MenuMENU

zurück zu Main Labor

15.06.2019, Jamal Tuschick

„Ich habe mir lange keine Gedanken über Schwarze Männlichkeit gemacht.“ Das erklärte gestern Sharon Dodua Otoo im Rahmen einer Veranstaltung von Afrolution 2019. Die Schriftstellerin berichtet, wie ihre „politisch gerüsteten“ Söhne deeskalierend auf ihre Umgebung einwirken, im vollen Bewusstsein der Tatsache, dass umgekehrt kein Weißer solche diplomatischen Leistungen zu erbringen bereit und in der Lage wäre. Man ist als Schwarzer in einer weißen Gesellschaft gezwungen, vorausschauend zu agieren und nachsichtig zu reagieren.

Verbale Selbstverteidigung

Von links: Sharon Dodua, Juliana Kolberg

Ainehi Edoro, Sulaiman Addonia

Für ihre Eltern wurde Rassismus erst zum Thema, als sie in den Neunzehnhundertsechzigerjahren von Ghana nach England zogen. Sie entgingen vielen Implikationen der herabsetzenden Seh- und Sprechweisen in die Fleißlogik.

„Du musst besser sein als die anderen.“

Unebenheiten wurden übergangen, harte Formulierungen vermieden. Man erkennt es noch, das strebsame und halbwegs unangefochtene Londoner Einwandererkind. Zweifellos besaß Sharon Dodua Otoo einen Airbag der erträumten Unerreichbarkeit. Den haben ihre Söhne nicht. Darum geht es in einem Text, der auf ein Stichwort hin entstanden ist. Otoo reagierte auf „Liebe“ so wie Kolleg*innen auf „Zuhause“ oder „Vertrauen“. „Liebe“ lautet folglich auch der Titel ihres Beitrags zu der von Fatma Aydemir und Hengameh Yaghoobifarah herausgegebenen Anthologie „Eure Heimat ist unser Albtraum“, den Otoo gemeinsam mit Simone Dede Ayivi und Juliana Kolberg im Rahmen von AFROLUTION 2019 präsentierte.

PANAFRICANISM REVIS[IT]ED heißt die zweite Ausgabe des EOTO Literatur- und Kulturfestivals AFROLUTION. Hundert Jahre nach dem Panafrikanischen Kongress von Paris trägt sie das Thema Panafrikanismus ins 21. Jahrhundert: Eine Kooperation mit dem nigerianischen Aké Arts and Book Festival und großartigen Gästen wie Nnedi Okorafor, Felwine Sarr, Fred Moten, AP2P, d'bi.young, Lola Shoneyin, Samia Nkrumah, Steve Mekoudja und George Adéagbo und eben

Sharon Dodua Otoo, Simone Dede Ayivi und Juliana Kolberg.

Otoos Geschichte handelt von einem Transferproblem. Die britische Biografie der Autorin bestimmt die Erfahrung, als Schwarze in einer weißen Gesellschaft an nichts so stark gehindert worden zu sein, dass eine Verminderung des Lebensglücks zu konstatieren wäre. In der nächsten Generation sieht das anders aus. Der mit einem kräftigen Vokabular früh politisierte Tyrell sieht sich in der Position, pädagogisch auf seine weiße Umgebung einwirken zu müssen, um seinen Vorsprung nicht zu verlieren. Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Ginge er so aus sich heraus, wie es für weiße männlichen Jugendliche normal ist, verbänden sich mit der kopflosen Ausgelassenheit tödliche Risiken.

Die Söhne erhielten nie den Segen der Unwissenheit

Das wusste die Mutter nicht, als sie auf dem Sockel ihrer eigenen Migrationsstory es etwas besser machen wollte als ihre sich und alle möglichen Schwierigkeiten verschweigenden Eltern. Sie rüstete ihre Söhne mit intelligenten Waffen aus. Sie gab ihnen Argumente …

und machte sie so zum Ziel.     

„Hast du jemals darüber nachgedacht“, fragte Tyrell, „dass deine Kinder dadurch zu einem Ziel werden würden?“

Tyrell weiß alles, er hat das absolute Selbstbewusstsein und die Gewissheit:

„Dass ich nicht wirklich dazugehöre.“

In den Konfrontationen muss er defensiv bleiben, um keinen Overkill zu provozieren. Otoos Repertoire nutzt ihm nichts. „Verdachtsunabhängige Polizeikontrollen“ sind für ihn Alltag, für sie nicht.

„Ich habe mir nie Gedanken über Schwarze Männlichkeit gemacht.“   

 

Wird fortgesetzt.  

Zum präsentierten Titel

Zum einjährigen Bestehen des sogenannten „Heimatministeriums“ versammelten Fatma Aydemir und Hengameh Yaghoobifarah schonungslose Perspektiven auf eine rassistische und antisemitische Gesellschaft. Vierzehn Autor*innen wehren sich in „Eure Heimat ist unser Albtraum“ gegen ein völkisch verklärtes Konzept.  

Wie fühlt es sich an, tagtäglich als „Bedrohung“ wahrgenommen zu werden? Wie viel Vertrauen besteht nach dem NSU-Skandal noch in die Sicherheitsbehörden? Was bedeutet es, sich bei jeder Krise im Namen des gesamten Heimatlandes oder der Religionszugehörigkeit der Eltern rechtfertigen zu müssen? Und wie wirkt sich Rassismus auf die Sexualität aus?  Dieses Buch ist ein Manifest gegen Heimat. In persönlichen Essays geben vierzehn Autor*innen Einblick in ihren Alltag und halten Deutschland den Spiegel vor: einem Land, das sich als vorbildliche Demokratie begreift und gleichzeitig einen Teil seiner Mitglieder als anders markiert, kaum schützt und kaum wertschätzt.

Der Basistext zur Einwanderung in Deutschland ist eine Litanei. Ein Fünftel der Bevölkerung weist eine ethnische Differenz zur Mehrheit auf. Das betrifft mehr Bürger, als je in der DDR lebten. Das Märchen von der torpedierten Homogenität erzählt man sich in Randgruppen. Die meisten sind in der Realität der Vielfalt angekommen. Das bedeutet nicht, dass der Diskurs die Realität spiegelt. Die traditionellen Inhaber der Deutungshoheit markieren weiter. Sie bestimmen das Leitlinienniveau. Das erklärt, dass eine begriffliche Aufstockung und deren Abkürzung bei der Umbenennung des Bundesministeriums des Inneren zum Drohwort Heimatministerium führte. Jede rechtsalternative Agenturchefin würde im Begriffsbildungsgremium von der Wortwahl der Bundesregierung abgeraten. Kein Privater überstünde unbeschädigt einen vergleichbaren Verbalfehlgriff.

„Eure Heimat ist unser Albtraum“, Sammelband, herausgegeben von Fatma Aydemir und Hengameh Yaghoobifarah, Ullstein, 201 Seiten, 20,-

Mit Beiträgen von Sasha Marianna Salzmann, Sharon Dodua Otoo, Max Czollek, Mithu Sanyal, Margarete Stokowski, Olga Grjasnowa, Reyhan Şahin, Deniz Utlu, Simone Dede Ayivi, Enrico Ippolito, Nadia Shehadeh, Vina Yun, Hengameh Yaghoobifarah und Fatma Aydemir.

Diese Verjüngung der Spielräume auf der rechten Seite vermindert die Kraft des Rassismus kaum. In einer Expedition zu den Quellen der diversen Psyche beobachtet Hengameh Yaghoobifarah „Rassismen in queeren Räumen“. Die Autorin schildert Queerness als Konkurrenz- und nicht als Solidaritätsgegenstand.

Your silence will not protect you, heißt ein Essayband von Audre Lorde, auf den Sasha Marianna Salzmann im ersten Beitrag der Anthologie hinweist.  

„Ich werde nie wissen, was es heißt, unsichtbar zu sein.“

Die Schriftstellerin beschreibt am Beispiel eigener Unterschiede zu jenen, die sich vom Heimatministerium vertreten fühlen sollen, die größte Aufgabe der Minderheiten: den Druck mehrheitsgesellschaftlicher Normierungen (als einer umfassenden Aggression) zurückzuweisen und heimzuschicken - Return to sender. Salzmann erklärt, warum Assimilierung keine Option ist und die einschlägigen Forderungen Strategien zur Delegitimierung, Destabilisierung und Isolation folgen.       

Newsletter bestellen
Textland auf Facebook
Karten bestellen