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22.06.2019, Jamal Tuschick

In ihrem Stück „Mango Shop“ erzählt Zahava Rodrigo im Berliner Ballhaus Ost von einer migrantisch lebenden Familie, die ihre Bedürfnisse mit archaischer Anmut bestimmt. Auf einer anderen Ebene verhandelt das Stück die Unzuverlässigkeit von Erinnerungen. Es stellt sich die Frage: Was sind Erinnerungen? Wozu setzen wir sie ein?

Archaische Anmut

Zuschauer*innen geraten in die Rollen von Akteur*innen. Die meisten sind barfuß und keiner Erklärungen bedürftig. Theaterroutiniert folgen sie den Stadien des Geschehens. Ihr massives Aufkommen auf den rasch wechselnden Aktionsschauplätzen wirkt manchmal theatralischer als die Inszenierung.

Die Arbeit, die Zahava Rodrigo in drei Räume des Ballhaus Ost stellt, ist kantig. Vor Kopf der Angelegenheit ergibt der Mango Shop Tresen im Verein mit anderen Elementen einen Spielfeldrand. Man sieht in den Shop wie durch ein Fenster. Die Suggestion entspricht einer Innenraumspiegelung. Am anderen Ende der räumlichen Narration dampft Wasser, das bodennah erhitzt wird. Ab und zu treibt eine Schöpfkelle den Dampf auseinander.

Erzählt wird eine „Familiengeschichte zwischen Sri Lanka, England und Norddeutschland“. So steht es geschrieben im Ankündigungstext. Man könnte sich jederzeit etwas anderes zu den Szenen denken. Der Text spricht von „Untersuchungen zu der unzuverlässigsten Form der Dokumentation – der Erinnerung“.

Eine Stimme aus dem Off erinnert sich an nichts mehr.

Das Nichts wird zum Ereignis.

Leute, die für ihre kurzen Aufmerksamkeitslunten bekannt sind, beweisen Geduld in der Entschlüsselung der Angebote, die von den Schauspieler*innen gemacht werden.

Mit spielen Leicy Esperanza Valenzuela Retamal, Lukas Amaru Runkewitz und Sophie Krauss.   

Wieder und wieder zieht ein gruppendynamischer Sog das Publikum wie eine Frau zu Boden. Die lagernde Gemeinschaft stellt sich elegisch dar. Spielzeuge des Zufalls bilden ein Spielzeug, das scheinbar unbenutzt bleibt.

Eigenarten kristallisieren sich heraus. Ich erkenne Vorlieben. Die ersten nehmen Yoga Positionen ein. Das Setting lädt dazu ein, sich zu dehnen. Spirituelle Grundbedürfnisse werden befriedigt.

Überall sieht man barock gerahmte Porträts der jungen Königin Elisabeth - und Übertragungen auf Stellwänden. Sie zeigen landwirtschaftliche Flächen und urbane Ansichten in der Überflugperspektive. Rurale Geometrie wechselt sich mit Bausteinreihenhausensembles ab. Ein wiederkehrendes Motiv liefert ein eingespielter Gebirgsbach im Nebelwald, aufgeladen von einer akustischen Verdopplung. Es tropft und sickert in staubtrockener Hitze.

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