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23.05.2019, Jamal Tuschick

Fredo, die Möchtegern-Nemesis oder Die Sizilianische Schuld - Ein Fortsetzungsroman von Simone von Brentano. Heute:

Die Genealogien des Gong-fu

Ich im Sprung vor vierzig Jahren

Nie zuvor in meinem Leben hat es im Mai geschneit. Ich sehe auf weiße Dächer, während ich mit Upton telefoniere. Ich habe nicht vielen Vertrauen geschenkt und mir deshalb viele Enttäuschungen erspart. Ich bin einfach angekommen an allen Zielen meiner Leidenschaften. Der Plural drängt sich auf, obwohl es immer nur um eine Sache ging. Und so wie es immer nur um eine Sache ging, so gab es auch nur einen Menschen, mit dem ich mich darüber verständigt habe.

Ein Meister sagte, man könne gar kein guter Kämpfer werden ohne einen guten Partner, und vielleicht trifft das sogar auf mich zu, auch wenn Upton und ich in den letzten zwanzig Jahren selten gemeinsam trainiert haben. Trotzdem gab es immer eine Superverbindung und bis gestern gab es schrankenloses Vertrauen.

Die Genealogien des Gong-fu waren lange enggefasste Reihen. Manchmal gab es nur drei, vier Repräsentanten einer Linie in hundert Jahren. Das Wissen wurde vom Vater auf den Sohn übertragen. Wo die leibliche Verwandtschaft nicht gegeben war, gewann man mit seinem Meister eine Familie. Etwas von diesem Format ist so zwangsläufig, dass es sich auch noch in der totalen Entfremdung, ich möchte sagen Säkularisierung des Westens durchsetzt. Also waren bis gestern auch Upton und ich Vater und Sohn und Sohn und Vater, insofern Upton schließlich zu meinem Meister wurde. Die Geschlossenheit solcher Verhältnisse ergibt sich aus dem gewiss trivialen Umstand, dass jeder anders kämpft und eine perfekte Anpassung an ein System (im Zuge seiner Überwindung) oder eher noch an ein Milieu (von Bewegungen, Ansichten, vor allem jedoch Ausgangspunkten) eine absolut maßgeschneiderte Angelegenheit ist – in einem Feld nachlassender und zunehmender Möglichkeiten. An eine Hüftblockade habe ich meine Fußtechniken (erlernt wegen ihres Schauwertes) verloren und mit ihnen den sentimentalen Aspekt meiner Existenz.

In den Prozessen der Verkleinerung bin ich zu einem anderen geworden. Trotzdem spielt die Genese als eine Art Hindernislauf zwischen Einschränkungen und Überschüssen in jedem Augenblick die Rolle eines Zentralgestirns. Wie ich mich bewege, hängt davon ab, wie ich mich einmal bewegt habe in kompetenter Nachahmung bewunderter Meister.

Mein Körper ist ein Depot ihrer Vermögen.    

Upton hat eine schwere Zeit. Er wurde überfallen und hinterrücks niedergemacht. Ich prüfe seine seelische Verfassung in meinem inneren Labor. Ich vermesse die Strecken der Vermeidung und was da sonst ist.

Upton überfällt mich mit seinen Sachen. Er will nicht wissen, was mit mir los ist. Gerade interessiert er sich nicht besonders für unser einziges Thema. Das macht mich stutzig.

Man kann das Leben als Distanzproblem beschreiben, und wenn man anders gestrickt ist, kommt man über die Zeit.

Time is distance.

Time is money.

Distance is money.

Abstand ist Reichtum. Armut bedeutet, keinen Abstand herstellen zu können. Im Kampf geht es darum, den Feind so arm zu machen, dass er einem nichts mehr entgegensetzen kann. In der Liebe geschieht nichts anderes. Deshalb nennen wir sie Kampf.

Einer unserer psychologischen Lieblingsspielplätze ist die Hypertrophie. Obwohl Upton weiß, dass Hypertrophie nicht belohnt wird, neigt er ihr zu.

Das Gespräch ist eine einzige Wiederholung zum Zweck der Standpunktabsicherung.

Es gab/gibt einvernehmlich aufgegebene Positionen und gemeinsam erschlossene Erweiterungen. Nie gab es ernsthaft entgegengesetzte Ansichten. Bis gestern lebten wir (nach meiner Ansicht) in Übereinstimmung. Einer unserer Lieblingsbeispiele für Hypertrophie ist Muhammed Ali. Betrachtet man den Olympiasieger und Sonny Liston-Bezwinger, sieht man die Sonne, die nur für Ali schien. Zehn Jahre später, nach der Vietnamscheiße, war er schon nicht mehr der Alte. Er boxte Gegner mit tödlicher Schlagkraft. Er starb beinah im Ring – ein Genie, dass sich anders aus der Affäre hätte ziehen müssen als Vorbild für uns, die kleinen Racker und Autoerotiker im Dauerflow.

Ali war ein Riese, kein Scheinriese mit einer Lücke, die sich systematisch bearbeiten lässt. Ich will aus lauter Aberglauben nicht sagen, dass Joe Louis auch nur im Ansatz ein Scheinriese war.

I have seen something

Vor dem Kampf gegen Joe Louis am 19. Juni 1936 ließ Max Schmeling die kryptische Bemerkung fallen: „I have seen something.“

Was hatte Schmeling gesehen? Er hatte gesehen, dass Louis seine Deckung aufgab, sobald er einen kurzen linken Haken setzte. Ohne es zu merken, entblößte er sein Kinn. Der Rest ist Geschichte. Die Deckungslücke machte Louis (im Verhältnis zu Schmeling und auch nur in einem historischen Augenblick) zum Scheinriesen. Der krasse Außenseiter, die Wetten standen zehn zu eins für Louis, schlug den Favoriten k.o.

Nein, Louis war absolut kein Scheinriese. Upton und ich hecheln die I-have-seen-something-Episode durch. Ich stecke in einem Kampf, der sich hinzieht, Upton hat nicht einmal nach dem Stand der Dinge gefragt. Nun sagt er:

„Louis hat seinen Fehler überwunden und Schmeling im Rückkampf geschlagen.“

Ich bin alarmiert. Wir haben in Jahrzehnten nie über den Kampf von 1938 geredet. Nur darüber wie das Unwahrscheinliche sich zwei Jahre zuvor vollzog im zupackenden Begreifen der blöden Schwäche eines im Übrigen Überlegenen.

Es bleibt dabei. Das Wissen geht vom Vater zum Sohn. Beide verstärken sich, selbst wenn sie es gar nicht wollen. War das der Vater oder der Sohn, der (wahrscheinlich zum letzten Mal) informiert wurde?

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