnachmittag mit Besenstielen verbunden wurden.

Ich will mir das nicht ausmalen und suche einen Platz unter Bäumen, während das Abschlussprogramm mit Blick auf das Brandenburger Tor über die Bühne geht. Ein Redner warnt die sächsische CDU „den Kurz“ zu machen in einem Bündnis mit der AfD nach den nächsten Landtagswahlen. Er droht mit tausendfachem Widerstand.

Ein Fernsehteam kreuzt im Offline-Modus auf und besetzt eine Parkbank. Das Gespräch kreist um Chemnitz. Ein TV-Mann, der sich als Kreuzberger Schwarzblocker halb zu erkennen gibt, ohne den Sonderstatus eines professionellen Beobachters ganz aufzugeben, erzählt, noch nie so hart angegangen worden zu sein wie in Chemnitz und zwar von „normal aussehenden“ Leuten. Die Kundgebungsbeiträge interessieren ihn nicht. Er hört sich lieber selbst reden. Ich ziehe weiter, die Szenen sind sonntäglich und sonnengefleckt. Viele der #Vielen liegen in den Büschen wie bei jeder sommerlichen Gelegenheit. Ich vernehme Beispiele aus dem Genre des Protestgesangs, irgendwas zwischen Karl & Reinhard May/Mey.

„Die Geschichte Europas begann vermutlich mit einer Vergewaltigung.“

Die Konzentration vor der Bühne nimmt ab.

Ich denke an die Geschichte einer Frau, die in einer Gruppe Geflüchteter Schienen folgte, bei der fußläufigen Durchquerung von Ländern mit feindseligen Staatsorganen. In Mazedonien wurde die Gruppe von Polizisten angehalten, die einen Unterschied zwischen der christlichen Erzählerin und den anderen machten, die sie für Muslime hielten.

„Sie sahen mein Kreuz und sagten: Du kannst weitergehen. Aber ich blieb, weil sonst keiner in der Gruppe Englisch konnte.“ Aus „In unseren eigenen Worten – Geflüchtete Frauen erzählen von ihren Erfahrungen“.

Schon beinah wieder in der Verfassung eines gesetzten Spaziergängers begegne ich Gül. Sie hat ihre bürgerliche Existenz an Erdoğan verloren. Die Rechtsanwältin im Exil war keine besonders kritische Bürgerin, sondern ganz und gar, so sagte sie es einmal selbst auf einem Podium, ein Produkt in der kemalistischen Tradition der neuen Frau. Als Atatürk die Republik mit den Vorzügen der westlichen Moderne aufrüstete, orientierte er sich an Frankreich und dessen Metropolen. Im Folgenden sahen schicke Istanbulerinnen wie schicke Pariserinnen aus. In ihrer Wahrnehmung so wie in der Wahrnehmung ihrer Töchter, Enkelinnen und Großenkelinnen war Rückständigkeit eine stigmatisierende Kategorie in einem Kontext ländlicher Lebensweisen. Ohne Weiteres degradierten sie ethnische Minderheiten als bäurisch. Gül verdankt Erdoğan die Erfahrung, mit türkischen Kurdinnen mehr gemeinsam zu haben als mit dem türkischen Staat.

Es war schmerzhaft, das zu begreifen. Gül erscheint immer noch deplatziert in den Milieus des zivilgesellschaftlichen Streits. Sie verwahrt sich gegen die erzwungenen Einsichten. Sie lässt mich denken, dass all das, was ihr widerfahren ist, zuvor tausend Mal in Romanen erzählt wurde, so als sei die Geschichte in einem Gatter der Zeit gefangen und liefe darin mal vorwärts, mal rückwärts wie verrückt im Kreis herum.  

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