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04.06.2019, Jamal Tuschick

Es sei schade, sagt Montgomery nicht nur zu mir, da wir vier sind, die sich lange kennen, dass viele erst wieder zu Gott finden, wenn sie zu alt sind, um Kirchensteuern zu bezahlen, die ihrem Status und der Kirche gerecht werden.

Kulturelle Rendite

Der Verzicht auf Gott schließt auch den Teufel aus. Sigmund Freud bemerkt das irgendwo. Natürlich ist man am Ende wieder da, wo der Teufel wohnt. Es sei schade, sagt Montgomery nicht nur zu mir, da wir vier sind, die sich lange kennen, dass viele erst wieder zu Gott finden, wenn sie zu alt sind, um Kirchensteuern zu bezahlen, die ihrem Status und der Kirche gerecht werden.

Wir stehen hinter der Kirche, in der Montgomery seit unserer Konfirmandenzeit Schlüsselgewalt besitzt, und über dem Friedhof seiner Familie. Montgomery hatte nie die Idee, anderswo glücklicher werden zu können. Den Alten, die für ihre späte Gottesfurcht Aufmerksamkeit und Anerkennung ihrer vergangenen Bedeutung fordern, zeigt er sich wenig entgegenkommend.

„Sie fürchten nicht Gott, sondern den Tod. Die Gemeinschaft Gottes haben sie nie verstanden.“

Seit Tagen präsentiert sich der Sommer als Wüstenmacher. Die Schattensilhouetten der kleinen Gesellschaft auf einem Anger gewinnen dramatische Schärfe. Neben mir hält sich Salome gerade. Sie ging in der ihr zugedachten Rolle nicht auf. Nun geht sie mit Bitterkeit hausieren.

… vor vierzig Jahren sitzen wir mit unterschlagenen Beinen vor Da Bruno auf Rattan und teilen uns eine Portion Prosciutto e Melone. Ich kenne die Kombination noch nicht lange aus dem letzten Urlaub. Vor einer förmlich herbeigebeteten Aufführung in der Arena von Verona hatten wir (ein anderes Wir) alle zum ersten Mal Schinken und Melone in einem Restaurantgarten. Ich aß unter verwirrten Stoffbahnen mit dem Gefühl, dem Weltkühlschrank viel mehr entnehmen zu können als meine Großeltern; den Paten sämtlicher Maßstäbe meines Lebens. Die Kasseler Wiederholung bietet noch mehr Genuss als die italienische Premiere.     

Im Sommer 2022 ist Salome seit zwanzig Jahren von einem Bauunternehmer geschieden, einen Mann mit drei Berufen, unfassbar beschlagen und eingespannt. Rolf wollte eine Frau, die sein Geld ausgibt und ein großes Haus führt. Sie sollte die kulturelle Rendite einfahren.

Da ist was schiefgelaufen. Jetzt sucht Salome Halt bei ihren alten Verehrern.

Ich erinnere ein panzerbrechendes Parfum, das mir im Sturmseptember 1982 verheißungsvoll erschien. Es liquidierte Winnetous Braut Patschuli. Ich kann mich über die abgenutzten Zumutungen, die Montgomery aufstacheln und zum Tollpatsch der üblen Nachrede werden lassen, nicht aufregen. Die windelweichen Nutznießer*innen einer butterweichen Gesellschaft, die im Seniorenstadium die evangelische Kirche von Kirchditmold in das Zentrum ihrer Existenz rücken, tragen saumselig zum Gelingen des Lebens vieler bei. Sie zeigen ihren Enkel*innen, was sie erwartet, sollte ihnen das Glück einer großen Spanne beschieden sein.

Die Kirche okkupiert einen vorfränkischen Gerichtsplatz. Sie ist das Wahrzeichen der christlichen Überformung einer älteren Heiligkeit.

Montgomerys Unversöhnlichkeit kommt aus der Impotenz. Jeder, für den nicht Hopfen und Malz längst verloren ist, weiß, dass er zu seinem Vorteil versöhnlich ist.

Montgomery sucht den Schulterschluss mit Claus, der auch in Kassel geblieben ist.

Der Pfarrer von Kirchditmold predigte sonntags dem Landgrafen im Schloss.

Salome und Claus stellen an sich knitternde Leinenlässigkeit zur Schau. Sie sind so viel mehr Toskana Fraktion als es in Berlin einer sein könnte. Seit beinah sechzig Jahren betrachten sie von einer überlegenen Warte unverrückte Dinge. Sie kokettieren mit ihrer Provinzialität. Sie nutzen beide eine WhatsApp, die ihre Schritte zählt. Ihre Häuser in gemäßigter Hanglage konservieren den Terracotta Schick der Brioni Kanzler Ära. Ihre Ansichten sind auf die gleiche Weise abgestanden.

Sie sind nie aus der Kirche ausgetreten und haben sich an unzähligen Ausrichtungen ehrenamtlich beteiligt. Sie müssen nichts zu ihrer Rechtfertigung sagen, wenn Montgomery über die späten Heimkehrer*innen lästert, die todesängstlich den Schoss der Kirche nässen.

Claus hat eine kleine Begabung für das Obszöne verloren. Er neigte zu skatologischen Skizzen, die Wertschätzung erfuhren. Man verglich ihn mit Horst Janssen. Heute verstehe ich das aus dem Bedürfnis, sich einen Janssen in Kassel auszumalen, als einen, der bei Bruno Vignetten auf Servietten hinterlässt. Solche biederen Verwechslungen eines Lehrers mit einem Künstler gehörten zu einer absurden Diaspora von Einheimischen. Eine extravagante Krawatte reichte, um den Rahmen zu sprengen und sinnlos Zustimmung genauso wie Unmut zu provozieren. Das ist lange her.

In dem heimischen Kreis trage ich als heimlicher Katholik keine ehrliche Haut. Es gab nur einen hessischen Landgrafen, der nach der Reformation katholisch wurde. Er hatte keinen leichten Stand in einem protestantischen Kernland, zugehörig dem Lutherdeutschland nach Philipps Willen. Vermutlich kennen Sie von Philipp dem Großmütigen nur die Schote vom Kniefall zu Halle vor Kaiser Karl V. am 19. Juni 1547.

Auch Philipp konnte die Inquisition in Hessen nicht unterbinden. Auch unter den eifrigen Protestanten von Kirchditmold sind Agenten des Vatikans, komplett initiierte Inquisitoren. Nach den Maßstäben der HRK hat eine Saat hundert Jahre Zeit, um aufzugehen. Die Kirche in meinem Rücken war siebenhundert Jahre katholisch und ist noch lange nicht so lange evangelisch. Den ersten Grundstein legte ein irischer Missionar, der noch vor Bonifatius das Kasseler Becken und seine Kämme heimsuchte.

Salome hakt sich bei Claus ein. Sie stupst Montgomery. Wir sind die Gefährten ihrer Jugend und Zeugen ihres Lebenslaufs. Sie ist die Sonne und wir sind ihre Trabanten. Sie pfeift zum Abmarsch, ab zum Italiener, gleich neben der Kirche barrierefrei erreichbar. Montgomerys Lamento endet mit Salomes Ansage. Hoffnungsvoll frage ich:

„Gibt es da Prosciutto e Melone?“

Salomes Reaktion sagt mir, dass sie nicht weiß, worauf ich anspiele.  

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