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05.06.2019, Jamal Tuschick

Volker Braun über Arthur Rimbaud – Mit der Lupe ins Gedicht – Erste Bemerkungen zu Volker Braun zu Lebzeiten nachgelassenen Schriften und Reden „Verlagerung des geheimen Punkts“

Wir haben an mehreren Welten zu würgen

Rimbaud 

Der Fünfzehnjährige kann schon alles. Ihm fügt sich, er fügt sich der/dem Stoff und die/der Sprache. Rimbaud treibt sich in der Weltliteratur herum. Er wildert und marodiert „auf Stelzen über … Tatbeständen: ohne den Boden der Poesie zu berühren“.

Volker Braun, „Verlagerung des geheimen Punkts. Schriften und Reden“, Suhrkamp, 319 Seiten, 28,-

Der Frühvollendete und rasch Ausgeglühte stellt eine Provokation gerade da dar, wo man sieht, wie gemacht die ersten Sachen sind. Selbstverständlich gut gemacht.

Volker Braun macht 1984 unter der Überschrift Rimbaud. Ein Psalm der Aktualität seine sozialistischen Hausaufgaben. Er muss Rimbaud gegen die realsozialistische Kritik (eine kleinbürgerliche Angelegenheit) verteidigen und ihn paradox aus dem Schussfeld bürgerliche Dekadenz nehmen. Die Kleinbürger an der Macht laufen – hochgefahren von unverstandenen Widersprüchen – Sturm gegen die eigenen Sehnsüchte. In der Retrospektive lassen sich die Verpflichtungen des Dichters gegenüber dem Staat kaum begreifen. Das Vorauseilende im Nachgang zurücknehmend, deutet Braun eine Verbindung an, die unbesprochen bleibt.

Rimbaud wusste, warum den Aktivist*innen der Französischen Revolution das Hinrichten so leicht von der Hand ging

Braun war in Brechts Sonettschmiede zugelassen. Er wurde vom Großmeister ins Vertrauen gezogen und kennt sich aus mit dem Seriellen und Mechanischen der Poesieproduktion (zuerst für den Theaterbetrieb des Berliner Ensembles). Er schlägt Rimbauds pubertären Vulkanismus über den Modellfuß des Reimschusters nicht um etwas zu beweisen.

Braun bevölkert Rimbauds Umgebung, er unterscheidet die sturmläuferische Abscheu des Paradelümmels von Flauberts ennui und Baudelaires spleen. Er stellt Rimbaud über Flaubert, indem er den Überdruss des einen kleinbürgerlich nennt und den anderen grandios-gnadenlos vulgo aristokratisch findet.

Anders als Büchner, fühlt Rimbaud nicht mit der Kreatur. Er sondert sich ab und radikalisiert sich in der Vereinzelung. Er begreift die menschliche Konstitution als Erniedrigung des Geistes. Er erklärt, warum den Aktivist*innen der Französischen Revolution das Hinrichten so leicht von der Hand ging. Rimbauds Widerwille ist physisch und selbstmörderisch. Allein die Selbstverausgabung rechtfertigt ihn nach seinen eigenen Begriffen.

Braun lässt den Leser ahnen, wieviel Scham in Rimbauds Ekel steckt.  

„Wir haben an mehreren Welten zu würgen.“

Braun würgt am Menschenhandel, den die DDR professionalisiert. Dazu bald mehr.

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