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17.06.2019, Jamal Tuschick

Fake News, Bullshit, Lüge. Über Mittel der Manipulation und Wege der Aufklärung. - Fortsetzung des Beitrags „Anthropologische Mutationen“.

Bullshit Resistenz, Retrofuturismus und Bratwürste des Begreifens

Wir leben in einer Ära der digitalen Aufrüstung. Eine gewaltgeladene Sprache erledigt im Zustand der Uneigentlichkeit Individualität und Ambivalenz. Zugleich schwindet das Vertrauen in die Instanzen.

Darüber redete Trautsch mit dem ARD-Faktenfinder Patrick Gensing, dem Politikberater Johannes Hillje und dem Philosophen Philipp Hübl.  

„Der Aufstieg populistischer Parteien und Gruppierungen ist ohne den Einsatz von digitaler Propaganda kaum denkbar. Lügen und fahrlässiger Umgang mit Wahrheit erodieren die Formen und Normen der demokratischen Öffentlichkeit. Die Podiumsdiskussion beleuchtet Hintergründe dieser Phänomene und fragt, wie man ihnen effektiv begegnen kann.“

Hübl plädiert für Bullshit Resistenz. So heißt auch eines seiner Bücher. Er unterscheidet drei Typen: den Lügner, dem die Wahrheit egal ist, den Bullshiter, der die Preisgabe der Wahrheit billigend in Kauf nimmt, und der Trottel, der fahrlässig Fake News weiterverbreitet.

Hübl stellt fest, dass wir alle wieder und wieder zu Trotteln werden.

Die Spezialisten beobachten Wortergreifungsstrategien in den sozialen Medien, die gesellschaftliches Randgeschehen zu Massenphänomenen aufrauschen lassen können. Die gewalttätige Sprache bricht aus ihren Entstehungsmilieus und untermauert jene Großnarrative, die als Fake News-Katapulte funktionieren.

Bratwürste des Begreifens

Effektiv macht die Fake News-Industrie alles, was der Vereinfachung dient. Die Reduktion von Komplexität wirkt entlastend und einladend. So entstehen Bratwürste des Begreifens, bei denen man nichts verkehrt machen kann. Der gute Wille reicht und sei es der gute Wille Ungeheures zu glauben so wie auch die Bibel dem Gläubigen einiges abverlangt. Den Gläubigen qualifiziert die Bereitschaft, Unwahrscheinliches für möglich zu halten. Hat man sich erst einmal weit genug vorgewagt, gibt es kein Zurück mehr durch den Lügensumpf irgendeiner Bauernfängerei.

Auf diese Weise werden Demagogen zu „Spitzenverdienern der Aufmerksamkeitsökonomie“, so Hillje. Er erkennt „Stressmomente“ der Demokratie in der Konsequenz einer umdeutenden Verneinung ihrer Werte. Ihre institutionalisierte Kompromissbereitschaft wird zur Schwäche.   

Nachtrag

Dichten im Diskurs und gegen ihn. Sprachvergiftung und poetischer Widerstand hieß der dritte Block der von Giorgio Agamben überstrahlten Veranstaltung. Dagmara Kraus las ein Anti-AfD-Gedicht. Sie „kickerte“ mit Wörtern

„Wörter aus dem Buch der Könige hausen in Containern“

Ein Aal will malend dargestellt werden: sich so unähnlich wie möglich

„Gott will immer alles panieren“ …

Dann kam Márió Z. Nemes als Fundamentaloppositioneller der ungarischen Regierung und prägte sich mir mit dem Wort „Retrofuturismus“ ein.

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