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20.06.2019, Jamal Tuschick

Noch lebt er in Düren, wo, so sagte es die Schriftstellerin Annika Reich in ihrer Moderation einer Veranstaltung mit Galal Alahmadi, Leila Chammaa und Tanja Dückers in der Berliner Tucholsky Buchhandlung, ein regelrechtes „Schriftsteller*innennest“ sei, gehegt von einem kulturverliebten Bürgermeister. Trotzdem will Alahmadi künftig in Berlin leben. Zurzeit genießt der vielfach ausgezeichnete Autor als Torschreiber-Stipendiat die Vorzüge eines Aufenthalts im Literarischen Colloquium am Wannsee.

Der Galal-Effekt

(c) Pierro Chiussi

Zur letzten Veranstaltung vor den Sommerferien lud der unermüdliche Jörg Braunsdorf gleich ein halbes Dutzend hochkarätiger Autor*innen ein, von denen jede(r) den Abend allein bestreiten konnte - im Rahmen einer Kooperation mit dem Projekt „Weiter Schreiben“ der Initiative für Geflüchtete „wirmachendas“.

WIR MACHEN DAS ist ein Aktionsbündnis, das sich für die Teilhabe von Geflüchteten und eine offene, vielfältige Gesellschaft einsetzt.

Die Hauptrolle spielte der 1987 in Saudi-Arabien geborene jemenitische Dichter Galal Alahmadi. Er hat in der arabischen Welt das meiste abgeräumt, was sein Fach an Ehrungen bereithält, und auch in Deutschland bereits viel Anerkennung erfahren. Vier Gedichtbände und eine beachtliche journalistische Strecke belegen seine Produktivität. Nächstes Jahr erscheint sein erster Roman, den er – nach der ersten Erwartung – in zwei Monaten geschrieben haben wollte. Den Debütanten (als Romancier) bändigt die Furcht, „in autobiografisches und lyrisches Schreiben abzugleiten“.  

Alahmadis Übersetzerin Leila Chammaa wirkte als Simultandolmetscherin. Annika Reich stellte ihre Kolleg*innen vor. Sie bezifferte die Anzahl der von Tanja Dückers veröffentlichten Bücher mit siebzehn. Dückers entgegnete ungerührt:

„Kann sein.“

Reich meldete eine Beobachtung, nach der syrische Dichter*innen vor allem mit „Intensivierungen“ arbeiten, während Alahmadis Stil von „Auslassungen“ und Verknappungen geprägt ist.

Alahmadi antwortete nicht direkt. Vielmehr gefiel es ihm zu erzählen, dass der Jemen als nahöstliche Peripherie wahrgenommen würde und wenig Beachtung in den Nachbarländern fände. Seine Gedichte seien aus der „Vielfalt“ der Einflüsse geschöpft, denen er sich in einer halbnomadischen Existenz als Journalist in Saudi-Arabien, im Libanon, im Irak und in Jordanien ausgesetzt hat.

Tanja Dückers erwähnte sekundierend den Galal-Effekt. 

„Wann immer Alahmadi auftritt, kehrt Stille ein.“

Alahmadi erreiche Zuhörer, die mit Lyrik sonst nichts am Hut haben. Dückers ging so weit, von einer integrativen Kraft zu sprechen, die sowohl vom Werk als auch von der Person ausgehe.

„Seine Sprache findet zu den Menschen.“

Alahmadi versteckt in seiner Lyrik Gesellschaftskritik, die ihm kein Herrschender nachweisen kann. Zuerst las er das Gedicht „Ein Hund in der Gasse“.

In jeder kalten Gasse
gibt es einen Hund,
der bellt,
als würde er es schon immer tun.
Hunde, die in kalten Gassen leben,
bellen alle gleich,
lieben dasselbe Weibchen,
sterben plötzlich.
Immer wenn ein Gassenhund verschwindet,
kommt auch einer von uns abhanden.
Jeder hat einen Hund, der zähnefletschend das Leben seines Herrn verteidigt.
Deshalb schwören Mütter auf diesen Hund
und Großmütter beten,
dass sein Gebiss kräftig ist.
Die Hunde in der kalten Gasse erhören die Bitte.
Wird einer von seinem jungen Herrn verlassen,
stoßen ihn die Artgenossen aus.
Mit der Zeit verlernt er das Bellen,
sein Schwanz fällt ab wie Herbstlaub,
die Haut löst sich.
Er kauert sich zusammen,
wird zu Stein.
Dann kommen die Mütter und rollen ihn sanft den Hügel hinab,
unten angelangt, heben sie ihn auf die Schultern und singen.
Sie verschwinden im Wald,
nach ein oder zwei Nächten erscheinen sie wieder,
in den Armen ein neues Kind.
Jahre später ist das Kind groß,
seine Mutter nimmt es mit in den Wald,
kurz darauf kommt das Kind heraus und geht,
gefolgt von einem Hund, in die kalte Gasse.

 

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