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21.05.2019, Jamal Tuschick

Auch das stellte Natasha A. Kelly bei der Präsentation des Grundlagenwerks „Schwarzer Feminismus“ im Berliner Theater Hebbel am Ufer fest: „Wir wollen keine Opferolympiade“ auf der Basis intersektionaler Analysen von Mehrfachdiskriminierungen in dieser „rassistischen und kapitalistischen Kackscheiße“.

Keine Opferolympiade

Break the Silence

Nach ihr wurde der erste Rover, der 1997 mit der Sonde Pathfinder auf dem Mars landete, benannt. Die Biografie der als Tochter von Sklaven in Unfreiheit geborenen Sojourner Truth bietet ein frühes und bewegendes Beispiel für Selbstermächtigung. Die Aktivistin erkämpfte ihre Freiheit und engagierte sich zum Wohl der Nachkommen von Verschleppten. Sie brach und erfand Regeln und stellte sogar einen amerikanischen Präsidenten zur Rede. Ihre berühmteste Rede hielt sie 1851 vor weißen Frauen, die zwar strukturell erniedrigt wurden, sich jedoch auf gewisse Galanteriegebote berufen konnten. Man hatte einer weißen Frau aus der Kutsche und über Gehwegschäden hinweg zu helfen. Niemand hatte Sojourner Truth je eine respektvolle Hand gereicht. Dies gleichermaßen feststellend und kritisierend, sagte Sojourner Truth:  

„Bin ich etwa keine Frau*? Sehen Sie mich an! Sehen Sie sich meinen Arm an! Ich habe gepflügt, gepflanzt und die Ernte eingebracht, und kein Mann hat mir gesagt, was zu tun war! Bin ich etwa keine Frau*?“

Sojourner Truths auf einem Frauenkongress in Akron, Ohio, gestellte Frage, löste ein Debattenbeben aus, das bist heute den Erdkreis bewegt – in Ankündigung gewaltiger Erschütterungen. Die Aktivistin erkannte auch in den weißen Feministinnen Garantinnen der Ungleichheit. Erst hundertfünfzig Jahre nach dieser Einsicht erhielt die spezifische Form der Mehrfachdiskriminierung u.a. Schwarzer Frauen einen Namen. 1989 prägte Kimberlé Crenshaw den Begriff der Intersektionalität, um das Zusammenspiel von unterschiedlichen Unterdrückungsformen zu beschreiben. Seitdem arbeitet die US-amerikanische Rechtswissenschaftlerin daran, unsichtbar gemachte Bevölkerungsgruppen, allen voran Schwarze Frauen, in ihren komplexen Lebenswirklichkeiten sichtbar zu machen. Intersektionalität erlaubt inklusiv politisch zu arbeiten. Crenshaw hat bereits unzählige Menschen inspiriert und in ihrem Kampf um Gerechtigkeit unterstützt und gestärkt.

„Intersektionalität ist kein Universitätssport, sondern eine Handlungsanleitung für soziale Gerechtigkeit.“

„Wenn Leute behaupten, ich wirke spaltend, entgegne ich: Was ich zu tun versuche, ist sicherzustellen, dass die Spaltungen, die es gibt, uns nicht davon abhalten, eine bessere Welt zu erschaffen.“

Es gibt keinen Feminismus, der Rassismus ausklammert. Intersektionalität ist „a way of seeing“; „ein Depot voller ungehörter Geschichten“; eine Kraftquelle und ein Fundus der Gegenrede – backtalk.

„Die Widerrede hat mich zu einer politischen Person gemacht.“ Kimberlé Crenshaw

Kimberlé Crenshaw

Schwarzer Feminismus heißt das neue im Unrast Verlag erschienene Buch der Autorin, Kuratorin und Filmemacherin Natasha A. Kelly. Es referiert und dokumentiert eine feministische Traditionslinie und versammelt Texte von Sojourner Truth, Angela Davis, bell hooks, Audre Lorde, Barbara Smith sowie Kimberlé Crenshaw.

Die Beiträge „bauen historisch aufeinander auf“. Die Übersetzungen verstand/versteht Kelly „als feministisches Handeln“. Entsprechend wurde in nicht-feministische Fassungen eingegriffen.

Kelly nannte Sojourner Truths Rede den „ersten Meilenstein“.

„Es gab von jeher einen Schwarzen feministischen Kanon.“

Die Phänomene der Mehrfachdiskriminierung verglich Kelly mit dem Verkehr auf einer Kreuzung. Die Verletzungen können aus allen Richtungen kommen.

Emilia Roig stieg da ein. Die aus Frankreich stammende Leiterin des Center for Intersectional Justice (CIJ) steuerte eigene Erfahrungen im Spektrum der Mehrfachdiskriminierung bei. So beschrieb sie die Universität „als kriegerisches Terrain“. Man habe versucht sie abzudrängen und ihr Premiumpositionen verweigert. In Frankreich sei der Rassismus deutlicher. Da wird Roig suggeriert:

„Du bist nicht an deinem Platz geblieben.“

Dr. Emilia Roig (geb.1983 in Dourdan) studierte an der Hertie School of Governance und promovierte an der Université Lumière Lyon 2 und der Humboldt Universität Berlin. Seit Sommer 2015 ist sie Dozentin im Social Justice Study Abroad Programm der Chicago DePaul University.

Roig forderte:

„Alle müssen intersektional und feministisch arbeiten.“

Alle müssen den Verschleierungen der Tatsache entgegenwirken, dass Rassismus ein intransigentes System ist – eine ständig kontrolliert herbeigeführte systemische Entgleisung.

Die weiße Welt hat leichtes Spiel, solange die meisten Diskriminierten vor allem in ihre Verdrängung investieren.

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