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18.06.2019, Jamal Tuschick

Einer trinkt zu viel, der andere trocknet aus. In Jaroslav Rudiš‘ preisverdächtigem Roman „Winterbergs letzte Reise“ finden auch die Fachleute für Durchstiche und Überschienungen Erwähnung. Der Autor liebt Anachronismen aus dem technischen Zeitalter. Manchmal erfindet er Wörter mit Patina. Das erzählte er gestern beim Auftakt des Uslar & Rai-Festivals im Gespräch mit der Journalistin Petra Ahne.

Historische Anfälle

Jaroslav Rudiš und Petra Ahne vor der Lesung in der Uslar & Rai-Buchhandlung

Das Riesengebirge zu überschienen war keine Kleinigkeit

Gemeinsam haben sie das Abenteuerland Böhmen bereist – der tschechische Schriftsteller Jaroslav Rudiš, der aus dem Erzählen überhaupt nicht mehr herausfindet, und die deutsche Journalistin Petra Ahne. Stunden und Tage verbrachten sie in Eisenbahnen und auf Bahnhöfen, deren Habsburger Architektur sie als europäische Signatur begreifen. Ahne besteht darauf, dass Rudiš „einen europäischen Roman geschrieben“ hat, „einen, den wir jetzt brauchen“ zur Abwehr der nationalistischen Rückständigkeit auf dem Vormarsch.

Die letzten dreißig Journalist*innen, die ich auf Bühnen gesehen habe, von Dunja Hayali über Carolin Emcke bis Paul Mason predigten Haltung. Rudiš begreift sich als Böhme, er betont eine mentale Nähe der Franken zu den Tschechen und eine persönliche Affinität zu den Sachsen. In seiner Rede ist Bier zentral.

Winterstein pendelt zwischen Hysterie und History. Er leidet unter historischen Anfällen

Ahne beendet die regionalistische Schwelgerei, um auf Europa zurückzukommen. Sie zitiert Vaclav Havel:

„Die Europäische Union ist das Wunder meines Lebens.“

Rudiš bricht er ins Rhapsodische auf und beschwört die Schönheit des Egerlandes im Verein mit Böhmen im Großen und Ganzen. Wo, Böhmen am schönsten angeblich ist, da kam Rudiš zu Welt. In Jičín waren vor ihm Wallenstein und Karl Kraus aktiv. Der Schriftsteller verwandelt sich in seine titelstiftende Hauptfigur Wenzel Winterstein. Der von Eisenbahnen besessene Greis leidet unter „historischen Anfällen“. Er pendelt zwischen „Hysterie und History“. Ihm zur Seite steht als verhinderter Sterbebegleiter ein fast noch jugendlicher Alkoholiker. Jan Kraus liefert dem Genre der Hilflosigkeit im Pflegekittel ein weiteres Beispiel. Das Thema variiert den Typus des süchtigen Drogenberaters, der sich im Junkie als Mitarbeiter in der Methadonabgabestelle voll verkörpert.

Ein Säufer und ein Schwadroneur hängen voneinander ab.

Winterstein verdammt Kraus zum Zuhören. Der Eisenbahnsüchtige mit einer Vergangenheit als Straßenbahnfahrer in Berlin zwingt den Schluri zur Co-Dependenz. In Sachsen passieren die beiden aufgegebene Höfe und im Gelände endende Asphaltspuren. Sie erkennen die Zeichen einer siechen Region auf dem Weg nach Sarajevo. Im Dresdner Bahnhofsrestaurant erzählt Winterberg wie schwedische Dragoner einst über Böhmen hereinbrachen, um sich als Vorgänger der sechs Mal in hundert Jahren einfallenden Preußen aufzuspielen.   

Jaroslav Rudiš, „Winterbergs letzte Reise“, Roman, Luchterhand, 540 Seiten, 24,-

Die Stille vor dem Krieg

Winterberg verbreitet die Weisheiten seines Vaters, einen überschaubaren Schatz mit einem Dreh ins Universelle. Er spielt sich selbst die Bildungsbälle zu, da Kraus nicht zur Verfügung steht. Winterberg blüht enzyklopädisch auf. Er kommt dahin, wo seine Eltern Hochzeit hielten und er selbst mit Lenka heimlich Verlobung feierte.

Lenka Morgenstern steht nicht auf der Liste verstorbener Gattinnen. Sie war eine Liebe außer der Reihe.

Winterberg wurde im nordböhmischen Liberec (Reichenberg) geboren, der Alte geht mit Kraus die Straßen seiner Kindheit ab. Ein Hotel „scheint zu schweben wie ein Stern“. Winterstein memoriert „den Tag, als die Tschechen gehen mussten“.

Er schildert die Stille vor dem Krieg. Während ich schreibe, verschwimmt das Romangeschehen mit Rudiš‘ Erzählung in der Buchhandlung.

Burleske des Grauens  

Die europäischen Völker haben zwar eine lange gemeinsame Geschichte, doch diese Geschichte ist blutig. Rudiš zitiert einen Engländer, der die Schönheit Böhmens als Kombination von Schlachtfeldern und Ruinen pries. Im Sog des Grauens triumphiert der Greis komfortabel dicht am Ausgang des Lebenstheaters. Er dröhnt von der „Überschienung“ des Riesengebirges als einer Großtat mit der Kragenweite anders monumentaler Überschienungen. 

„Man kann alles überschienen, nur nicht den Tod.“

Manchmal beschreibt Kraus, was er nicht sieht. Oder er holt aus und memoriert Bierschaumerlebnisse. Er bringt es sogar fertig, auf sich selbst gestellt ein paar Runden zu drehen. Eine Tragik in Winterbergs Leben dreht sich um die „Feuerhalle“ von Liberec. Das Wort taucht früh im Roman auf, gewinnt aber erst hundert Seiten später seine Bedeutung als Synonym für Krematorium.

Winterstein und Kraus überqueren nicht nur räumlich Grenzen. Gemeinsam überschreiten sie Grenzen, die dem Greis gesetzt sind. Rudiš beschwört eine Ausreißer-Konstellation, die sich als Flucht lesen lässt. Fliehen musste auch Lenka nach dem Einmarsch der Wehrmacht. 

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