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05.06.2019, Jamal Tuschick

Eckhart Britsch zum Tod von Michel Serres

Ein Held der Beweglichkeit

Ich kannte Michel Serres als Rennradfahrer 1985 in Stanford, während sein Freund, der Patriarch Girard, auf einem alten Herrenfahrrad über den Campus fuhr. Das erklärt auch ihre Gegensätzlichkeit. Im Gegensatz zu René Girard, der überall Mimesis aufscheinen und den Sündenbock agieren sah - eine atheistische Theorie eines strengen Katholiken - war Michel Serres der Held der Beweglichkeit. Im Amerika jener Tage war Jürgen Habermas der bedeutendste, europäische Denker von Theorien, obwohl die "Theorie des Kommunikativen Handels" wegen ihres abstrakten Gehalts ziemlich unlesbar und für die meisten nicht zu verstehen war. Aber es gab ja die Anti-Carl-Schmitt-Arbeit vom "Strukturwandel der Öffentlichkeit", die jeder lesen und mit gutem Willen einsetzen konnte. Die Habermas-Verachter setzten dagegen auf Michel Foucault in Berkeley, der dann von Jacques Derrida abgelöst wurde. Mit all dem hatte Michel Serres nicht wirklich zu tun und er war auch als Historiker der Wissenschaften vor diesen Moden gefeit. Er wollte Leser und keine Jünger als Leser, die erst den jeweiligen Jargon auswendig lernen müssen, bevor sie ihn zur Freude ihren Kurz-Zeit-Gurus nachplappern können. Für Michel Serres konnte Theorie nicht sein, ohne das, was ihr vorausging. Er fühlte sich vom Modergeruch in den universitären Studierstuben, aber auch dem internationalen Bestätigungskongresse (ich zitiere dich, du zitierst mich) und vor allem von den blutleeren Philosophie-Seminaren provoziert. Ihn interessierte die sinnliche Geschichte, die intimsten Erfahrungen und die dadurch erfahrbare Wirklichkeit - die reale Welt. Mit Humor betrachtete er die launenhafte Geschichte der Moderne. Wenn ihn einer ernsthaft einen "Weisen" genannt hätte, wäre er erbleicht und hätte vor sich hingemurmelt: "Quel idiot...!"

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