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15.06.2019, Jamal Tuschick

Carys Davies erzählt in „West“ von einem Angriff auf das Weltbild der Zivilisation von 1830 und von nicht zivilisierten Umsiedler*innen.

Bone Rush oder Die Umsiedler auf Amerikanisch

Yesterday is history, tomorrow is a mystery, today is a gift of God, which is why we call it the present. Bill Keane

Eingebetteter Medieninhalt

Keine Erneuerung des Weltbildes fällt von Himmel. Jeder Erkenntnis eilt eine Verschiebung der Ansichten voran, eine versöhnliche Vorstellung. Versöhnt wird das Alte mit dem Neuen, bis sich das Neue etabliert hat und das Alte aus dem Rahmen gefallen ist. Die längste Zeit musste das Neue in einer Größe aufgehen und sich im Verhältnis zu dieser Größe verträglich zeigen.

Gott ist noch unangefochten das Maß aller menschlichen Dinge, als sich der in Pennsylvanien Esel züchtende Hüne John Cyrus Bellman daran macht, das Abenteuer seines Lebens zu bestehen. Der rothaarige Witwer vertraut seine Tochter Bess einer Verwandten an; er überlässt sie ihrem Schicksal wie jedes Scheusal. Er verspricht das Mädchen auf dem Laufenden zu halten.

Carys Davies „West“, Roman, Deutsch von Eva Bonné, Luchterhand, 206 Seiten, 20,-

Nicht schwer ist es, Cy Bellmann einfältig zu finden. Der englische Einwanderer schleppt eine Menge altweltliche Geschichte mit sich herum, auch wenn er sich alle Mühe gibt, als Frontier den 1830er-Gepflogenheiten zu entsprechen. Er hat bereits seine Frau auf dem Altar seiner Träume von einem freien und ungebundenen Leben geopfert. Nun kappt er die letzten Familienbande, in der Erwartung eine historische Ausnahmestellung einnehmen zu können. Er verlässt, wen zu beschützen seine Pflicht wäre.  

Fortan trägt Bellman einen Zylinder, um das Imposante seiner Erscheinung zu steigern. Er folgt einer Reihe berühmter Vorgänger in die Alleghenies. Ich erinnere an Daniel Boone, der in Carys Davies‘ Roman keine Erwähnung findet. Bellman folgt jener Spur, die Meriwether Lewis und William Clark zu Beginn des Jahrhunderts Richtung Westen gelegt haben.

Die Lewis-und-Clark-Expedition (14. Mai 1804 bis 23. September 1806) war die erste amerikanische Überlandexpedition der Vereinigten Staaten zur Pazifikküste und zurück. Der Louisiana-Landkauf im Jahre 1803 weckte Interesse an einer Erweiterung der Vereinigten Staaten bis zur Westküste. Einige Wochen nach dem Landkauf ließ US-Präsident Thomas Jefferson, ein Befürworter der Expansion gen Westen, den US-Kongress 2500 Dollar bereitstellen, um „intelligente Offiziere mit zehn bis zwölf Männern auszusenden, um [das Land] bis zum westlichen Ozean zu erkunden“. Wichtigstes Ziel der Expedition, neben der Suche nach einem schiffbaren Wasserweg zum Pazifik, war die Gründung einer mächtigen Nation zwischen Atlantik und Pazifik. Außerdem sollten die Teilnehmer Indianer, Tiere und Pflanzen sowie die Geologie der Region studieren. Wikipedia

Briefe an Bess

Er überquert den Mississippi, hört von der Grausamkeit der Sioux und treibt Handel zum Nachteil der Pawnee. Der erste Reisewinter demobilisiert ihn. Er droht zu verrecken und überlebt wie durch ein Wunder.

Noch hält ihn die Hoffnung am Leben. Bellman hat alles auf eine Karte gesetzt. Er schreibt Briefe an Bess und vertraut sich einem indigenen Führer an, einem halben Kind, das Großartiges mit Leichtigkeit vollbringt. Allerdings belastet den Führer sein Name. Einer lyrischen Zuspitzung entkleidet, heißt er Alte Frau. Er gehört zu einem vertriebenen Volk. Er ist ein uramerikanischer Umsiedler nach dem Willen des neuamerikanischen Präsidenten Thomas Jefferson. Er sieht zu, wie Bellman einen maßvoll ungnädigen Tod in der Natur stirbt und spielt dann, in Erfüllung eines letzten Willens, den Postillon der halb widerlegten Vaterliebe. Der Witz dabei: als Postbote erreicht Alte Frau seine ursprünglichen Jagdgründe.     

*

Zurück auf Los

Dinosaurierfossilienfunde in Kentucky sind das Agens der Bellman’schen Mobilisierung. Der Eselspezialist kann lesen, das wird ihm zum Verhängnis. Seinen Bildungsbedürfnissen bieten sich in der Wildnis keine Anreize. Sein pietistisches Milieu unterwirft sich einem prosaischen Regime ohne Not. Man ist gern engstirnig in neuenglischen Kreisen.

Bellmann unterscheidet sich. Er glaubt nicht an Gott. In der Kirche langweilt er sich. Er ist kurz davor, ein alter Sack zu sein, als er von den Dinosaurierfossilienfunde in Kentucky aus der Zeitung erfährt. Da steht natürlich nicht Dinosaurierfossilienfunde, sondern große Knochen, dimensioniert wie die blanken Gerippe auf einem Windjammerfriedhof.

Bellman baut eine persönliche Beziehung zu den Riesenknochen auf. Seine Ungläubigkeit hält ihn nicht davon ab, am gültigen Weltbild festzuhalten. Ein allmächtiger Gott verliert kein Tier seiner Schöpfung. Es muss lebende Artgenossen der verblichenen Viecher geben.

Bellman vermutet die Herden der Giganten im Westen. Davies macht sich nicht die Mühe, die Vermutung mit Anhaltspunkten zu verknüpfen. Sie zeigt den verborgenen Wahn eines Mannes, der sich unterbewertet fühlt und glaubt, zu wenig abbekommen zu haben, gemessen an seinem Einsatz.

Alle halten ihm Folgendes entgegen. Gäbe es solche Wunder der Fauna, wäre die Kunde von ihrer Existenz in der Welt. Doch hat niemand je von ihnen berichtet. Bellman kann den Einwand nicht entkräftigen. Er verhält sich aktionistisch, wie manche Joseph Conrad’schen Helden, die ihren Träumen blind folgen. Doch hilft ihm die Schrumpfform einer Begründung über die Runden. Jefferson hatte seine Expeditionsoffiziere Lewis und Clark angewiesen, einschlägigen Knochenfunden lebende Exemplare zuzuordnen. Das Aussterben einer Spezies erschien undenkbar.  

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