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30.05.2019, Jamal Tuschick

Jan Brandt erzählt in „Ein Haus auf dem Land / Eine Wohnung in der Stadt: Von einem, der zurückkam, um seine alte Heimat zu finden / Von einem, der auszog, um in seiner neuen Heimat anzukommen“ auch vom prekären Wohnen in Berlin.

Zwischenmieter

Jan Brandt

Jan Brandt und Nora Bossong

Fast alle schreiben Gedichte. Nur der Erzähler-Jan (im Gegensatz zu dem auf die bundesrepublikanische Ruhmesmeile zustrebenden Dichter-Jan Wagner) kann sich selbst nicht davon abhalten, mit Prosabeat den Redundanzraum der Literatur auszubauen. Er repräsentiert die Sprachschrottabteilung einer Avantgarde, die antizyklisch Lyrik über alles stellt. Brandt nennt folgende Namen besonders oft: Uljana (Wolf), Daniela (Seel), Björn (Kuhligk), Tom (Schulz) und Jan (Wagner).  

Jan Brandt, Ein Haus auf dem Land / Eine Wohnung in der Stadt: Von einem, der zurückkam, um seine alte Heimat zu finden / Von einem, der auszog, um in seiner neuen Heimat anzukommen, Roman, Dumont, 420 Seiten, 24,-  

Zwischen Fluch und Verheißung

Im Kreis der Dichter*innen macht Jan Brandt die Nacht von Neukölln zum Tag. Gemeinsam mit den idiosynkratischen Freund*innen begibt sich der ostfriesische Neuberliner auf den Stammespfad jener Mietnomaden, die ihre Lebenserfahrungen vor allem in prekären Wohnverhältnissen sowie in parallelweltlichen Nachbarschaften gewinnen. Sie kommen über das studentische Provisorium im Plural der Varianten nicht hinaus. Sie kämpfen gegen Vermieter*innen, deren Herkunftsvorsprünge nicht einzuholen sind. Die Vermieter*innen überbieten spielend den alltäglichen Wahnsinn. Sie investieren in paradoxe Konstellationen, um die Verwirrung stabil zu halten.

Brandt ist als Kombattant des unerklärten Bürger*innenkrieges eine Fehlbesetzung. Er schreibt schöne Briefe an die Hausverwaltung, während andere Mieter*innen Treppenhäuser in Brand setzen und darin kaum mehr sehen, als Ausrufezeichen hinter ihren Forderungen. Er versucht den bauernschlauen Entrechtungsstrategien eines Hauptmieters, der seine Untermieter systematisch abwrackt, mit vernünftigen Einwänden zu kontern. Einem Eigenbedarfsmarodeur stellt er so lange nach, bis er Eckensteher*innen so verdächtig geworden ist, dass eine Kiezbrigade Brandt mit faustrechtlichen Maßnahmen droht.       

Er ist „das Opfer“ und „der Ehrlose“ nach den Begriffen der Straße. Trotzdem ist Berlin so wunderbar, dass die Rattenscheiße vor der Wohnungstür und die Psychopathen nebenan und überall folkloristische Funktionen haben. Brandt verliert seinen bürgerlichen Status als Besitzer einer mietrechtlich eingefassten Grundfläche. Er wird zum kurzzeitig Geduldeten in Wohngemeinschaften. Stichwort: Zwischenmieter.

Eskapismus greift um sich.  

„Im November zog ich mit meinen beiden Koffern in eine WG in der Möckernstraße in Kreuzberg … Jens hatte über Facebook einen Zwischenmieter gesucht, weil er beruflich für zwei Wochen in die USA musste“.

An einer ganz anderen Stelle des Doppelromans macht Brandt die Gegenrechnung auf:

„Niemand aus meiner alten Grundschulklasse wohnte zur Miete … Niemals war jemals wegen Eigenbedarf gekündigt worden, niemand hatte umziehen müssen, weil die Gegend zu teuer geworden war.“

Bald mehr.

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