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22.05.2019, Jamal Tuschick

Textland Wedding – Ich treffe Nicola Karlsson in einem Berliner Bezirk, in dem Arbeiterquartiere noch bildbestimmend sind. Emanationen der Migration koinzidieren mit altdeutscher Armut. Die Phänomene spielen ins Kuriose. Sie gehen über die Barrieren der Hauptstadt-Standard-Images. Meisterhaft belichtet Karlsson einschlägige Szenen in ihrem Roman „Licht über dem Wedding“. Der Autorin gelingt es, die alte Geschichte von den Randfiguren im Glanz ihres Eigensinns und eines getöpferten Stolzes noch einmal neu zu erzählen. Ihre Manier entgeht jenem Vorwurf einer milieukünstlerischen Zärtlichkeit, den Adorno einst Zille machte, indem er feststellte: Der Zeichner streichelt das Elend am Popo.

Mit mir hat keiner gerechnet

Mit einer Bewegung, als wolle sie die Gegend segnen, verkündet Karlsson:

„Das ist der Wedding. Hier sind die Leute von hier.“

Wir haben uns an einem historischen Ort verabredet. Das Café Schraders existiert in seiner ursprünglichsten Ausprägung seit 1906, Karlsson wird am 28. Mai um 20 Uhr im Lokal lesen.

Nicola Karlsson, „Licht über dem Wedding“, Roman, Piper, 318 Seiten, 20,-

Sie rezensiert das Publikum. Ihre Beobachtungsgabe balanciert auf dem Hochseil der Phantasie. Die Bemerkungen übertreffen ihre Gegenstände. Mit einem greisen Patron, der unter jungen Leuten vereinsamt, bebildert Karlsson eine Kurzgeschichte aus der Rubrik: Menschen im Café.  

Mit mir hat keiner mehr gerechnet

Sie kommt aus Reinickendorf. Das betont sie. Wieder und wieder kehrt sie dahin zurück im Gespräch. Sie kehrt ein in Erinnerungen an eine Kindheit, mit der auch der biografische Abriss endet, den Karlsson liefert. Die Reinickendorfer Jugend endet in B.-Mitte, wo der Westen den Osten aus dem Verkehr zieht, und im Starkregen der Gentrifizierung alles dem Diktat der Verteuerung unterworfen ist. Mit sechsundzwanzig heiratet Karlsson einen Schweden, dessen Namen sie seither trägt. Die Ehe hält nicht. Es kommt zu Schwangerschaften und Kindern. Manuskripte entstehen. Vor meinen Augen entsteht der Scherenschnitt einer inneren Topografie im Passepartout der luftwurzelnden Rätselhaftigkeit.  

Den Raum ihrer Kindheit öffnet Karlsson bereitwillig:   

„Mit mir hat keiner mehr gerechnet.“

Ihr Erscheinen auf der Welt bedeutet für die Eltern unerwartete Veränderungen. Der Fahrplan des Lebens muss umgeschrieben werden. Zwei viel älteren Schwestern kommt Karlsson als verkapptes Einzelkind nach.

„Ich war schüchtern. Schüchtern und neugierig.“

Reinickendorf ist noch „ein gemischter Bezirk“. Angestellte und Arbeiter leben Tür an Tür. Karlsson wächst zwar in einer Platte auf, aber zum Wohnraum gehört einen zwanzig Quadratmeter große Dachterrasse.

Die Spaltung ist sofort da und zieht sich als breiter werdender Riss durch die Jahre des Werdens. Draußen herrscht der raue Ton der Unterschichten, zuhause hat man Bücher und abweichende Wertvorstellungen. Abweichend von den Parolen, die auf der Straße ausgegeben werden, und die Karlsson als Gegenprogramm der elternhäuslichen Devisen zulassen muss, um nicht so durchzufallen wie Hannah Hoch, die Neue in dem Hochhaus, dass im Roman den Hauptumschlagplatz des Gemütsschutts abgibt.  

Karlsson beweist ein beinah perverses Vergnügen an den Details eines vom Trassenlärm erschütterten Glücks im Winkel. Während die Eingeborenen Wolf und Agnes als Protagonist*innen der Gewöhnlichkeit kaum auffallen, fällt Hannah Hoch im Wedding aus dem Rahmen. Hannah wird von der Bekleidungsindustrie bemustert. Sie repräsentiert die Armutsvariante einer Modelexistenz. Jarett Kobek nennt solche Performerinnen Content Slaves. Sie schlachten sich selbst aus. Hannah sucht ständig fotogene Hintergründe, um davor in vorgetäuschter Zufälligkeit zur Selfie-Lieferantin zu werden. Nicht alle Schauplätze sind ungefährlich. In Helgas Kneipe, deren Schäbigkeit die Eleganz eines Kleides kontrastieren soll, muss Hannah ihrem Inszenierungswahn ein Blutopfer bringen. Hundertsiebzigtausend Follower heizen ihre Einsamkeit paranoid auf. Hannahs Schick von der Stange kommt im Augenblick meiner Begegnung mit Karlsson nicht vor.  

Karlsson spiegelt sich in Agnes. Die Mischung aus Mimikry und Widerstand wird in Reinickendorf zusammengerührt. In der Gesellschaft Gleichaltriger stellt sie ihr Licht unter den Scheffel und verschleiert bürgerliche Spielräume. Am Esstisch speist sich die Abwehr gegen das Ehepaar, dem man zugeteilt wurde, aus Argumenten, die sonst wo aufgeschnappt wurden.

Karlssons Mutter arbeitet halbtags.

Wir reden lange über halbtags arbeitende Mütter. In Westdeutschland haben alle diese halbtags arbeitenden Mütter, die mit der Tätigkeit Selbständigkeit verbinden, und nach der Arbeit sich in der weiblichen Hausgemeinschaft wenig gehenlassen. Im Wohnzimmer der Gastgeberin steht der Zigarettenrauch wie eine Wand. Es riecht nach Haarspray, Kaffee, Likör und Möbelpolitur.

„Trotzdem wollte man nicht wissen, was bei manchen zuhause passierte. Das ging einen nichts an.“

Das private Elend kehrt sich wie von selbst unter den Teppich des komplizenhaften Schweigens.

„Es ist normal, dass überall was abgeht. Die meisten nehmen häusliche Gewalt als gegeben hin.“

Auch Agnes erträgt väterliche Gewalt. Verliert Wolf die Beherrschung, stellt er Agnes vor die Wahl, einen Schläger zu lieben, oder keinen zu haben, den sie lieben kann. Die Alternative zur Liebe mit Hiebe ist nach den Gesetzen des Weddings auf jeden Fall das größere Armutszeugnis.

Als Kind rau angefasst und nun auch eingefasst, macht sich Agnes bei jeder Gelegenheit gerade. Ihre Mutter hat sich gleich nach ihrer Geburt aus dem Staub gemacht. Der Vater ist ein besonderer Fall. Wolf war mal wer als Frontier des 1990er Jahre Vergnügens. Er richtete Clubs ein und schuf Stilikonen. Er zog Design- und Kokslinien.

„Mit dem Trinken stand die Arbeit im Einklang.“

Irgendwann war die Party vorbei, die ehrgeizigen Schönheiten nicht mehr interessiert, und die Auswahl zusammengeschrumpft auf das Angebot in den Pilsstuben an der Brunnenstraße weit weg vom Schick des Rosenthaler Platzes.

„Wann hatte er aufgehört jung zu sein?“

Als Ostbrachen nach Neunundachtzig zu Partykulissen avancierten, ersetzte Wolf Hermann den gelernten Zimmermann als fähigen Autodidakten. Der Student zimmerte das Clubinterieur im Stil der elegisch ruinierten Brandmauer zusammen und schillerte als Liebhaber in einem Dauerfeuer der Gelegenheiten. Von Susann bekam er Agnes.  

Karlsson nimmt Wolf in Schutz. Er sei „überfordert“ als alleinerziehender Vater ohne solide Existenzgrundlage. Das Verständnis findet keine Umgebung und schon gar nicht meine Zustimmung.

Die Kinder aus Frohnau

Mein Blick schweift ab und heftet sich an zwei junge Frauen, die am Rand des gastronomischen Freiluftgeschehens auf einer öffentlichen Bank Rotkäppchen Sekt trinken. Irgendwas stimmt nicht mit ihrer Performance. Den zur Schau gestellten Gleichmut gegenüber dem allgemeinen Hin und Her nehme ich ihnen nicht ab. Ich drehe mich um und sehe eine in der Infosphäre Abgetauchte. Die Vortäuschung von Entrückung geht einher mit der Verbergung von Scham.   

Ich konzentriere mich wieder auf Karlsson. Sie hat meine Abschweifung ausgesessen. Auch das ist ungewöhnlich. Die meisten Menschen entbehren Zuwendung, sobald sie Anspruch darauf haben, schmerzlich.

Das Kind lebt in seinem Kopf. Es erzählt sich Geschichten und verwechselt reale mit erfundenen Ereignissen, so dass es als Lügnerin dasteht.

„In meinen Träumen bin ich immer noch da, wo ich aufgewachsen bin.“

Karlsson erzählt von einer Abkürzung des Schulwegs. „Der Schwarze Weg“ führt über einen Abwasserkanal und bietet sich für Mutproben an.

Karlsson zündet die nächste Stufe. Nun ist sie alt genug, um die Grenzen ihres Viertels im Pulk der Freundschaft zu überwinden.

„Es gab uns und es gab die Kinder aus Frohnau.“

Karlsson betreibt Othering mit den Kindern aus Frohnau. Sie hegt sich ein, als unterläge sie immer noch dem Gruppendruck einer Nachbarschafts-, Schul- und Generationsgemeinschaft, die in merkwürdigen Kompressionen die Zugehörigkeit klärt, indem sie die Klassenfrage stellt.

Die de Beauvoir der Bauarbeiter

Die Kinder aus Frohnau sind reich zu Karlsson Entlastung. Endlich ist sie nicht mehr die Tochter Wohlhabender unter Ärmeren, aber Stärkeren, sondern die Kinder aus Frohnau übernehmen die Aufgabe, sich als schwache Reiche dissen zu lassen.

Mit fünfzehn swingt Karlsson „hochmütig“ zwischen den Abteilungen. Sie geht mit achtzehnjährigen Bauarbeitern aus, die vorher ihre Rollen in Reinickendorf sowie im Wedding als Hauptschüler gespielt haben.

Karlsson wird hofiert und chauffiert. Manchmal schwänzt sie die Schule, um ein Buch zu Ende zu lesen. Aussehen möchte sie wie Simone de Beauvoir, ohne einen Sartre weit und breit.

Ich stelle mir das vor, während ich das Sitzfleisch der Sekttrinkerinnen bedenke. Karlsson als Beauvoir der Bauarbeiter. Eine Tür fällt ins Schloss. Die Jugend endet mit einigen Missverständnis und Erkenntnisprisen.

Karlsson lässt mich vor der Tür ihres erwachsenen Lebens sitzen. Nach einem Leerlauf von zehn Jahren fällt die Bemerkung durch lauter Etagen des Unerzählten:

„Mit Ende Zwanzig lernte ich einen Schriftsteller kennen. Er ermutigte mich zu meinem ersten Roman.

Dazu bald mehr.  

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