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23.06.2018, Jamal Tuschick

Bericht von einer Reise ans Ende der Willkommenskultur

Wenn nichts mehr passt

Ein Laken ersetzt den Bühnenvorhang im Berliner Stil von Neunzehnhundertfünfundvierzig. Deutschland ist eine Ruine. Die Verlierer*innen haben sich ihre eigene Steinzeit eingebrockt. Aus allen Himmelsrichtungen nähern sich Flüchtlinge der Reichshauptstadt. Geschundene, Gebrochene, Greise und gerade Geborene erscheinen kolonnenförmig in verlaustem Elend. Sie sind müde, hungrig und unwillkommen. Ihr bürgerliches Dasein ist auf der Strecke geblieben. Die nomadischen Transportmittel Rucksack und Handkarren stigmatisieren sie in den Augen der Sesshaften. Einen historischen Wimpernschlag später werden die Geschichten von Flucht und Vertreibung auf Arabisch und Paschtunisch erzählt. Die geografischen Ausgangspunkte liegen zwar auf anderen Kontinenten. Das ändert aber nichts an den Schicksalen. Stets ist ein Teil der Menschheit auf der Flucht. Zu den krisenresistenten Beschäftigungen zählt das Schleusen. Zu jeder Stunde des Tages und der Nacht werden die Preise für das Überleben aufgerufen.

„Dein Bild vom Flüchtling wird vermutlich wenig mit der Realität zu tun haben“, heißt es am Anfang von Female Refugees warten auf Go.dot – einer No-Budget-Produktion des Berliner Acker Stadt Palastes. Schieres Engagement setzt solche Inszenierungen in die Welt. In der gemeinen Wahrnehmung von Geflüchteten spielen Frauen keine Rolle, sofern sie sich nicht in den Positionen verschleierter und unterdrückter Opfer beschreiben lassen.

Drei Frauen bewegen sich zu dramatischem Easy Listening auf die Grenzen ihrer Belastbarkeit zu. Jede läuft für sich im Modus einer Deklassierten über die Palastbühne. Die Barmusik überlagert die Atemlosigkeit.

Abgekämpft kämpfen die Frauen weiter. Sie haben zu viel ausgehalten, um aufgeben zu dürfen. Die Prüfungen ihres Überlebenswillens bewerten sie (und ihre Angehörigen) als Investitionen, die sich amortisieren müssen. Im Hintergrund tritt das Mittelmeer über seine Ufer.

In der nächsten Szene schwebt ein Tiefbecken trist unter der Decke. Auf Schaukeln erwarten die Frauen den Gott in Godot. Sie rufen ihn mit einer Silbe, die ihren Hoffnungen Klang gibt: Go. Alle warten auf das große Go, das sie aus Massenunterkünften entlässt, ihnen Gemeinschaftsduschen erspart und die Garantien einer Zivilgesellschaft zurückgibt – oder zum ersten Mal gibt. Die Erzählung verhandelt auch den Lebenslauf einer Frau, die nie gefragt wurde. Die Entmündigung in einem Lebensraum, der den Verkehrswert der Muttersprache minimiert, verschärft die Not der Unterworfenen. Jede Bemerkung verlängert ihre Verlustliste.

Die im Weiteren angerissenen Biografien sind freier. Eine Studentin wollte mit ihrem Freund flüchten, der dann doch zurückblieb. Sie schildert den Abschied von den Eltern so wie von geliebten Gegenständen. Die Preisgabe vertrauter Dinge an die Ungewissheit gibt sie zu bedenken.

Alle fragen: Was (nicht wer) sind wir? Die Frauen wähnen sich auf den Hund gekommen und ihrer Menschenwürde beraubt. Zu viele Schamgrenzen wurden verletzt. Die Übergriffe von Schleusern, Gefängniswärtern und männlichen Flüchtlingen erschwerten die Flucht.

Die Frauen pflaumen sich an. Sie fallen sich gegenseitig ins Wort. Sie sind auf dem Weg zu Aldi, in ihrem Leben passt nichts mehr.

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