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01.06.2019, Jamal Tuschick

Jan Brandt erzählt in „Ein Haus auf dem Land / Eine Wohnung in der Stadt: Von einem, der zurückkam, um seine alte Heimat zu finden / Von einem, der auszog, um in seiner neuen Heimat anzukommen“ vom prekären Wohnen in Berlin und von einer krachend fehlgeschlagenen Intervention in seinem Herkunftsmilieu.

Existenzielle Obdachlosigkeit

Oft ist von ihnen die Rede im Roman: Georg-Büchner-Preisträger Jan Wagner, Nora Bossong, Björn Kuhligk

Eingebetteter Medieninhalt

Solange der Erzähler in seiner Geburtsgegend gut aufgehoben ist, rebelliert er gegen die Verhältnisse. Ihn provoziert der konzertierte Abschluss hinter Lebensbäumen und das traditionsreiche, auf Plattdeutsch verhandelte Kleinklein.

„Mit achtzehn hätte ich das Dorf mitsamt seinen Bewohnern am liebsten abgefackelt.“

Die Rede ist von Ihrhove. Das Dorf gehört zur Gemeinde Westoverledingen im Landkreis Leer in Ostfriesland, hat ungefähr 3600 Einwohner und liegt zwischen Leer und Papenburg an der Bundesstraße 70. Ihrhove ist Verwaltungssitz der Gemeinde. Wikipedia

Jan Brandt, Ein Haus auf dem Land / Eine Wohnung in der Stadt: Von einem, der zurückkam, um seine alte Heimat zu finden / Von einem, der auszog, um in seiner neuen Heimat anzukommen, Roman, Dumont, 420 Seiten, 24,- 

Jan Brandt geht seiner Wege in der Welt. An der amerikanischen Ostküste folgt er Spuren ausgewanderter Altvorderer. Er dokumentiert die Lebensläufe eines Urgroßvaters und eines Urgroßonkels. Der Urgroßvater kehrte nach einer eindrucksvollen Karriere dauerhaft zurück und bestätigte in Ihrhove seinen Rang mit einer Wiederholung des Außerordentlichen. Der Bruder blieb und gravierte sich seiner neuen Heimat mit legendären Schoten als Madman ein.  

Brandt erzählt in „Ein Haus auf dem Land / Eine Wohnung in der Stadt: Von einem, der zurückkam, um seine alte Heimat zu finden / Von einem, der auszog, um in seiner neuen Heimat anzukommen“ zwei gegenläufige Geschichten. Die im Titel zuerst angespielte Geschichte schildert eine abschüssige Berliner Mieterkarriere, die in „existenzieller Obdachlosigkeit“ mündet.

Siehe Zwischenmieter  

2016 suchte Brandt „in Berlin elf Monate lang nach einer bezahlbaren Mietwohnung“.

Den zweiten Verlauf mobilisiert ein Scheitern in der Herkunftssphäre. Dass dem Familienbesitz schon lange entzogene Haus des erfolgreichen Heimkehrers soll abgerissen werden. Von den Berliner Erfahrungen als ein von Mittellosigkeit Entrechteter bis ins Mark erschüttert, verfällt Brandt auf die Idee, der Planierung einen Riegel vorzuschieben. Mit dem urbanen Repertoire des Aktivisten und dem Habitus eines Bewahrers geschichtsmächtiger Architektur läuft er auf dem flachen Land gegen die Wand der Rentabilitätsbegriffe. Sein Gegenspieler, ein eingesessener Bauunternehmer namens Uwe Tellkamp, erscheint noch nicht einmal besonders unsympathisch.

Brandt führt sich selbst vor als ein zwischen Lebensfronten Zerriebener. Er ist ein Parmesan der Unzuständigkeit. Das wäre unschön zu lesen, ohne ein Wetterleuchten am Horizont der Selbstkritik. Der Autor erkennt aber in dem Rettungsversuch „ein nostalgisch-regressives Projekt“, dass seine Energie aus Erniedrigungen bezieht, die Brandt als Preis für Berlin hinzunehmen hat. Zwar stattet er sich nicht selbst narrativ mit urgroßväterlicher Gutherrlichkeit aus, doch vollziehen sich die Erhellungen der eigenen Ohnmacht im Schlepp eines familiären und dörflichen Niedergangs vor Ansichten, die auf ein vergangenes Gelingen zumindest hinweisen.  

Brandt gelingt das Scheitern.

In den letzten Wochen vor dem Abriss inspiziert er das verwinkelte, komplex aufgebaute, verlorene Erbe, das ihm als Kindheitsschauplatz gedankenlos vertraut ist. Er erinnert ein hohes Verwandtschaftsaufkommen als Kriegsfolge. An den formidablen Stand der Gründerzeit reichte nichts mehr heran. Das Nachlassen der familiären Kräfte koinzidierte mit dem Erlöschen der Gemeinschaftsvitalität.

Als die Brandts ihre Rollen als Garanten des Gemeinwesens nicht mehr spielen konnten, fiel das Dorf in Agonie. Brandt sammelt die kulturellen Echos eines fast schon imaginären Damals. Lieber wäre er als „Fitzcarraldo von Ostfriesland“ zum Gründer eines Literaturhauses (fern aller Interessierten) geworden: wurzelnd in altem Bestand.  

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