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09.06.2019, Jamal Tuschick

Fredo, die Möchtegern-Nemesis - Ein Fortsetzungsroman von Simone von Brentano.

Heute: Nach dem Fest

Was zuvor geschah

Wir – sobald es einmal angestoßen wurde – zeigt es sich so oder so ständig. In Monika Rincks Gedicht „Das Unmögliche“ flaggt das Wir über „dem Flaum von einem Kellner, der so sehr wünscht, was andres zu sein, dass wir ihn auspeitschen müssten, damit er sich, von Dankbarkeit erfrischt, daran erinnerte, was er kann und was nicht.“

In naher Zukunft begegnen sich zwei gesellschaftliche Kräfte in feindlicher Grundsätzlichkeit. Sie haben auf der einen Seite ein polyamorphes soziales Gebilde, in dem unter der Führung des Puppenspielers eine Aktivist*innen Armee weltweit außerparlamentarische Politik gleichermaßen wie ein Hedgefonds und wie ein Theater betreibt. Sie löst Staatskrisen bis hin zu Regierungsstürzen via Youtube aus. Der Puppenspieler ist ein Berliner Redakteur, der selbst nicht in Erscheinung tritt. Ein Kreis von ca. fünfzig Prominenten trägt seine Ideen nach außen: mit dem Ziel die gesellschaftliche Mitte zu delegitimieren und als rechtsradikal zu denunzieren. Zu so einer Größe des öffentlichen Lebens können Sie nicht sagen, ich finde Merkel gut, ohne sich dem Vorwurf der AfD-Nähe auszusetzen. Drei Sätze weiter und Sie sind Faschist – und Rassist. Der Witz dabei: Der Puppenspieler ist bekennender Rassist und seine Gassenhauer reden in ihren weltfremden Kellergremien so übel daher, dass den feministischen Parteigängerinnen des Puppenspielers schlecht vom Zuhören würde.

In Deutschland wissen Wenige, dass dieses von einem Kopf gesteuerte Supernetzwerk existiert. Nur fünf Außenstehende kennen die Identität des Puppenspielers. Die Fünf bilden den Kern der von Simone von Brentano und Einar Heilbutt gegründeten Rechercheorganisation TTT. Sie nennen den Puppenspieler Fredo.

Frederico „Fredo“ Corleone is a fictional character in Mario Puzo‘s novel The Godfather. Fredo is portrayed by American actor John Cazale in the Francis Ford Coppola film adaptation. Wikipedia

Fredos zahlreich schillerndes und stümperndes Fußvolk betreibt im Auftrag seines Herrn unversöhnlichen Interventionismus. Es verschanzt sich hinter Schildern der Harmlosigkeit in Vereinen und Stiftungen.

In der nachfolgenden Episode spielen Leute ihre Rollen, die nichts von dem Puppenspieler Fredo wissen, auch wenn sie von seinen Machenschaften betroffen sind. Um Sie nicht zu verwirren, heißt der Redakteur, den natürlich viele Leute als B(P)lattmacher kennen, durchgängig Fredo.

Nach dem Fest

Beim Aufräumen bemerken sie, dass jemand Dinge ihren abgestammten Plätzen entzogen und sie degradierend deponiert hat. Ingrid und Wieland gehen die Gästeliste durch. Sie kommen auf keinen, dem sie die Gemeinheit zutrauen.

Ist es überhaupt eine Gemeinheit, Dinge zu verlegen? Man nimmt ein Buch aus dem Regal und legt es unter einen Sessel. Ingrid findet zu der Formulierung heimleuchtender Schabernack. Formulierungen helfen ihr. Sie schöpft ihr Haar in einem Anflug der Verzweiflung. Etwas hat sich verändert. Ihr Leben läuft nicht mehr rund. Es stottert seit Monaten.

Ingrid riecht an ihren Achseln. Sie versichert sich im Selbstgenuss. Wieland brummt auf der Terrasse vor sich hin. Er fühlt sich verkatert, obwohl er kaum getrunken hat. Er leidet körperlich unter der Erinnerung an eine schwache Parade gestern Abend, als ihm Christine blöd kam. Er hatte nur gesagt, dass die neue Radikalität in der Redaktion genauso opportunistisch sei wie der alte Konservatismus in früheren Jahren. Christine behauptete, sie habe Wieland schon lange im Verdacht, ein verkappter Reaktionär zu sein. Sie hat bei ihm auch schon Schizophrenie festgestellt. Früher war Christine freundlicher. 

Früher, wann war das?

Wieland schiebt Erinnerungen zur Seite wie eine Ziehharmonikatür. Jetzt nicht.

Wieland wähnt sich seit Jahren in einem Shitstorm. Er wird mit unhaltbaren, aber trotzdem anhaftenden Vorwürfen überzogen und immer wieder überraschend hart angegangen. Zuerst lachte er die Vorwürfe weg, noch mit dem alten Selbstbewusstsein. Inzwischen agiert er als Schatten seiner selbst wesentlich geschickter. Er hat die Grenze entdeckt, die niemand überschreiten wird, solange er die richtigen Abstände einhält.  

Er weiß, dass Fredo ihn in eine Falle locken und ihn als übergriffigen alten Sack hinrichten lassen will. Stichwort Richtig richten. All die jungen Frauen, die plötzlich da mitschreiben, wo Wieland lange der einzige Berichterstatter war, mit ihrem wie vom Himmel gefallenen Interesse. Oft sitzen Fredos Mistbienen in den langweiligsten Veranstaltungen zu zweit und zu dritt, so dass es Zeuginnen für falsche Beschuldigungen gäbe. Manche spiegeln verätzend Wielands ramponiertes Bewegungsbild.

Wieland ist zu Fredos Mistbienen besonders höflich. Er wahrt den Abstand sorgfältig.

Dem Weltgeschehen den Rücken kehren

Einerseits die Mistbienen, andererseits Fredos Gassenhauer mit ihren Unterweltvisagen. Ein Querschnitt der Bevölkerung verfolgt Wieland mit Spott, Häme und bedrohlichem Gebaren. Selten unterbricht ein Verachtungszeichen die Monotonie. Man kann als Vollstrecker*in eines fremden Willens nicht einfach verachten. Jede Nachahmung von Verachtung ist lächerlich.

Wieland betrachtet seine Frau und erkennt im Spiegel der Liebe blitzartig, dem Bild schon ähnlich geworden zu sein, dass sich andere von ihm machen.

Wieland stört den Fortgang, gehört er doch zum Nachgang. War er nicht selbst an Verdrängungen massiv beteiligt?

Ingrid streift ihn. Das heikler werdende Außen belebt die eheliche Liebe. Der konnte schon lange kein Flirt mehr gefährlich werden. Ingrid kommt aus Amorbach im Odenwald. Adorno kannte eine Sehnsucht nach Amorbach. Für Ingrid war der Odenwald die Kindheitshölle. Bis weit hinter Hanau hat sie an jeder Bushaltestelle Aufstandszeichen im Jugendstil hinterlassen. Das waren Reaktionen auf den überirdisch selbstsicheren Feind (kindgerechter Redeweisen und Freund einer überfordernden Daseinsschulung), der sich als Vater & Mutter ausgab. Ingrid nahm Zuflucht zu preußischen Offizierstugenden in Punk.

Wo war der Mumm geblieben? Nun verunsichern Ingrid absichtlich falsch abgelegte Dinge. Warum tut jemand so was? Ist das ein neues Spiel?


Die Nerven behalten. Kein Theater machen. Von mir aus auch untergehen. Aber schweigend. Das denkt Wieland in seinem Garten. Er grüßt einen Nachbarn, der gleich zutraulich ankommt. Der alte Gert. Macht jetzt das Catering in dem Club, den er vor zwanzig Jahren eröffnet hat, als einer von drei Cäsaren der Nacht. Die beiden anderen sind tot. Gert wurde ausgebootet und als Verpflegungskasper neu installiert. Jetzt erzählt er von den Offiziersquartieren in dem Wiesbadener Vorort seiner Kindheit.

Die alte Bundesrepublik in der Trockenschleuder der Erinnerung. Das Leben amerikanischer Vorgesetzter, abgesetzt von ihren Mannschaften. Wieland lebte drei Jahre im Delta zwischen Rhein und Main, die längste Zeit auf diskret erschlossenen Taunusgraten. Dann kam gleich Berlin, abgesehen von London, Sevilla und Porto. Damals konnte man noch …

Ingrid gesellt sich zu den schwatzenden Senioren. Sie wird darauf dringen, niemanden mehr einzuladen und keine Einladung mehr annehmen. Ihre Urgroßmutter hat die letzten zwanzig Jahre ihres Lebens im Bett verbracht. Im Vergleich mit der Siechenexistenz ihrer Urgroßmutter geht es Ingrid Gold.    

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