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22.06.2019, Jamal Tuschick

„Mein Gedächtnis ist vom vielen Vergessen ganz müde.“ - 2016 verbrachte Aslı Erdoğan wegen des Vorwurfs der Terrorunterstützung 132 Tage im Frauengefängnis Bakırköy. Sieben Jahre zuvor hatte sie in dem Roman „Das Haus aus Stein“ den Trotz einer staatlich Gefolterten preiswürdig dargestellt.

Rettendes Delirium

Eingebetteter Medieninhalt

Nichts lässt sich vermeiden.

„Forderst du das Leben nicht heraus, so fordert das Leben dich heraus.“

Erdoğans moribundes Erzähl-Ich entbehrt nicht zum ersten Mal seine Freiheit im Sansaryan Han, einem Istanbuler Gefängnis, in dem es bis zu seiner Schließung am Ende des letzten Jahrhunderts wohl zuging wie in Dantes Inferno.

„Ihr, die ihr hier eintretet, lasst alle Hoffnung fahren.“

Die in einer Todeszentrifuge abgeklärte Erzählerin folgt der Routine jener Geschlagenen, die groggy einen Trauma-Tanz aufführen. Sie können sich nicht ergeben. Sie sind unfrei auch in ihrer Stärke.

Aslı Erdoğan, „Das Haus aus Stein“, Roman, aus dem Türkischen von Gerhard Meier, Pinguin Verlag, 117 Seiten, 15,-

Die Erzählerin formuliert knapp den Verlust ihres Lebens. Danach geht es weiter in Meisterungen von Höllenkreisen. Der materielle Anspruch auf Leben und dessen Aufhebung liegen dicht beieinander auf einem schmalen Vorsprung. Die Gefolterte erscheint genauso opak wie transparent. Sie taucht auf den Grund ihres Gedächtnisbrunnens. Sie monologisiert in einem rettenden Delirium.

„Das Haus aus Stein ist ein Text ohne Anfang“, erklärt Erdoğan im Vorwort der deutschen Ausgabe. Der Text „zieht Kreise um das Unerzählbare, gibt also seine Hilflosigkeit zu.“

2016 verbrachte Erdoğan wegen des Vorwurfs der Terrorunterstützung 132 Tage im Frauengefängnis Bakırköy. Das suggeriert einen wahrgewordenen Albtraum, zumal die Manier des (der Katastrophe vorausgeschickten) Romans celanesk-godotisch-somnambul ist. Ab und zu erholt sich die Leserin bei einer realistischen Darstellung von gerade erst Eingelieferten, die auf einem Revier schon einmal für den Fleischwolf präpariert wurden. Der rabiate Straßenmut verblasst auf den ersten Metern eines erprobten Passionsweges. Noch bläst Hoffnung die Backen auf. Vermutlich wird eine Gefangene nie Zeugin solcher Zuführungen von Verlorenen. Trotzdem ordne ich das Romangeschehen ausschließlich ihrer Wahrnehmung zu. 

Die Erzählerin wartet, bis es an ihr ist, sich im Ertragen zu üben und alle möglichen Zumutungen nur noch auszuhalten sind. Interessanterweise zieht Erdoğan einen Luftzug dem Orkan vor. Ihre Bilder zeigen eine von allen guten Geistern Verlassene, die Zuflucht in „herzgrauen“ Steinen sucht.

Sie könnte versteinern, aber das tut sie nicht.

Imaginativ höhlt sie Anschmiegflächen aus den Steinen. Sie gleitet ab in die Verwirrung. Sie vernimmt die Schreie der weltweit Verstummten und sucht das gute Wort im Spott der Wanderer zwischen den Welten. Das sind Leute, die ihren beruflichen Alltag als Folterer mit häuslicher Harmlosigkeit synchronisieren (müssen). Ihren Stress bauen sie rituell mit milden Gemeinheiten ab, die kaum ins Gewicht der institutionalisierten Gewalt fallen.  

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