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22.05.2019, Jamal Tuschick

Deutschland ist nur zweite Wahl, als sich Can Dündar gegen die Haft und für das Exil entscheidet. Das berichtet Dündar in seiner Abrechnung „Verräter. Von Istanbul nach Berlin. Aufzeichnungen im deutschen Exil“.

Mit der Vollmacht eines Diktators

Can Dündar ist in Barcelona, als in seiner Heimat ein Putschversuch fehlschlägt und der Staatspräsident die Gunst der Stunde nutzt. Hinter dem eisernen Vorhang des Ausnahmezustands regiert er mit der Vollmacht eines Diktators per Dekret. Dündar weiß, dass ihn ein Festnahmekomitee auf jedem türkischen Flughafen erwartet. Er erwägt, sich von Erdoğan zum Staatsgefangenen machen zu lassen.

Can Dündar, „Verräter. Von Istanbul nach Berlin. Aufzeichnungen im deutschen Exil“, Hoffmann und Campe, 192 Seiten, 20,-

Dündar hat Untersuchungshafterfahrung, ist nach wie vor bedroht von schwersten Strafen. Zweimal lebenslänglich steht auf der Wunschliste seiner Feinde und ihres Führers.

Der 1961 in Ankara geborene Dündar berichtete im Sommer 2015 in der Istanbuler Tageszeitung Cumhuriyet unter der Überschrift „Hier sind die Waffen, die Erdoğan leugnet“ über einen türkischen Geheimdienst-Lieferando.

Mörser statt Mozarella

Beliefert wurden islamistische Milizen mit Munition. Offenbar ohne Beanstandungen. Man legt Dündar den Verrat von Staatsgeheimnissen zur Last. 

„Zur Debatte stehen zweimal lebenslänglich; nach altem Strafrecht ein Todesurteil.“

Deutschland ist nur zweite Wahl, als sich Can Dündar gegen die Haft und für das Exil entscheidet. London gefällt ihm besser als Berlin, aber in Berlin ist man der Türkei sowohl auf der Straße als auch im Parlament näher.   

Aus der Ferne gibt er seinen Cumhuriyet-Chefsessel ab.  

„Selbst im Gefängnis hatte ich weiter als (Herausgeber) fungiert. … Nun waren die Bedingungen verändert. Eine Zeitung lässt sich nicht … per Fernbedienung leiten.“

Der Chronist übergeht im Weiteren den abgeknickten Karrierehöhepunkt. Mehr zu schaffen macht ihm die Abwesenheit der Familie, die er in Gefahr zurückgelassen hat. Letztlich sind die Angehörigen Geiseln.

„Ich befand mich nicht mehr in meinem Land. Ich hatte keine Arbeit, zu der ich hätte gehen können. Alles war auf einmal verschwunden.“

Zu den Beschwerlichkeiten der Diaspora zählt die Beschaffung neuer Papiere, einschließlich eines neuen Parkscheinausweises. Dündar kann sich mit dem deutschen Wetter nicht anfreunden. Als Kind des Mittelmeers mit von der Sonne geküssten Augen fehlen ihm in Berlin die Möwen; während ihn die Mauerreste zu der optimistischen Einsicht gelangen lassen, dass keine Diktatur ewig währt.

Erdoğan tilgt eilig das Andenken des Geflüchteten - Damnatio memoriae. Dündars literarische und journalistische Beiträge zur gesellschaftlichen Gegenwart der Türkei werden aus dem Verkehr gezogen und Bücherscheiterhaufen in Brand gesetzt.

Dündar zitiert Heinrich Heine:

„Wo man Bücher verbrennt, verbrennt man am Ende auch Menschen.“

Der Dissident fühlt sich von Erdoğans vehement erhobenen Verratsvorwurf förmlich hingerichtet. Dündar trägt schwer am Kreuz der Infamie. Sein Denken kreist um die Ehrabschneidung.

Dündar klärt den Verratsbegriff zum Nachteil Erdoğans. Er beschreibt Bedingungen, in der eine Demokratie verdirbt. Zu der sämtliche Totalisierungsprozesse befeuernden Regression zählt die Fiktionalisierung der Wirklichkeit. In diesem Kontext gewinnen Verschwörungstheorien die Bedeutung von Erkenntnissen. Die Realität wird zur Standortfrage in Abhängigkeit von der Intelligenz. Hat man sich an diesen Vexierspiel gewöhnt, mögen einem Wahlfälschungen als eine aus dem freien Spiel der Kräfte geschöpfte Möglichkeit erscheinen, sich politisch zu positionieren.

Erdoğans Partei gewordene Bewegung „für Gerechtigkeit und Aufschwung“ nennt sich „die Tugendhaften“. Ihrem Führer folgen die Parteigänger*innen mit religiöser Leidenschaft. Als ihr Präsident sie in der Putschnacht des 15. Juli 2016 auf die Straßen des Landes rief, kamen sie zuhauf und in Scharen. Das waren Scharen in Schlafanzügen. Sie traten gegen die Panzer der Putschisten und verfluchten die zum Umsturz befohlenen Rekruten, die, so Dündar, gar nicht wussten, in wessen Namen sie handelten.

In Berlin erinnert sich der Verfemte an die Zeit im Gefängnis. Sie bot Raum für einen digitalen Detox.  

„Im Gefängnis lässt es sich gut schreiben. Das Schreiben wird zum Freund. In der Isolation teilt man sein Leben mit dem Schreiben.“

„Es geht nicht darum, gefangen zu sein. Sondern darum, sich nicht zu ergeben. Nâzım Hikmet

Das Gefängnis schloss eine biografische Lücke. Nun darf sich Dündar „zur Familie der Gefängnisautor*innen“ zählen. Als Zellengenosse fühlte er sich Kafkas Gregor Samsa besonders nah.

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