MenuMENU

zurück zu Main Labor

21.06.2019, Jamal Tuschick

Die Spindel der Narration wird in Anna Enquists neuem Roman „Denn es will Abend werden“ von einer Dynamik angetrieben, deren Ursache Flüchtigen verborgen bleibt.

Gebildete Psychen

Bei einer polizeilichen Befreiungsaktion mit Sprengstoff werden die im Quartett auf einem Hausboot vereinten und da zu Geiseln eines Ausbrechers gewordenen Hobbystreicher*innen Carolien, Heleen, Jochem und Reinier verletzt. Das ist der Ausgangspunkt des neuen Romans von Anna Enquist. In „Denn es will Abend werden“ taumeln Traumatisierte über die Schwellen des Vertrauten ins Bodenlose.

Eingebetteter Medieninhalt

„Wir zerren aneinander, und keiner rückt von der Stelle.“

Das ist der Status quo einer Ehe, die nach dem Verbrechen vom Sockel alter Gewissheiten bricht. Die Spindel der Narration wird in „Denn es will Abend werden“ von einer Dynamik angetrieben, deren Ursache Flüchtigen verborgen bleibt. Die Ärztin Carolien und der Instrumentenbauer Jochem vermeiden schamvoll jede Offenbarung ihrer Pein.

Anna Enquist, „Denn es will Abend werden“, aus dem Niederländischen von Hanni Ehlers, Luchterhand, 284 Seiten, 22.-

Das Verhältnis von Scham und Pein  

Carolien, die einen Finger verloren hat, verbirgt sich (zunächst), Jochem, der sich mit einer mutigen Tat um seine Schadensersatzansprüche gebracht hat, schließt sich dauerhaft ein.

Sie lässt an ihren Außengrenzen keine Patrouillen aufmarschieren, er fühlt sich nur noch in der Überwachung halbwegs sicher.

Seiner Paranoia gestattet Jochem keinen Ausdruck, während Carolien ihr Unbehagen in der Unwirtlichkeit einer traumatisierten Existenz artikuliert.

Der Musikprofessor Reinier van Aalst erliegt seinen Verletzungen deshalb sehr langsam, weil man ihn nicht sterben lassen will, solange nicht Gras über den erfolgreichen Einsatz gewachsen ist. Heleen plagen Schuldgefühle. Sie hat den Geiselnehmer angelockt. In einen altruistischen Briefwechsel mit dem Einsitzenden ließ sie jene Informationen fließen, die Heleen und ihre Freund*innen zum Ziel machten. Inzwischen spielt sie nur noch Blockflöte. Die Cellistin Carolien bemüht sich um die indisponierte Geigerin so hölzern wie um sich selbst. Sie ist bei dem Angriff zu ihrer Rettung seelisch ertaubt.

Auf Reiniers Beerdigung vermisst sie Hugo, den Besitzer des ramponierten Tatorts. Carolien fliegt ihm nach China hinterher, wo Hugo als Impresario in Shanghai ein Büro unterhält – „in einem Viertel, das sie Französische Konzession nennen … es mutet tatsächlich europäisch an“.  

Carolien teilt ihre Beobachtungen Jochem mit. Er lässt den Kontakt zu seiner Frau schleifen. Beide verarbeiten die traumatische Erfahrung wie ein Eheprodukt. Sie sind so stark verbunden, dass sie alles in die Verbindung hineinzuziehen, obwohl eine Scheidung des Verbrechens von ihrer Verbindung intelligenter wäre.

Intelligenz und Sorgfalt versagen. Die Fähigkeit, den wahren Feind zu erkennen, nimmt ab. Das erzählt Enquist großmeisterlich.

In „Denn es will Abend werden“ geht es um gebildete Psychen, um Feinschmecker*innen des Schmerzes. Carolien und Jochem bewahren Haltung. Das bewahrt sie kaum. Sie erholen sich auf Abwegen. Carolien steigert sich in ein Interesse hinein. Es veranlasst den weltweit missionarisch aktiven Kinderarzt Max dazu, persönlich zu werden. Gemeinsam inspizieren sie Kasernen der chinesischen Wohlfahrt. Sie betrachten in ihrer lieblosen Verwaltung erloschene Waisen.

Als Dutzendtyp der Feinsinnigen erliegt Carolien westeuropäischen Denkfehlern. Die Metamorphosen ihrer Vorurteile unterstellt sie den Konventionen der Gattenkorrespondenz auch als kalkulierte Zumutungen.  

Newsletter bestellen
Textland auf Facebook
Karten bestellen