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11.06.2019, Jamal Tuschick

Annett Gröschner verweist in ihrem Grundlagenwerk „Berolinas zornige Töchter. Fünfzig Jahre Berliner Frauenbewegung“ darauf, dass für das „Bewusstsein des 20. Jahrhunderts“ die erste Frauenbewegung mehrfach neu entdeckt werden musste.

Der weibliche Widerspruch in der Offensive

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In der 68er-Außerparlamentarischen Opposition sah sich die Frauenbewegung dem Vorwurf des „kleinbürgerlichen feministischen Aktionswahns“ ausgesetzt. Feminismus galt vielen als konterrevolutionär. Männliche Genossen beanspruchten die Deutungshoheit auch in der Frauenfrage. Die Vorkämpferinnen mussten das Dominanzbegehren vermeintlich allwissender Diskurshegemonen zurückweisen. Sie bewegten sich auf einem Parcours voller Barrieren.

Annett Gröschner, „Berolinas zornige Töchter. Fünfzig Jahre Berliner Frauenbewegung“, FFBIZ Verlag, 343 Seiten, 10,-

Sie emanzipierten sich vom Kaderwesen sowie von Männern, die sich berufen fühlten, Frauen die Frauenbewegung zu erklären. Darauf wird im Vorwort zu Annett Gröschners Grundlagenwerk „Berolinas zornige Töchter. Fünfzig Jahre Berliner Frauenbewegung“ hingewiesen.  

Ein halbes Jahrhundert später erscheint vieles selbstverständlich, was damals nur im Streit zu haben war. Die Pionierinnen der Streitkultur stehen auch bei Angela Merkel in so hohem Ansehen, dass sie es unangemessen findet, sich selbst als Feministin zu beschreiben.

„Denn ich sage mal so, Alice Schwarzer und so, die haben ganz, ganz schwere Kämpfe gekämpft.“

Das weibliche Wesen als rebellierendes Subjekt

Daran erinnert Gröschner in ihrer Vorbemerkung, der ein Überblick folgt. Die Autorin bemerkt, dass Berlin in seiner langen Geschichte nur zweimal von Bürgermeisterinnen regiert wurde. Sie zählt die sieben Ehrenbürgerinnen der Stadt auf, im Verhältnis zu weit über hundert entsprechend geehrten Männern. Sie erwähnt das durchgeladene Desinteresse der aus den westdeutschen Provinzen nach Westberlin gekommenen Studentinnen am „Ostteil der Stadt“.

„Im November 1989 standen sich Frauen beider Seiten gegenüber und hatten … Probleme, sich zu verständigen.“  

Der halb verkappte und unter Enttäuschungslasten ins soziale Sediment abgesunkene Dissens ist ein Ausgangspunkt der Gröschner’schen Suchbewegungen rund um die Genrespindeln und Gegenwartsschlagwörter „Eigensinn“, „Selbstermächtigung“ und „Solidarität“. In der Vergangenheit ging es um Kartoffeln und Revolution. Gröschner datiert den Anfang der deutschen Frauenbewegung auf das Jahr 1847.

Frauen protestierten „gegen die hohen Kartoffelpreise nach einer Missernte“.

„Das weibliche Wesen als rebellierendes Subjekt“ bot einen so unvertrauten Anblick, dass die „Frauen … als Furien bezeichnet“ wurden. Sie gingen den Revolutionärinnen von Achtundvierzig voraus. Wieder fanden sich in der Öffentlichkeit keine positiven Darstellungen einer Avantgarde. Der weibliche Widerspruch in der Offensive löste Reserve aus. Er erweiterte das Politische als plebiszitäre Angelegenheit. Die Männer der Paulskirche waren aufgeklärte Patriarchen. Eine Blaupause für die Nebenwiderspruchkonstruktion existierte bereits. Das Selbstverständnis der ständischen Gesellschaft ging von lauter degradierenden Unterscheidungen aus.

In der Restauration, die dem bürgerlichen Aufbegehren folgte, wurde das Rad der Geschichte zurückgedreht. Der preußische Obrigkeitsstaat setzte auf Entmündigung. Frauen, so Gröschner, durften keine Vereine gründen und keine Zeitungen herausgeben. Die Aktivistinnen um Louise Otto vereinten sich jenseits des Geltungsbereichs preußischen Rechts 1865 im „Allgemeinen Deutschen Frauenverein“ (ADF).     

Gröschner verweist darauf, dass für das „Bewusstsein des 20. Jahrhunderts“ die erste Frauenbewegung mehrfach neu entdeckt werden musste.

Wird fortgesetzt.

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