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03.06.2019, Jamal Tuschick

Im Durchmarsch der Grünen verbindet sich ein älteres Machtkontinuum mit einem neuen Format – der Bewegung. Die Bewegung, das große Wir, ersetzt die Partei. Eine neue Gläubigkeit kommt im Verein mit Reinheitsbegriffen dazu.

Das große Wir

Weder die Französische Revolution noch der amerikanische Unabhängigkeitskampf signierten das Jahrhundert, dem sie die Tür aufmachten. Stets spricht man noch vom Viktorianischen Zeitalter und betont so das Restaurative, in der sich die revolutionäre Kraft des Bürgertums vollständig zeigte. Archäologie und Eisenbahnen waren die Steckenpferde des angehobenen deutschen Bürgertums. Die Gleichzeitigkeit entgegengesetzter Entwicklungen lieferte ihm die Energie zwischen den Polen Bestandshaftung und Fortschritt. Einerseits gaben die Deutschen, so schreibt Friedrich Engels, „dem alten ruhigen heiligen römischen Dunghaufen den Vorzug vor der gewaltigen Aktivität eines Volkes, das die Ketten der Sklaverei mit starker Hand“ abgeworfen hatte. Andererseits trieben sie ihre Interessen in progressiven Konstellationen zusammen. Das wichtigste Buch des deutschen Bürgertums setzte den Jahrhundertschlusspunkt. Ich rede vom Bürgerlichen Gesetzbuch. Das bürgerliche Selbstverständnis basiert auf Eigentum und Erbrecht. Es basierte ferner auf der mutwilligen Behauptung von Vertragsgleichheit aller Verkehrsteilnehmer. Zu offensichtlich war die Ungleichheit, als dass sie unbemerkt geblieben wäre. Fraglich ist, warum man sich von einer wohltätigen Auflösung des Widerspruchs abwandte.

Man wollte keine karitativen Lösungen in den Vorzeichnungen des Wohlfahrtsstaates, dessen Räson massenhafte Verelendung nicht erlaubt. Zu sehr glaubte man an das freie Spiel der Kräfte, das sich im Eisenbahnbau manifestierte. Man veranlasste gewaltige Sprengungen fern in der Türkei, schickte Geometer in die Wüsten Arabiens, und stimmte bis zum Wahnsinn gewagten Streckenverläufen und Finanzierungen zu. Die größte Kreativität entfaltete diese revolutionäre Avantgarde in ihrer Geldpolitik. Da sprengte sie sich von der Nation ab. So wie die Fürstenhäuser zutiefst europäisch und eben nicht national waren, so gingen die Entrepreneure der Gründerzeit über alle Grenzen hinaus.

In meiner Familie gab es keine Tycoons und Magnaten, nur einen Geometer – einen Vermessungsingenieur namens Viktor Tuschick. Er war ein deutscher Tscheche, der nach der Reichseinigung 1871 in den Sog der Bismarck’schen Staatsbahnsystematisierung geriet. Die militärstrategische Bedeutung der Eisenbahn stand im Vordergrund der Berliner Überlegungen. Ich weiß nicht, wo die Widerstände herkamen, die Deutsche Reichsbahn zählt zu den Errungenschaften der Weimarer Republik.

Viktor kam als Katholik nach Kassel, wo alle protestantisch waren. Er war eine so gute Partie, dass der Malus einer Mischehe in Kauf genommen wurde. Viktor bekam seine evangelische Kurhessin und zeugte mit ihr elf Kinder. Sie kam nieder, bis sie nicht mehr aufstand. Viktor beerdigte sie, heiratete gleich wieder und machte so weiter, wie zuvor. Nach seinem Tod stürzte die Witwe mit ihren Kindern sozial ab. Das sorgte für eine historisch gewordene, meine Produktion seit Jahrzehnten mobilisierende Spaltung. Die älteren Geschwister gehörten zum Bürgertum und die jüngsten durften sich freuen, irgendwo unterzukommen – in irgendeinem Notbehelf des Lebens. Die Nähe zu den situierten Verwandten nutzte ihnen trotz eines angeblich starken Familienzusammenhalts wenig. Sie reagierten darauf mit Parteinahmen für die Sozialdemokraten.

Vor ein paar Wochen erzählte mir Onkel Hagen von einer sozialistischen Zelle, die nach dem Krieg im Haus der Jugend gegründet worden war und fast zwanzig Jahre lang bestand, als eine Art Überholspur der sozialdemokratischen Konsensstrecke. Hagen war in einer Zeit politisiert worden, als die gesellschaftstragenden Kräfte den Plebs noch von der Politik fernhalten wollten.

„Die Bürgerlichen führten uns vor Augen, wie ungebildet wir waren. Sie wollten, dass wir uns schämten. Aber von uns schämte sich keiner.“

Diese Sozialisten in der Kasseler SPD betrieben das, was Georg Büchner „Gießener Winkelpolitik“ und „revolutionäre Kinderstreiche“ nannte. Sie glaubten an die Gewalt als notwendige/unvermeidliche Gegengewalt zu der herrschenden Gewalt. Sie blieben vollkommen ausgeschlossen von der Einsicht in die revolutionäre Kraft des Bürgertums. Obwohl sie die Unterdrückten waren, hielten sie sich für rücksichtsloser als ihre Chefs. Die Prozesse der Zivilisation waren ihnen nicht geläufig.

Die sozialistische Zelle wurde von der Betonfraktion unter Holger Börner absorbiert und rechts gescheitelt. Sie verbürgerlichte in einem Wohlstandsrahmen, der inzwischen die SPD als Aufsteigerpartei überflüssig gemacht hat.

Im Durchmarsch der Grünen verbindet sich ein älteres Machtkontinuum mit einem neuen Format – der Bewegung. Die Bewegung, das große Wir, ersetzt die Partei. Eine neue Gläubigkeit kommt im Verein mit Reinheitsbegriffen dazu. Mehr sage ich jetzt nicht.

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