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17.06.2019, Jamal Tuschick

Wir beobachten strategische Provokationen „sozialer Erregungszustände“. „Der Dichtung“, so Asmus Trautsch in seiner Vorrede zu einem sonntäglichen Vormittag der Kritik an Fake News, populistischer Propaganda, Wut- und Hassbotschaften, „kann die Verflachung einer aggressiv in Anspruch genommenen Sprache“, nicht gleichgültig sein.

Anthropologische Mutationen

Asmus Trautsch am Pult

Georgio Agamben nach einer großartigen Rede

Márió Z. Nemes - Der Retrofuturist

Der Lyrik eine Bresche

Alle Macht verbreitet sich im Diskurs.“

Das sagte Asmus Trautsch in seiner Vorrede zu einem sonntäglichen Vormittag der Kritik an Fake News, populistischer Propaganda, Wut- und Hassbotschaften.

„Die Sprache selbst wird attackiert.“

Wir beobachten eine strategische Provokation „sozialer Erregungszustände“. „Der Dichtung“, so Trautsch, „kann die Verflachung einer aggressiv in Anspruch genommenen Sprache“, nicht gleichgültig sein.

Trautsch rief einen Gewährsmann der Sprache auf die Bühne. Georgio Agamben verfolgt seit Jahrzehnten die Frage: Was bedeutet es, dass ich spreche?

In seinem Werk zeigt er die Stelle, an der die Philosophie die Poesie allein ließ.

„Jede dichterische Intension ist der Erkenntnis zugewandt. Die Philosophie dient allein der Freude.“

Ein Dichter erweckt Worte zum Leben. Er lebt schreibend. Er schreibt Leben. Das entspricht einer anthropologischen Mutation.  

Die Dichtung steckt im Weiß zwischen den Zeilen und den Verschmelzungen des Dialekts mit der Nationalsprache.

„In jeder echten Verwendung von Sprache steckt Zweisprachigkeit.“

Die Sprache lebt (nur) in der Dichtung und stirbt da fast gleichzeitig.

Genaues Gefühl

Während Deutsche und Franzosen ihre Minnegesänge nur nach einem Studium frei von der Leber weg lesen können, haben Italiener das Privileg Dante in seiner Sprache ohne Vorbildung zu verstehen.

Dante unterschied zwischen Volkssprache und grammatischer Sprache. Er hielt die Volkssprache, auch Muttersprache genannt, für edler.

Erlauchtes Sprechen/Verfasste Sprache/Duftende Panther …

Agamben unterstellt Dante „ein genaues Gefühl für den beständigen Sprachwandel“.

Geburt und Tod der Sprache vollziehen sich auf einer kurze Zeitleiste. Dante wusste, dass ein gebürtiger Florentiner in seiner Stadt zum unverstandenen Fremden würde, lebte er nur lang genug.

Agamben zog Pasolini heran, der so friaulisch dichtete wie Dante toskanisch. „Die Suche nach der wahren Sprache“ sei „der Glutkern“ im Werk von Pasolini.

Pasolini vermutete „die echte Erfahrung des Wortes“ weit weg von der Nationalsprache; gezeugt von einem „technokratischen Kapitalismus“.

Pasolini nennt die Nationalsprache einen „Genozid“.

Die Sprachwissenschaft „wird durch das Mündliche“ zu Ausweitungen ihrer Forschungsfelder gezwungen.

Die Vorgeschichte dauert in unserem Unbewussten an. Das Unbewusste spricht im Dialekt. Im Dialekt kündigt sich die kommende Sprache an.

In unserem Unbewussten sind wir Analphabeten geblieben.  

Das alles schrieb Agamben auf dem Poesiefestival Pasolini zu. Pasolini ordnet die anthropologische Mutation negativ der Nationalsprache zu.

Bald mehr dazu.

 

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