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24.05.2019, Jamal Tuschick

Flucht aus der Armut. - Sie kamen mit wenig mehr und sie wollten nichts anderes als die Geflüchteten der Gegenwart. So fasste „Edition Faust“-Mitherausgeber Michele Sciurba das Migrationsschicksal seiner sizilianischen Eltern gestern Abend bei der Berlin Premiere von „Mare Manuscha“ im Maxim Gorki Theater zusammen. Nie habe er seinen Geburtsort Palermo nennen können, ohne mit ermüdender Vorhersehbarkeit die Mafia-Assoziation auszulösen. Auch deshalb fühle er sich den unter Vorurteilslasten leidenden Sinti und Roma besonders verbunden – den Held*innen des von Cornelia Wilß und Romeo Franz herausgegebenen Gesprächsbuchs „Mare Manuscha“.

Mit dem Bauch hören

Cornelia Wilß, Romeo Franz

Michele Sciurba, Ulla Bayerl, Sarah Schuster, Alban Nikolai Herbst

Der Mythos von der Homogenität

In seiner Eröffnungsrede zitierte Sciurba Rosa Luxemburg: „Zu sagen was ist, bleibt die revolutionärste Tat.“ Nach ihm gab Romeo Franz Auskunft über die Vielfalt der Sinti- und Roma-Kulturen, aus deren Diversifikationen eine europäische Meta-Kultur entstanden ist – ein noch zu hebender Schatz. Franz entzauberte „den Mythos von der Homogenität“, wie auch der Beinah-Belgrader Dejan Jovanović, der auf dem Akkordeon Verschmelzungsbeispiele von Romno-Weisen und serbischer Volksmusik lieferte.  

Romeo Franz, Cornelia Wilß, Alexander Paul Englert, Mare Manuscha, Innenansichten aus Leben und Kultur der Sinti & Roma, Edition Faust, 248 Seiten, mit Fotografien von Alexander Paul Englert, 28,-

Jovanović war der erste in einer Reihe der in „Mare Manuscha zu Wort kommenden Sinti und Roma, die bei der Präsentation von den Herausgeber*in Cornelia Wilß und Romeo Franz noch einmal befragt wurden.

„Dass ich Musiker werde, stand schon vor meiner Geburt fest“, erklärte der in eine Geigerfamilie hinein Geborene.

Dejan Jovanović, Hristo Kyuchukov

Hristo Kyuchukov (rechts) ist weltweit der einzige Roma-Psycholinguist. Er bestimmt den Ursprung der gemeinsamen Sinti- und Roma-Sprache im Altsanskrit. Die Verschmelzung von Hindi-Vokabeln mit europäischen Sprachen und Dialekten ist ein linguistisches Superexperiment, dem Europa seit mehr als achthundert Jahren als Labor dient.

Der Band in seiner ganzen Pracht

Mit dem Bauch hören

Jovanovićs Werdegang glich einem Hindernislauf, bis er nach Berlin kam und an der Hanns Eisler Musikhochschule das Akkordeon-Fach absolvierte.

Schon lange überlegt sich Jovanović nicht mehr, woher welcher Stil kommt, den er adaptiert. Sein Spiel geht „über die Noten hinaus“.

Franz sekundierte: „Wir hören mit dem Bauch und fühlen das Spiel.“

Hristo Kyuchukov folgte Jovanović auf die Bühne. Kyuchukov beherrscht sieben Sprachen und wurde drei Mal promoviert. Bei seinen, nach schwierigsten Anfängen schließlich erfolgreichen Bemühungen, Romani im akademischen Raum zu etablieren, wurde er dem Vorwurf ausgesetzt, „die Zigeunersprache selbst erfunden“ zu haben.

Kyuchukov nahm es mit Humor. Er verkörpert den Volksaufklärer im besten Sinn und wirkte im Gespräch ungemein beeindruckend.

Der albanische Künstler Hamze Bytyçi repräsentierte im Bouquet der Diversität die queer-royal-links-feudale Rampensau mit einer besonderen Zugangsberechtigung in Shermin Langhoffs superdiversem Ensemble (inklusive der assoziierten Minderheitentanzgemeinschaften). Bytyçi lenkte die Aufmerksamkeit auf die Ereignisse in Österreich. Er wünschte sich so einen Regierungssturz wie gerade in Wien überall auf der Welt.  

Hier noch mal meine Besprechung

Den Kontext ändern

Die Zeit ist gekommen, die Bedeutungsbeweise der Sinti und Roma für die europäische Kultur in Monumente des Stolzes zu verwandeln.  

Die in Niederösterreich geborene Mutter verlor ihre Eltern und zwölf Geschwister an den nationalsozialistischen Rassenwahn. Sie überlebte sechs Lagerjahre. Nach dem Krieg verband sie sich mit einem Deutschen und machte ihn zum Vater von drei Kindern, die am Wiener Stadtrand so wie am Rand der Gesellschaft aufwuchsen und auch in der österreichischen Sinti-Subkultur nie „ganz dazugehörten“. Da entgingen sie soeben jener Ablehnung, auf die allein sie sich in der Mehrheitsgesellschaft verlassen konnten.

Romeo Franz, Cornelia Wilß, Alexander Paul Englert, Mare Manuscha, Innenansichten aus Leben und Kultur der Sinti & Roma, Faust Kultur, 248 Seiten, mit Fotografien von Alexander Paul Englert, 28,-

„Die Katastrophe ist für mich nichts Außergewöhnliches, weil ich in einer Katastrophe lebe“, sagt der seit Jahrzehnten in Dachau gegen das Vergessen und neofaschistische Infamien wirkende Künstler Alfred Ullrich. Er wurde im Planwagen geboren. Nie habe seine Mutter ihren Lebensmut der Verzweiflung preisgegeben. Sie schöpfte aus eigenen Quellen und war noch viel dichter an ihrer eigenen Ursprünglichkeit als die Heutigen. Im Gegensatz zu ihr, wandert Ullrich zwischen den Welten, müht sich ab und reibt sich als Vermittler und Regisseur von Erinnerungsinszenierungen auf.

In dem ansprechend aufgemachten, hoch informativen, einfach notwendigen Gesprächsbuch „Mare Manuscha“ erscheint er am Anfang als Gegenüber der gleichsam gastgebenden und zugleich als Gäste in den Geisterbahnen der Befragten auftretenden Cornelia Wilß und Romeo Franz. Die Fragen von Wilß und Franz versah der Fotograf Alexander Paul Englert mit seiner Sicht.

„Ich muss die Kontexte verändern.“  

Das meldet der in Skopje (der Hauptstadt Mazedoniens) geborene Künstler Nedjo Osman. Als junger Mann spielte er für Fortuna Düsseldorf Handball. Heute spielt er in Köln Theater. Osman nennt Jugoslawien seine verlorene Heimat. Köln will er zum Standort einer Akademie machen, in dem die Kultur der Sinti- und Roma erforscht, archiviert und erweitert werden soll. Auch Osman brennt für „seine Leute“ und ihre marginalisierte Geschichte.

Die Zeit ist gekommen, die Bedeutungsbeweise der Sinti und Roma für die europäische Kultur in Monumente des Stolzes zu verwandeln. Der Schlüssel zum Erfolg liegt im Selbstbewusstsein gegenüber der Mehrheitsgesellschaft.

Raus aus der Inferiorität, rein in die Universitäten.

Man muss den Vorurteilen mit Wahrheit & Schönheit begegnen. Darin sind sich die Protagonist*innen einig. Ein reiches Erbe erlaubt es ihnen, aus dem Vollen zu schöpfen. Ilona Lagrene hat ihr Leben dem Kampf gegen das Vergessen geweiht.

Hristo Kyuchukov ist weltweit der einzige Roma-Psycholinguist. Er bestimmt den Ursprung der gemeinsamen Sinti- und Roma-Sprache im Altsanskrit. Die Verschmelzung von Hindi-Vokabeln mit europäischen Sprachen und Dialekten ist ein linguistisches Superexperiment, dem Europa seit mehr als achthundert Jahren als Labor dient.

Kyuchukov stammt aus Provadia in Bulgarien und wuchs in einer muslimischen Roma-Gemeinde auf. Seine Familie war seit Generationen im Pferdehandel und existierte solange nomadisch, bis die bulgarischen Behörden ihre Sesshaftigkeit erzwangen und in Assimilierungsprozessen die Differenzmerkmale reduzierten. Sie kaperten die kulturelle Eigenständigkeit und erzwangen triste Quartiernahmen an Stadträndern, wo die Beraubten als Unterbelichtete wahrgenommen wurden. Die strukturelle Benachteiligung führte zu Anpassungsdefiziten auf allen Feldern, einschließlich des Bildungsackers. Kyuchukov wies nach, dass die negativen Ergebnisse von der Intelligenz der Probanden nicht abhingen und veranlasste, dass das offiziell zur Kenntnis genommen wurde.

Dejan Jovanović: „Es geht um die Freiheit, zu entscheiden, was ich mit (dem) leeren Raum anfange. Ich bin befreundet mit dem Leben und befreunde mich mit mir selbst.“

In den Gesprächen taucht der Hinweis auf, dass andere Minderheiten und NS-Opfergemeinschaften ihre Solidarisierung mit Sinti und Roma genügsam gestalten. Vermutlich teilen sie Vorurteile der Mehrheitsgesellschafter. Auch Minoritäten stehen im Wettbewerb. Dotschy Reinhardt nannte einmal die fünfhunderttausend ermordeten Sinti und Roma „eine Randbemerkung des Holocausts“.

Am 16. Dezember 1942 erging der Auschwitz-Erlass, mit dem die Nationalsozialisten die Deportation von Sinti und Roma in Konzentrationslager anordneten.

Der Völkermord wurde erst 1983 anerkannt. Es geht immer noch um Entschädigung, Aufklärung - und Begreifen - etwa, dass Sinti „eine deutsche Minderheit sind“ - eine „nationale autochthone Volksgruppe“ wie die Friesen. Das erklärt der Musiker Romeo Gitano. Er freut sich „über jeden Menschen, den er aufklären“ kann.

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