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16.06.2019, Jamal Tuschick

Über siebenunddreißig Jahre korrespondierte der Verleger Elmar Faber mit dem Schriftsteller Christoph Hein. Nun liegt der Briefwechsel öffentlich vor.

Literarisch leben

Eingebetteter Medieninhalt

Über siebenunddreißig Jahre korrespondierte der Verleger Elmar Faber mit dem Schriftsteller Christoph Hein. Nun liegt der Briefwechsel öffentlich vor. Er zeigt zwei aufgeschlossene Zeitgenossen zwischen Anpassung und Widerstand im Clinch mit der Planwirtschaft und anderen politischen Flexibilitätshemmnissen. Die Kontingente sind dem Markt nicht angepasst. Viele Bücher verfehlen die Auflagen, die das Publikumsinteresse ergäbe. Stichwort Papiermangel. Faber und Hein liefern bärbeißig-grimmige Beispiele für Humor. Sie beweisen Mut zur rechten Zeit. Als Hein im November Siebenundachtzig auf dem X. Schriftstellerkongress in Berlin eine Rede gegen die Zensur hält und sogar deren Strafwürdigkeit feststellt, ist die Deutsche Demokratische Republik schon so gut wie im Eimer.

Christoph Hein, Elmar Faber, „Ich habe einen Anschlag auf Sie vor“, Briefwechsel, Faber & Faber, 157 Seiten, 22,-

Faber begegnet er als „Aufbau“-Chef. Hein gibt sich konziliant gegenüber dem Mächtigeren.

„Sie wissen, dass ich – in den Fußstapfen der Brüder Grimm – Tag für Tag durch die Straßen laufe und mir Märchen erzählen lasse.“

Nach Neunundachtzig geht er mit Sack und Pack zu Suhrkamp, während E. Faber mit seinem Sohn Michael in Leipzig den Verlag „Faber & Faber“ gründet. So beginnt eine Nachwende-Erfolgsgeschichte. Michael Faber wird ins Amt des Leipziger Kulturbürgermeisters gerufen, die Produktion 2014 eingestellt. 2017 stirbt Elmar Faber. Nun geht sein Sohn wieder als Verleger an den Start. Die Korrespondenz seines Vaters mit Hein zählt zu den ersten Titeln des neuen Programms.

Hein erzählt seinem Verleger Geschichten. Er beschwert sich durch die Blume und ermahnt Faber zu Fleiß, wenn es darum geht, Geld hereinzuholen. Hein lebt mit den Erwartungen eines Berufsschriftstellers, der eher noch besser als schlechter gestellte Kolleg*innen vor Augen hat.

Vom Schreiben leben zu können: wird als Selbstverständlichkeit erachtet. Nicht nur die Passion treibt die Produktion an – Faber ist für Hein ein Impresario mit dem Repertoire des Tausendsassas – ein Möglichmacher, der bei Laune gehalten und geschmiert werden muss. Jemand, dessen Aufmerksamkeit und Loyalität nicht allein Hein gilt. Faber hat Verpflichtungen gegenüber dem Staat. Die Freiheitslyrik seiner Autor*innen fällt auf ihn zurück.

Hein moniert, dass die von den Nazis gelichteten Reihen nicht zügig aufgeforstet werden, um manchem dem Vergessen zu entreißen; da die Nachkommenden schon darauf drängen, sich zu etablieren.

Zwar ist das Land klein, doch seine Literaturberge sind gewaltig, um einmal wieder Heinrich Mann abzuwandeln, der ein gutes Nachleben in der DDR hatte.

„Ein Verleger, der nur verkäufliche Ware herstellen will, ist bestenfalls ein Buchverkäufer.“

Allein mit der Kunst ist Staat zu machen. Trotz der Verluste, die sich aus Abwanderung ergeben. Westdeutschland wäre eine Kulturöde ohne die Ostmaler und -Regisseure. Die DDR versorgt ganz Deutschland mit Kunst, muss sich aber mit einer unterirdisch kleinbürgerlichen Kritik und Zensur herumschlagen. Faber darf aus sich keinen Dissidenten machen. Er ist Kader und Administrator. Also dreht er Pirouetten des kritischen Bewusstseins, um den Angeschriebenen mit der Sicherheit zu versorgen, gut aufgehoben zu sein in einer Klitsche mit Weltgeltung.  

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