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29.05.2019, Jamal Tuschick

Verschüchtertes Manspreading

Auf der Bühne sitzen drei debütierende Dichterinnen. Sie wirken so gesetzt wie ausgesprochen bürgerliche Frauen in ihren mittleren Jahren. Ihre Jugend ist äußerlich. Allen Anforderungen zeigen sie sich auf höchstem Niveau gewachsen. Wieland sitzt in der ersten Reihe, macht seine Schnappschüsse, schreibt mit. Sein Repertoire ist älter als die Älteste auf der Bühne. Nicht wenige Veranstalter*innen haben ihn in die Jahre kommen und verkümmern sehen.

Wieland wurde vom Leben mächtig abgetakelt

Nun ignorieren sie ihn. Sie lassen ihn vorbeihuschen und mit Abstand zu Allen Platz nehmen. Gern hat Wieland eine Wand hier und einen zweiten Stuhl da zur Absicherung seiner angeschlagenen Position. Längst ist seine Not über die Ufer der Bedürfnisse getreten. 

Wer die Not ignoriert, ist entweder hornhäutig oder mutwillig.

Zwei Tage später im Haus für Poesie (in der Berliner Kulturbrauerei)

Es ist doch keine Freude neben Wieland im Dunst seiner Schnapsfahne und Magenfäule zu sitzen. Wer verschwendet schon Attraktivität an verschüchtertes Manspreading? Trotzdem atmet Wieland gerade die Lockstoffe einer Person ein, die ihm unbefangen ihr Dekolleté präsentiert.

Die Person atmet therapeutisch ruhig ein und aus. Sie scheint mit ihrer Erscheinung gar nichts zu tun zu haben. Im Grunde sitzt sie da noch einmal im zünftigen Kittel einer gehobenen Beschäftigung. Sie präpariert sich wie zur Aufnahme eines Diktates. Offenbar ist auch sie im mitschreibenden Gewerbe.  

„Darf ich Sie was fragen?“ fragt sie.

Wieland zuckt zusammen. Er war schon lange nicht mehr gezwungen, spontan kommunikativ zu werden.

„Bitte“, ächzt er.

„Für wen schreiben Sie?“

„Nur noch für mich. Ich füttere einen Blog.“

So klingt die Bankrotterklärung eines Journalisten, der mal in der ersten Liga gespielt hat.

„Ach, das ist interessant. Wie heißt denn die Blog. Oder heißt es der Blog? Ich kann mir das nicht merken.“

Erzählerintervention

Ich sitze hinter der Koberin, die auf Journalistin macht, um Wieland in eine Kollegenfalle zu locken. Guten Tag, mein Name ist T.T. Ich war zwanzig Jahre Polizist und ermittele nun auch schon wieder seit Jahren im TT-Team allein gegen Fredo M. Fredos Lockvogel nutzt fleißig den Short Message Service. Die Mitteilungen sind kryptisch und nicht entlarvend.

Wieland sollte sich mal wieder einkriegen. Er hustet den lächerlichen Blognamen: Wielands Tagesthemen. Die Frau gibt einen Laut der zustimmenden Heiterkeit ab. Sie beugt sich noch ein bisschen weiter vor. Das reguläre Abendprogramm unterbricht ihr Theater. 

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