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21.06.2018, Jamal Tuschick

Marie Golüke - Die meisten Männer sind Pussies

Mein Vater ist DDR-Hauptstadtberliner, meine Mutter Brandenburgerin. Meine Eltern sind kollektivistisch sozialisierte, naturverbundene und handfeste Leute, mit guten Körpergefühlen und viel Sinn fürs Praktische. Sie haben Werte. Der Schmollreflex ist ihnen fremd. Sie verkörpern die arbeitende Bevölkerung.

Ich wurde ein Dreivierteljahr vor dem Mauerfall geboren. Das macht mich zur Ossi.

Ich habe keine Wut auf den Mann als besitzergreifendes Geschöpf

Ich stehe auf männliche Männer. Beim Sex ist Geschlechtsindifferenz langweilig. Für Gleichheit bin ich, wenn es um Bezahlung geht. Die Unterschiede zwischen Mann und Frau waren nie Thema in meiner Familie. Mir hat keiner gesagt, ich könne etwas nicht wegen meines biologischen Geschlechts. Es gab keine männlichen Domänen, die mir als Halbwüchsige verschlossen blieben.

Charakterlich komme ich nach meinem Vater. Wir sind beide stur. Wir tapezieren engagiert und verlegen unerschrocken Laminat. Wir haben gern Dinge in der Hand und vielleicht auch die Kontrolle.

Ich glaube, dass ich lange im Dornröschenschlaf gelegen habe. Mich hat wenig angefasst. Ich bin vertrauensselig aufgewachsen, obwohl mein Anderssein ständig zum Erlebnis wurde und ich nicht umhinkam, zur Kenntnis zu nehmen, dass ich anecke.

Ich war nicht das beliebteste Kind.

Ich falle auf, weil ich direkt bin.

Ich finde es super, eine Frau zu sein.

Marie Golüke hat in München Theaterwissenschaften und in Hamburg Performance Studies studiert. Sie beginnt mit jedem Satz einen neuen Text. Sie denkt in Hauptsätzen, die wie Romananfänge funktionieren. Ihre Weiblichkeit wirkt voluntativ. So, als könne sie auch anders. Dabei liebt sie es, fast klischeehaft Frau zu sein. Sie hat die Vogue abonniert, schwelgt in Modestrecken, zelebriert sich als Handtaschenträgerin. In ihren Stücken dekliniert sie sexuelle Spielarten auf einer Folie der Transgression. Sie arbeitet dem Anschein entgegen. Sie misst die Geschlechterspannung und untersucht den Mehrwert erotischer Polarisierungen. Für eine Performance ritzte sie sich mit Rasierklingen. Die Skarifizierung symbolisiert die Dreifaltigkeit. Darin erschöpft sich ihr Christentum.

Das Spiel mit der Macht beschäftigt sie und treibt sie an als subversive Masche.

Es ist ein Spiel mit der Suggestion. Du lädst jemanden auf und gibst ihm Bedeutung.

Man hat mit jedem einen Kampf. Die Machtverhältnisse ändern sich ständig. Die Annahme, dass der Dominate allein die Macht hat, ist falsch.

Nackt auf der Bühne zu sein, kann alles Mögliche bedeuten

Ich habe das Bedürfnis, mich zu zeigen.

Ich bin zur Freikörperkultur erzogen worden. Ich ziehe mich öffentlich aus, ohne mich für Missverständnisse zu interessieren, die sich daraus ergeben können. 

Wenn ich schlechten Sex habe …

dann geht sonst auch nichts. Oft will ich nur Sex. Sobald eine Frau offensiv ihre Befriedigung anstrebt, werden Männer formalistisch und beschwören die Ernsthaftigkeit ihrer Absichten.

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