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06.06.2019, Jamal Tuschick

„Wenn Sie eine ganze Gesellschaft gegen sich haben, ist das eigentlich die produktivste Situation für Künstler, die man sich vorstellen kann.“ Peter Iden

Christliche Ausschreitungen

Fossiles Vorleben

„Du hast keinen Schimmer, wie versatil Claus ist.“

Wir sitzen immer noch in dem italienischen Restaurant neben der Kirchditmolder Kirche, in deren Umgebung die ältesten nordhessischen Manifestationen christlicher Ausschreitungen die jüngste Gegenwart überdauern. Grübe man unter uns den Boden weg, kämen kattische Artefakte zum Vorschein, eingelassen in einem Kalksteinrücken.

Wir haben noch einmal Brot gestellt, um die Magensäure zu löschen, die unseren Atem verdirbt. Sicher weiß ich, dass Claus wie ein Andreas Baader der Kunst über alles hinwegfegen wollte.

Salome verrät ihre Kunsterziehung, wenn sie an die Stelle von gemalt gedacht setzt. So sah man das, als wir jung waren: ein Maler dachte seine Bilder. Claus dachte Regionalpornografie, der er einen pseudopolitischen Hut aufsetzte, so dass alle die Narrenkappe erkannten und sich im Unernst aufgehoben fühlen konnten. Heute glaube ich, dass Claus seinen faschistischen Großvater ausbrütete, solange er die Kraft hatte, zu gebären. Inzwischen sieht er aus wie eine Figur von George Grosz. Sein Schweine-Ich besteht darauf, sich zu zeigen.

Ich habe letzte Woche in Belgrad Bilder des Widerstands – eine einfach informierende Malerei - gegen die nationalsozialistische Vereinnahmung oder Verausgabung Serbiens im Zepter Museum gesehen, die Sachen auch fotografiert, dann aber aus einem Impuls, den ich bedaure, die Fotos gelöscht. Da zeigt sich ein Widerstand, der sich in Jahrhunderten erneuerte und zur Hauptsache geworden ist. Im serbischen Nationalmuseum wird die osmanische Kolonisierung ignoriert. Es gibt ein paar Großformate von Schlachtszenen im Turban-versus-Helm-Modus, die man so lesen kann, als habe Serbien widerstanden und sei nie einer Fremdherrschaft anheimgefallen. Das findet statt unter der Überschrift:

Wir erzählen uns unsere Geschichte selbst.

Ich halte das für eine Leistung, ungeachtet der Ruinen und der vielen Abgetakelten. Das Belgrader Straßenbild wird von jungen Leuten beherrscht, die genauso aufgetakelt sind wie die Alten abgetakelt. Bodybuilder. Die Images von Kraft & Schönheit rentieren sich in einer archaischen Gleichung. Die amtierende Jeunesse dorée wurde in die Welt gesetzt, als Bomben auf Belgrad fielen. Die Krieger von Neunundneunzig sehen aus wie pensionierte Basketballprofis. Ihre Rümpfe sind so abgeknickt wie einst die Nase der Concorde bei der Landung.  

Salome pfeift mich zurück. Sie erinnert daran, wie wir einmal nach Frankfurt gefahren sind, um Rochus Kowallek, dem wichtigsten Galeristen der Stunde, Zeichnungen von Claus zu zeigen. Das sei Mist, erklärte er. Kowallek war auch so ein Leutnant wie Schmidt & Strauß. Ein angeschossener Heimkehrer, der dann als Doyen einer bürgerlichen Boheme die Standards setzte.

Für Salome war der beste Mann am Platz der einzige, der in Frage kam. Trotzdem hatte sie sich von kalifornischen Zuhältern (mit Hollywoodfassaden) Dinge bieten lassen, die in Kassel nachhallten. Der Ursprung dieses Einflusses ist russisch. Amerikanisierte Russen brachten via Salome einen fremden Beat in unseren Sex.

Vor der Glaswand des Restaurants harren zwei traurige Gestalten aus. Fredos Kasseler Galgenvögel erscheinen noch erbärmlicher als das Berliner Gelichter. 

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