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20.05.2019, Jamal Tuschick

Fortlaufende Berichterstattung aus dem Streitraum der Berliner Schaubühne. Carolin Emcke fragte und René Aguigah (Deutschlandfunk Kultur), Golineh Atai (WDR), Yassin Musharbash (DIE ZEIT) sowie Alexander Sängerlaub (Stiftung Neue Verantwortung) antworteten.

Journalistische Wehrhaftigkeit

Journalismus erzeugt Realität

Röntgensichere Reizwäsche

Die Entdeckung der nach ihrem Entdecker sogenannten Röntgenstrahlen fiel in einer Zeit der Wissenschafts- und Fortschrittseuphorie. Gleichzeitig zelebrierte man Séancen als gesellschaftliche Spuk- und Trug-Ereignisse. Die ersten Röntgenapparate gingen als Party Pusher an private Haushalte. Damit war man weit vorn. Die besseren Bürger*innen ergötzten sich an anatomischen Ansichten.

Fröhlich setzten sie sich der tödlichen Strahlung aus.

Märklin investierte in einen kindgerechten Röntgenapparat. Lingerie-Hersteller versprachen röntgensichere Dessous. Mit der wahnsinnigen Gründerzeitmodeerscheinung bebildert Sängerlaub seinen Optimismus. Facebook könne als Phänomen so historisch werden wie die Röntgenparty als Selbstverstrahlungsexzess. Sängerlaub beschwört die Sohle der Vernunft am Fuß des Zuckerbergs. Da bekäme der alte Printjournalismus, das gekonnte Handwerk, seine letzte Chance, während die Amateure nur noch die Leere im Inneren der erlegten Datenkrake als stupiden Sendeplatz hätten – in einem Speakeasy für die internationale Brigade der Selbstermächtigten.

Ich habe das in analogen Zeiten schon gehört, der Text gehört als Sorte von jeher zur Besitzstandswahrung, nur eben bis gestern nicht mit Facebook als Antagonisten der Vernunft und der soliden Recherche. In der Verkleidung des Jetzt erscheint Facebook als Fake News, Hate Speech & Raushau-Eldorado vor allem jenen, die ihre Pfründe bedroht sehen.

Facebook macht jedes Establishment angreifbar. Genauso wahr ist, dass Regierungen soziale Medien zur Desinformation nutzen. In dieser Ambivalenz und Dynamik lediglich den Missstand zu erkennen, zeigt eine Absicht an.

Aguigah macht den Punkt, indem er feststellt, dass es eine „journalistisch produzierte Realität“ gibt. - Dass Wirklichkeit hergestellt wird wie Waschpulver.   

Atai begreift staatliche Interventionen als „Angriffe auf die Wahrheit“ und sich selbst so wie andere Journalist*innen mitunter als Instrumentalisierte „bei der Verbreitung von Regierungsnarrativen“.

„Mit meiner Wahrnehmung wird gespielt.“

Man jubelt den Journalist*innen Puppen der Macht unter. Gefolterte, die als Geläuterte auftreten, und sonst wie zum Jasagen Erpresste spielen erlaubtes Dissidententum.

Atai kontert jede Attacke mit einer Offenbarung. Sie schildert die Produktionsbedingungen und informiert das Publikum über ihre Zweifel. Als Verstärker der Zweifel erzeugen die Informierten den Gegenzug dialektisch: Desinformation, Information, Meinung. 

Ihr grundgesetzbasiertes Grundwerteverständnis trägt Atai in die Welt.

Musharbash „operiert im Rahmen der eigenen Wehrhaftigkeit“.

Er schafft Transparenz auf der Grundlage einer Haltung. Der ultimative, von ihm miterarbeitete Artikel über die Ereignisse in der Kölner Silvesternacht von 2015 erschien im Sommer 2016 in der ZEIT „im Grunde nur noch als Vorlage für die Geschichtsbücher“. Natürlich war das zu spät für die Debatte, aber, so veröffentlicht Musharbash seinen Berufsbegriff: „Ich bin kein Hundekotaufsammler für irgendwelche Trolle.“

Hinter dieser besonders persönlich gehaltenen Einlassung verbirgt sich vermutlich die Einsicht, dass die nach bestem Wissen und Gewissen, auf dem höchsten handwerklichen Niveau und sogar mit einer Prise Genie verfasste Reportage ihren größten Nutzen als Gegnerinformation entfaltet. Niemand liest dich genauer als dein Feind.  

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