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25.05.2019, Jamal Tuschick

Der Roman fängt gut an und hört nicht auf, gut zu sein. Vielleicht, weil Doris Anselm in „Hautfreundin“ so unangestrengt von Anstrengungen erzählt, und auf eine lässige Weise nichts von dem unterschlägt, was passiert, wenn man aus dem vertrauten Land der Kindheit in das fremde Land der körperlichen Liebe wechselt.

Das richtige Mischungsverhältnis

Ich „Sex mit Menschen, das war einmal die größte Unsicherheit überhaupt.“

Die Bettwäsche im gerade vom Kinder- zum Jugendzimmer aufgestockten Labor riecht nach Weichspüler. Der Butterblumengeruch entspricht einer mütterlichen Intervention, einem Veto womöglich. Jahre werden ins vertraute Land der Liebe gehen, bis man das wieder hat: die sich im Geruch aussprechende häusliche Sorgfalt und massenhafte Separation. Jeder ein super individueller Glückspilz auf seiner ganz persönlichen Butterblumenwiese.

Doris Anselm, Hautfreundin. Eine sexuelle Biografie“, Roman, Luchterhand, 255 Seiten, 20,-

Die Erzählerin weiß es sofort: „Man kann (in das fremde Land der Liebe) mit jemandem hinfahren, der einen liebt, oder mit jemandem, der schon mal da war“. Also (in der Regel) älter und erfahren genug ist …  

„… und jetzt ist alles da, alle nötigen Elemente, im exakt richtigen Mischungsverhältnis.“

um die Aktvoraussetzungen zu optimieren. Ich haue das absichtlich so ins Holz. Denn auch darum geht es auf dem Markt, den man im Verlauf der Pubertät als Umschlagplatz jedweder Relevanz zu begreifen lernt. Wo man lernt, an einer Lüge vorbei zu schrammen, indem man jemanden noch schnell den Laufpass gibt, für den es wichtig ist, nicht einfach ausgetauscht worden zu sein. Zwischen der Liebeskündigung und dem nächsten heißen Versprechen liegen vielleicht nur Stunden voller Sehnsucht, aber man ist doch bei der schonenden Wahrheit geblieben.

Die Erzählerin erinnert sich von der Warte eines überschrittenen Höchststandes ihres Liebesvermögens. Reizend deutet sie Unregelmäßigkeiten im Gedächtnisbetrieb an. Sie hat nicht mehr alles parat. Manchmal sind die Bilder der Erinnerung in zufälligen Überblendungen zu Kunstwerken geworden. Natürlich entgeht ihr nicht, wie sich die Gerüche ändern, sobald die elternhäuslichen Einhegungen ihre abschließende Wirkung verloren haben. Nun spricht sich eine relative Beliebigkeit ständig aus:

„Hier … gibt es keine Couch. Bei mir müssen alle gleich auf dem Bett sitzen.“

Was außerordentlich kränkend sein könnte, nämlich sich im Dutzend billiger zu finden, kommt im adoleszenten Erkundungskorridor eigenen Vorbehalten sogar entgegen. Der Kandidat wird sowieso nicht kleben bleiben, aber ich werde mich immer wieder an das „schwarze Rennrad“ in seinem Zimmer erinnern.

Herr Neumann „besitzt den schönsten Penis, den ich je gesehen habe“. Er übermannt die Erzählerin mit der absurden Grazie einer „Yogafigur“. Er behält zu viel für sich und besteht auf eine eigensinnige Auslegung der Intimität. Die Erzählerin schont ihn in der Schilderung.  

„Andere Leute backen zusammen, wir haben Sex.“

Ein erotisches Detail „glänzt verführerisch, es zieht Saft wie gezuckerte Erdbeeren“.

Herr Neumann wird von Paul ergänzt, der auf seine Art nicht weniger akkurat ist als der unterkühlte Premium-Beiwohner. Paul ist die Lösung, sobald es um Umzüge geht.

Noch zieht die Generation der Erzählerin um und vagabundiert im Spektrum der Chancen.

Paul huldigt einer fürwahr volkstümlichen Vorliebe: die Verballhornung stehender Begriffe und geläufiger Wendungen. Aus Beispiel macht er Bleistift. Er ist sich nicht zu schade für Abgekautes.

Sein Schweiß riecht nach gutem Sex.

Anselm beschreibt fast analytisch, wie verschoben sexuelle Ladungen aufeinander reagieren; wie einfach es sein kann und wie kompliziert. Eine leise Störung bestimmter Erwartungen löscht Programme der Erfüllung. Manchmal bewegt sich die Lust auf einem Grat über dem Ekel oder in einer Mulde äußerster Gewöhnlichkeit. Der Kaffee danach (auf einem Supermarktparkplatz) geht in die Bewertung ein.   

Dann ist wieder alles ganz anders/einfach und familiär.

Anselm folgt rasch verwitternden Spuren der Leidenschaft. Sie bleibt am Ball und erkennt: mitunter geht es um Paketklebeband. Ich kenne solche Gaffer Tape Gespräche; diesen Skilauf der auf- und abgleitenden Blicke. Ich erinnere Theatertechnikerinnen, für die Gaffer Tape so etwas wie The Basement Tapes der ultimativen Kompetenz war. Die sorgfältig ausrasierten Achselhöhlen straften Attitüden der gesellenhaften Berufsausübung Lügen.

Die „sexuelle Biografie“ versammelt Episoden, die sich in jedem Fall selbst genügen. Sie gipfeln an keinem gemeinsamen Punkt. Einige beschreiben urban-eskapistischen Sex – U-Bahn-Leidenschaften mit Zwischenstopps in Pilsstuben.

Ich möchte die Eröffnung ergänzen: Der Roman fängt gut an und hört nicht auf, gut zu sein. Vielleicht, weil Doris Anselm in „Hautfreundin“ so unangestrengt von Anstrengungen erzählt, und auf eine lässige Weise nichts von dem unterschlägt, was passiert, wenn man aus dem vertrauten Land der Kindheit in das fremde Land der körperlichen Liebe wechselt, um da über die Verwelkung hinaus zu altern.

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