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08.06.2019, Jamal Tuschick

„Mittelstandskinder mit Hochschulabschlüssen und Jobs (tragen) den sozialen Krieg, der seit geraumer Zeit an den Rändern des globalen Systems tobt“, auf die Magistralen der Welt. – „Wenn wir uns Frieden, Freiheit und soziale Gerechtigkeit wünschen, müssen wir Leute … als Feinde betrachten.“ Mit dieser Ansage steigt der journalistisch unversöhnlich intervenierende Aktivist Paul Mason in die Arena.

Wir dürfen uns nie geschlagen geben

Katja Kipping und Paul Mason sind sich einig: Wir dürfen uns nie ergeben. 

Paul Mason - der Sohn eines Bergmannes in der Welt des schönen Scheins.

Eingebetteter Medieninhalt

„Lesen kann eine revolutionäre Tat sein.“

Das verkündete Katja Kipping vorgestern Abend im Berliner Babylon Kino. Kipping erklärte, Paul Masons analytische Vision von einer klaren, lichten Zukunft der Menschheit in weniger als fünf Stunden gelesen zu haben.  

„Meine Lebenserfahrungen haben meinen Glauben an die klare, lichte Zukunft der Menschheit nicht zerstört, sondern im Gegenteil gefestigt.“  Leo Trotzki

Das Zitat liefert dem neuen Buch von Paul Mason den Titel. Der englische Wirtschaftsjournalist beschreibt Prozesse der Zuspitzung im Zuge einer Rückkehr zu staatlich gerahmten Routinen der Menschenfeindlichkeit – einer Preisgabe rechtsstaatlicher Garantien – einer strategischen Enthumanisierung der Gegner*innen.  

Schauplatz der Tat war ein Café. Anlass des Bekenntnisses war eine von Johanna Bussemer (Leiterin des Europa-Referats in der Rosa-Luxemburg-Stiftung) moderierte Präsentation des Faktenthrillers und seines Autors im Rahmen einer Veranstaltung der Rosa Luxemburg Stiftung und des Suhrkamp Verlags.

Aus der Ankündigung

Um die Werte der Aufklärung in die Zukunft zu retten, legt Paul Mason eine radikale Verteidigung des Humanismus vor. Ausgehend von Karl Marx' Frühschriften, entwirft er ein Bild vom Menschen, das ihn als ein selbstbestimmtes und zugleich gemeinschaftliches Wesen zeigt. Mason begleitet uns an die Orte vergangener und gegenwärtiger Kämpfe um Würde und Gerechtigkeit, von der Pariser Kommune über das von der Sparpolitik gebeutelte Griechenland bis hin zum Protest indigener Aktivisten auf der Inselgruppe Neukaledonien. Die Erben der Frauen und Männer auf den Barrikaden von damals, so Mason, sind die vernetzten Individuen von heute.

„Unser Planet brennt.“  Paul Mason

Bringt man Mason auf den Punkt, dann behauptet er: Wir müssen die Arbeiterklasse neu denken und zwar weit weg von den alten Coalminers aus der Generation seines Vaters. Am Ende des Industriezeitalters fanden die Verlierer im weltumspannenden Rust Belt ihren Abstieg in die Bedeutungslosigkeit perfekt gemacht von „den Zumutungen eines progressiven Moralismus, der sie pauschal als kulturell zurückgeblieben abtat“ (Nancy Fraser).

Mit Feminist*innen gegen den Finanzmarkt

Für die prekär Gewordenen waren Feminismus und entfesselter Finanzmarkt nur die zwei Seiten einer Medaille. Im Nachgang des Industriezeitalters kam in den Verkörperungen der Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton alles zusammen, was dem Hass Nahrung gab. Da half nur Trump als Gegengift. Er war - wie viele seiner Wähler*innen – durchgeladen von Ressentiments.

Mason plädiert für eine Union der neuen Arbeiterklasse mit Feminist*innen und allen, die sich im Geist der Neuen Sozialen Bewegungen auf dieser Seite versammeln, im Kampf gegen den Finanzmarkt und den weltweiten Rechtsruck.

Mason erzählt das seit Jahren als biografische Gegengeschichte. Sein Vater, ein Mann, der in seinem Milieu keine herausragende Stellung einnahm, kam mit der Kumpel-Akzeptanz, die sich die Bergarbeiter im englischen Leigh gegenseitig einräumten, lange über die Runden. Der alten Mason hatte die Depression der 1930er Jahre als Kind erlebt und prophezeite 1980 als Großbritannien „in die Rezession schlitterte: Wenn eine weitere Depression kommt, werden die Rassenvorurteile zurückkehren“.

Mason benennt die Pfeiler seiner Herkunftskultur: „Hass auf alles, was mit den Reichen zu tun hatte, Misstrauen gegenüber allem, was von draußen kam, und Ablehnung gegenüber all jenen, die dem marktwirtschaftlichen Denken Vorrang vor dem menschlichen Anstand gaben.“

Weiter weg von ihrem wahren Feind können diese Leute ihre Wut nicht ausleben. Mason erinnert daran, wie Foucault Thatcher und Reagan ankündigte: als Industriezerstörer. Die strategische Spaltung der Arbeiterklasse in Traditionalisten und Abtrünnige diente in erster Linie einer Schwächung der Gewerkschaften (Mason). Fortan war jeder „Unternehmer seiner selbst“ (Foucault).

Kurz gesagt, geht es darum, die Fehler von Masons Vater in Zukunft zu vermeiden. Auf der Bühne im Babylon sprachen Mason und Kipping über die Notwendigkeit drastischer Maßnahmen zur Verlangsamung des Klimawandels, den Erfolg von #metoo und Fridays for Future und über die Wiederkehr des faschistischen Gespenstes aus seiner außereuropäischen Verbannung. Beide beriefen sich auf Hannah Arendt, die in den Überwindungen der Gegensätze von Eliten und Mob die faschistische Dynamik erkannte.

Autoritäre Kreise inszenieren Ordnungskrisen, um sich, aufspielend als Retter der Ordnung, an zentralen Stellen zu verankern.

Nach Georgi Dimitroff ist Faschismus die Terrordiktatur der reaktionärsten Kapitalisten.

„Wir dürfen uns nie geschlagen geben“, forderte Kipping.

„Wir müssen stets dahingehen, wo es wehtut.“

Wir müssen die Wand der Ohnmacht durchbrechen: in einem „Red-Green New Deal“.

Bussemer charakterisierte die Vorkämpferin als „marxistische Feministin“.

Kipping ließ es sich nicht nehmen, dem Kompliment ein Geständnis einzukerben. Sie habe sich lange nicht getraut, als marxistische Feministin aufzutreten, um anspruchsvollen Genoss*innen keine Gelegenheit zum Lückennachweis zu geben. Mit Mason besuchte sie vor wenigen Wochen das Karl-Marx-Grab auf dem Highgate Friedhof in London-Camden. Da wurde sie vom Augenblick ergriffen. Auch Mason zeigte sich gerührt und vor Freude erschüttert.   

Um sicher zu gehen, bezeichnet sich Kipping als marxistische Feministin im Werden. Solche Offenbarungen sind erhellend. Was für die meisten potentiellen Wähler*innen der Linken höchstens ein Streit um den Bart des Propheten sein dürfte, birgt für Kipping die Risiken von Distinktionsverlusten.

Interessanterweise tauchten die beiden Hauptwörter einschlägiger Debatten im Gespräch nicht auf. Niemand sagte Narrativ wahlweise die große Erzählung und auch Empowerment kam nicht vor. Es wurde noch nicht einmal gründlich gegendert.

Kipping gliedert den idealen Tag in vier gleichberechtigte, vierstündige Bereiche. Erwerbsarbeit. Familienarbeit. Politische Einmischung. Arbeit an sich selbst. Kipping schwebt eine Gesellschaft vor, die es jedem gestattet, so zu leben. Sie las eine Passage aus Masons Buch, in der Trumps „atemberaubende Inkompetenz“ verhandelt wird.

„Viele dachten, Trump sei die (neoliberale) Krise, aber er war nur das Gesicht der Krise.“

Meine Buchbesprechung   

Klare Kampfansage

Der Widerstand gegen Trump findet seine radikalste Kohorte in der Sonderbarkeit von „Mittelstandskindern mit Hochschulabschlüssen und Jobs“. Sie sind es, die „den sozialen Krieg, der seit geraumer Zeit an den Rändern des globalen Systems tobt“, auf die Magistralen des siechen Imperiums tragen. Paul Mason beschreibt Bürgerkriegsszenen am Tag von Trumps Inthronisierung in der Stadt des Weißen Hauses. „Mit Veteranen der Berichterstattung über Länder, die den Bach runtergehen“, klatscht Mason sich ab, während er sich an Szenen in Istanbul erinnert fühlt.

Paul Mason, „Klare, lichte Zukunft - Eine radikale Verteidigung des Humanismus“, Kampfansage, aus dem Englischen von Stephan Gebauer, Suhrkamp, 414 Seiten, 28,-

Der Titel zitiert Leo Trotzki, der paradoxe Erwartungen von einer glänzenden Zukunft empirisch sattelte:

„Meine Lebenserfahrungen haben meinen Glauben an die klare, lichte Zukunft der Menschheit nicht zerstört, sondern im Gegenteil gefestigt.“  

Man müsste die Feststellung zynisch finden, könnte man sie nicht religiös nennen. Das mühselige Dasein wird im Jenseits der Zukunft gleich hinter dem Sonnentor in Glück aufgewogen.

Wesensveränderungen in der Infosphäre

Mason ist ein Haltungsjournalist, einer jener, die grimmig-furios und sendungsfroh Stellung beziehen. Er hegt keinen Zweifel daran, wo der Hase im Pfeffer liegt: im Hass solcher, die „alle Ungerechtigkeiten und Widrigkeiten in ihrem Leben mit einer eingebildeten Bedrohung durch Schwarze, Homosexuelle und befreite Frauen erklären“.  

Für eine große Bedrohung hält Mason die „denkende Maschine“. Sie dient ihm als Antagonistin eines im Verhältnis zu gegenwärtigen Erscheinungen oppositionellen Menschenbildes. Er rät zu Marx, und vermutet Zombies unter uns, „Spielzeuge des Zufalls“, weit weg von dem Ideal des Freien eines Aristoteles.

Vermutlich landet man zurzeit überall da Plausibilitätstreffer, wo man, ausgehend von einer beschleunigten Evolution, außerindividuelle Wesensveränderungen in der Infosphäre annimmt, in der Regie von Luciano Floridi, der Mason als Gewährsperson dient. Floridi betrachtet die Menschheit an ihren Rechnern als „informationelle (lernenden Maschinen ausgelieferte) Organismen“. Ich finde das Szenario ozeanisch, es führt mich in einen Korridor maritimer Metaphorik. Das Meer ruft, es lockt mit Ansichten von Seepferdherden, die Algenalmen abweiden.

Zurück in Masons lichte Zukunft. Sie schwankt zwischen Analyse und Pamphlet.  

„Ich habe mein Buch aus einem Akt des Widerstands heraus geschrieben. Meine Hoffnung ist, dass auch sie sich auflehnen werden, wenn sie es gelesen haben.“

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