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21.06.2019, Jamal Tuschick

Wir müssen reden. Über den Krieg im ehemaligen Jugoslawien. Über den Völkermord an den Bosniaken. Über Nationalismus und Faschismus in den Balkanstaaten.

„Die leben einfach weiter, als ob wir nie existiert haben.“ - Nora Hespers spricht mit Melina Borčak - 1. Teil

Melina Borčak

Antifaschistische Frauenfront

Melina Borčak ist freie Journalistin und hat unter anderem für CNN, die Deutsche Welle und den RBB gearbeitet. Ich hab sie bei Twitter gefunden, weil ich über einen ihrer Tweets gestolpert bin. Zufällig. Es war ein Tweet zum 6. Dezember 2018. Darin erinnert sie an den Geburtstag der Antifaschistischen Frauenfront Jugoslawiens. In ihrem Tweet nennt sie acht Partisaninnen, die sich als Teil der Frauenfront im Zweiten Weltkrieg den Faschisten in den Weg stellten. Darunter ihre Ur-Großmutter Fatima. Wenn ich ehrlich bin: Ich habe noch nie zuvor davon gehört.

Das Mainlabor bedankt sich bei den Autor*innen. Der wunderbare Beitrag erschien zuerst hier

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Melinas Ur-Großmutter Fatima hat sich im Widerstand engagiert, indem sie Partisanenkämpfer versteckt und als ihre Söhne ausgegeben hat. Wäre sie dabei erwischt worden, hätte das die Todesstrafe bedeutet.

Für mich der Ausgangspunkt, noch ein bisschen mehr über Melina Borčak zu erfahren. Und vor allem sie zu fragen, ob sie Lust hat im Podcast mit mir zu sprechen. Denn ihre Tweets haben mir die Tür geöffnet zu einem blinden Fleck in meinem Bewusstsein: den Geschehnissen rund um die Kriege in Bosnien, Kroatien und Kosovo von 1991-1999.

Bevor es los geht:

Ich möchte an der Stelle übrigens zwei Anmerkungen machen: Es geht in dieser Folge nicht darum, zu bewerten, ob ich es gut finde, dass Frauen – und auch Männer – an was auch immer für einer Front kämpfen und sich dabei gegenseitig verletzen und töten. Ich lebe in Friedenszeiten. Ich kann mir das weder vorstellen, noch kann ich es beurteilen. Und grundsätzlich vertrete ich die Haltung, dass Krieg am Ende nur Verlierer produziert und deswegen zu verurteilen ist. Aber das kann ich jetzt sagen. Weil ich in einem Teil Europas lebe, in dem seit über 70 Jahren Frieden herrscht. Die Gegenwart verstehen wir aber nur rückwärts. Und deshalb ist es wichtig, diese Geschichten zu erzählen. Und auch den Anteil, den Frauen daran hatten. Dazu gehören auch Frauen, die im bewaffneten Widerstand gekämpft haben.

Zweitens: Melina Borčak ist Bosniakin. Sie erzählt die Geschichte aus ihrer Sicht, geprägt von ihren Erfahrungen als Teil einer ethnischen Gruppe, an der im Bosnienkrieg ein Völkermord verübt wurde. Sie erzählt als eine junge Frau, die mit ihrer Familie nicht nur verfolgt wurde, sondern ausgelöscht werden sollte. Sie ist geflüchtet, zurückgekehrt – und lebt seit drei Jahren wieder in Deutschland. Ihr geht es nicht darum, Vorurteile zu verbreiten. Im Gegenteil, sie hat ein sehr differenziertes Verständnis der Geschichte, das macht sie auch am Ende dieses Interviews noch sehr deutlich. Aber um einen Überblick dessen zu bekommen, was passiert ist, wird auch hier von Serben, Bosniaken und Kroaten gesprochen. Wohl wissend, dass Label keine Menschen machen und Nationalität oder Religion keine Gütesiegel sind.

Die Geschichte des Königreichs Jugoslawien

Für mich persönlich ist ziemlich viel neu in dieser Episode. Deshalb hat Melina Borčak die schwierige Aufgabe, denen, die so wenig wissen, wie ich, einen Überblick zu geben. Damit das nachvollziehbar bleibt, werde ich einfach hier und da ein paar Einschübe in den Podcast einbauen und erklären, worum es genau ging. Und – auch das sagt Melina Borčak gleich zu Beginn des Gesprächs – sie kennt sich vor allem mit der Geschichte auf der bosnischen Seite aus. Was in Mazedonien oder Slowenien im Einzelnen passiert ist, besprechen wir deshalb in diesem Interview nicht.

Also, fangen wir an: Melina Borčak startet ihre Erzählung mit dem Königreich Jugoslawien. Das Königreich Jugoslawien existierte von 1918 – 1941 und war ein Vielvölkerstaat, der „Slowenien, Kroatien, Bosnien und Herzegowina, Serbien, Montenegro, Kosovo und Nordmazedonien [umfasste]. Die Gebiete südöstlich von Triest sowie Istrien, heute Teile Sloweniens und Kroatiens, waren hingegen Italien zugeschlagen worden“, so steht es im Wikipedia-Artikel zum Königreich Jugoslawien.

Die Nazis haben dann 1941 zunächst Kroatien okkupiert, erklärt Melina Borčak. Die hatten aber auch durchaus eigene Interessen, mit den Nazis zu kooperieren, denn dort gab es bereits die faschistische Ustascha-Bewegung. Die Ustascha oder Ustasche wurde von Ante Pavelić im Januar 1929 in Italien gegründet und waren zunächst ein kroatischer rechtsextrem-terroristischer Geheimbund, der sich später zu einer faschistischen Bewegung entwickelte. Klingt jetzt nicht nach den netten Jungs, ehrlich gesagt.

Im Wikipedia-Artikel gibt zur Geschichte Kroatiens gibt es folgende Erklärung:

„Nachdem die Kroatische Bauernpartei die Kollaboration mit der deutschen Besatzungsmacht abgelehnt hatte, übergab sie die Macht in Kroatien der faschistischen Ustascha-Bewegung unter der Führung von Ante Pavelić. Die Ustascha proklamierte am 10. April 1941 den „Unabhängigen Staat Kroatien“ (Nezavisna Država Hrvatska). Dieser formal unabhängige Staat wurde politisch und militärisch von Deutschland gestützt, insbesondere bei den ab 1942/43 aufkommenden Kämpfen gegen die jugoslawischen Partisanen unter Führung des Kroaten Josip Broz Tito und anfangs gegen die monarchistisch-jugoslawisch orientierten Tschetniks. Ab 1942 kämpften einzelne Tschetnik-Verbände in Kroatien an der Seite der Ustascha gegen die kommunistischen Partisanen und wurden dafür vom NDH-Staat finanziell unterstützt.“

Geschichte Kroatiens, Wikipedia, abgerufen am 16.05.2019

Die Ustascha okkupieren neben Kroatien auch noch Teile von Bosnien und erklären sie als zum unabhängigen Kroatien gehörend. Damit war Bosnien im Westen von den Kroaten bedroht und im Osten von den faschistischen Tschetniks, die vor allem aus Serbien kamen. Die Tschetniks zeichnete vor allem folgende Ideologie aus:

„Die heutige Bedeutung der Selbstbezeichnung wurde im Zweiten Weltkrieg von der deutschen Besatzungsmacht in Jugoslawien als Sammelbegriff für die Angehörigen von völkischen und antikommunistischen serbischen bzw. montenegrinischen Milizen geprägt, die sich zu einer faschistischen Bewegung entwickelten. Darunter fiel auch die Jugoslawische Armee im Vaterland, die während des Zweiten Weltkrieges aus Tschetniktruppen bestehend unter der Führung von Dragoljub Draža Mihailović für die Wiedererrichtung des Königreichs Jugoslawien und die Errichtung eines Großjugoslawien mit einem ethnisch reinen Großserbien kämpften.

Der kroatische Historiker Vladimir Žerjavić schätzt, dass die Tschetniks während des Zweiten Weltkrieges etwa 29.000 Bosniaken und 18.000 Kroaten (vorwiegend Zivilisten) ermordet haben. Der Historiker Zdravko Dizdar schätzt, dass insgesamt etwa 50.000 Muslime und Kroaten ermordet wurden.“

Tschetnik, Wikipedia, abgerufen am 16.05.2019

Damit waren die Bosnier umzingelt von faschistischen Gruppierungen zu denen nicht nur die Ustascha und die Tschetniks gehörten, erklärt Melina Borčak:

„Und dann mussten die Leute dort gegen die Nazis, gegen die Ustascha, gegen italienische Faschisten, gegen serbische Faschisten, die Tschetniks hießen und gegen andere serbische Faschisten kämpfen, also es waren sehr viele, faschistische Gruppen.“

Melina Borčak

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