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19.06.2019, Jamal Tuschick

In „Danke Deutschland“ bestimmt Sanja Mitrović an der Berliner Schaubühne die Differenz zwischen der nordvietnamesischen Migration in den neuen Bundesländern und der südvietnamesischen Migration in der alten Bundesrepublik.

Und abends kochen wir euch noch etwas Gutes

Im „Sonnenblumenhaus“ wohnen „gute Ausländer“. Sie sind fleißig, ruhig, ordentlich. Sie erkennen ihren Rand der Gesellschaft an. Diskriminierung paart sich zwanglos mit Zuspruch. Die Arbeitsmoral der Vietnamesen findet man vorbildlich, ihre Andersartigkeit lädt zu Herabsetzungen ein. Die Herabsetzungen haben die „Schlitzis“ hinzunehmen, das lernen deutsche Kinder, bevor sie in die Schule kommen.

Es gibt also eine ganz normale Diskriminierung, gegen die niemand Einwände erheben darf. Die Diskriminierten schon gar nicht. Die als Vertragsarbeiter*innen in die seit zwei Jahren erloschene DDR geratene Vietnamesinnen sollen sich wegducken, wenn wer „Schlitzi“ oder „Fitschi“ sagt. Das ist der Nährboden einer Entwicklung, die in einem brennenden „Vietnamesenheim“ aka „Sonnenblumenhaus“ eskaliert.

„Danke Deutschland“ zeigt, dass die Brandstifter von Rostock-Lichtenhagen sich auf eine Gesinnungsbasis verlassen konnten, die den Mob vor dem Heim zu einer verschwindenden Größe machte. Die Polizei zog sich nicht nur vor der Gewalt auf dem Rasen mehrmals zurück. Den Bedrängten riet sie, sich unsichtbar zu machen.

Das wird auf der Bühne mit Feuerwerkskörpern und filmischen Mitteln effektvoll verhandelt. Die Ausschreitungen begannen am 22. August 1992 und endeten vier Tage später. Sie richteten sich zuerst gegen die Zentrale Aufnahmestelle für Asylbewerber und hier zumal gegen Sinti und Roma, die im Freien campierten, weil in der Zentrale die Kapazitätsgrenzen erreicht waren.  

Mai-Phuong Kollath, die 1981 in einer Rostocker Hafenküche als „Herdhilfe“ ihre Vertragsarbeit aufnahm, schildert die Bedingungen einer schwierigen Koexistenz im Dunst ständiger Bedrohungen. Sie wurde noch in der DDR von einem Deutschen schwanger und musste die Schwangerschaft bis zur Hochzeit verheimlichen; sonst wäre sie abgeschoben worden.

Die Angst vor Abschiebung trieb nach Neunundachtzig viele Vietnamesinnen in die Selbständigkeit. Selbst die Zigarettenverkäufer*innen versorgten sich mit Gewerbescheinen. Die ehemalige Vertragsarbeiterin im Stück ist mit einem Deutschen verheiratet. Sie eröffnet ein Café, in dem Hooligans ein Terrorregime errichten.

Alle arrangieren sich.

Unfähige Funktionselite

Regisseurin Sanja Mitrović beschreibt in Szenen und narrativen Einlassungen die Differenz zwischen ost- und westdeutschen migrantischen Milieus. Die autochthonen Ostdeutschen vereint die grandiose Erfahrung, eine Regierung von der Macht getrennt zu haben. In Lichtenhagen beschreitet die Staatsmacht den Weg des geringsten Widerstands. Sie fraternisiert mit dem Mob. Ihre Repräsentanten sind zweite Wahl, jedenfalls behauptet das der Theatertext. Die Vorgesetzten haben in der alten Bundesrepublik zu nichts gebracht und versagen nun in ihren halbkolonialen Führungsfunktionen. Ihnen begegnet eine verlorene Generation, deren Prägung seit 1989 ungültig ist. Sie kommen aus der Abschottung, ihre Kindheit kannte solide Feindbilder. Sie sind auf einen autoritär-fürsorglichen Staat geeicht, das macht sie anfällig. Die Durchlässigkeit einer offenen Gesellschaft legt sie lahm. Sie erleben ihren Ausschluss nicht als persönliches, sondern als Staats-Versagen.

Ihr Feind ist der „Zigeuner“ als eine Einbruchsfigur in die Schrumpfbürgerlichkeit. Wilhelm Reich hat den Typus erfasst. Der in sozialen Mutationen zum Halbbürger degenerierte Arbeiter fährt im Ressentiment aus dem Triebstau und auch wieder hinein. Die Kinder der Frustrierten sind Freizeitfaschisten. Ihr Hitlergruß ist eine Currywurstigkeit.

Mit den drangsalierten Vietnamesinnen hat das wenig tun. Die Vertragsarbeiter*innen waren nie Teil der DDR-Gesellschaft. Das vereinte Deutschland sagt ihnen nichts. Mai-Phuong Kollath will sich einfach nur anpassen und einfügen. Es ist eine Leistung der Inszenierung, dass das deutlich zu sehen ist.

Im November 1992 geschahen die Brandanschläge von Mölln. Drei Menschen kamen um. Eine Welle der rassistisch motivierten Gewalt raste über Deutschland hinweg.  

Mano Thiravong und Khanh Nguyen machen die westdeutsche Gegenrechnung auf. 1978 zog die Besatzung eines deutschen Frachters vierhundertfünfzig Südvietnamesinnen aus dem Südchinesischen Meer. Die Landesflüchtlingsverwaltungen, bis dahin vor allem für Aussiedler zuständig, hatten ein neues Thema. Der Motor einer neuen Migrationsdebatte war Ernst Albrecht. Der niedersächsische Ministerpräsident regierte gern aus seinem Dorf Beinhorn bei Hannover in die Welt hinein. Er holte gleich mal tausend Bootflüchtlinge in sein Bundesland und deklarierte das als Folge einer Familienratsentscheidung. Albrecht schickte Wilfried Hasselmann nach Malaysia, um die malaysischen Behörden auf Trab zu bringen. Die Geschichte ist ein Brummkreisel. Hasselmann diktierte der Presse dem Sinn nach: Jetzt könne man sich wieder gut fühlen als Niedersachse.

Albrecht düpierte mit seinem Altruismus die sozialdemokratische Bundesregierung. Helmut Schmidt neigte gegenüber den südvietnamesischen Kriegsverlierer*innen aka Boatpeople zu einer in Europa einzigartigen Zurückhaltung. Albrecht tat ihm weh, als er der südvietnamesischen Migration die Türen öffnete.

Es wurden eine Erfolgsgeschichte. Unsere Vietnamesinnen integrierten sich so lautlos wie effektiv. Sie zeigten sich dankbar und bewiesen Zurückhaltung. Das koinzidiert mit dem theatralischen Fazit. Der letzte Satz im Stück lautet:

„Und abends kochen wir euch noch etwas Gutes.“

1. Nachtrag

Sie begreifen den Markt. Nach 1989 eröffnet Khanh Nguyens Familie ein chinesisches Restaurant im arkadischen Sachsen. Sie vermuten da eine Marktlücke für chinesische, nicht aber für vietnamesische Spezialitäten.  

2. Nachtrag

Ich verdanke einem südvietnamesischen Migranten mein Leben als heitere Angelegenheit. Die Heiterkeit basiert auf Gong-fu, auch wenn ich außerdem Taekwondo gelernt habe. Xuan Phan, der zwei Jahre später mein Lehrer werden sollte, gehörte zu jenen an Land Gezogenen, die am 3. Dezember 1978 in Hannover-Langenhagen einer Maschine der Luftwaffe entstiegen. Nach der Kapitulation 1975 hatten die Sieger Xuan vorübergehend in einem Umerziehungslager untergebracht und den Betrieb seiner Familie enteignet. Insgesamt kamen zweiunddreißig nahe Verwandte in Deutschland an. Sie konzentrierten sich im Landkreis Kassel, wo ein Onkel von Xuan ein Restaurant eröffnete, in dem Xuan kochte. Er lebte mit seiner Frau und einer Schar leiblicher Kinder sowie einiger Nichten und Neffen auf einem aufgegebenen Aussiedlerhof. Da trainierten wir eine Kunst, die bis zu Xuans Generation nur vom Vater an die Töchter und Söhne weitergegeben worden war. Xuan brauchte länger, bis er sich in der Fremdsprache differenziert verständlich machen konnte, als ich brauchte, um seine Familienkörpersprache zu lernen. Das hatte den Vorzug einer emphatischen Aufnahme von Informationen.   

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