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25.06.2019, Jamal Tuschick

Wir müssen reden. Über den Krieg im ehemaligen Jugoslawien. Über den Völkermord an den Bosniaken. Über Nationalismus und Faschismus in den Balkanstaaten.

Strategien der Genozidleugnung - Nora Hespers spricht mit Melina Borčak - 3. Teil

Melina Borčak ist freie Journalistin und hat unter anderem für CNN, die Deutsche Welle und den RBB gearbeitet. Ich hab sie bei Twitter gefunden, weil ich über einen ihrer Tweets gestolpert bin. Zufällig. Es war ein Tweet zum 6. Dezember 2018. Darin erinnert sie an den Geburtstag der Antifaschistischen Frauenfront Jugoslawiens. In ihrem Tweet nennt sie acht Partisaninnen, die sich als Teil der Frauenfront im Zweiten Weltkrieg den Faschisten in den Weg stellten. Darunter ihre Ur-Großmutter Fatima. Wenn ich ehrlich bin: Ich habe noch nie zuvor davon gehört.

Melinas Ur-Großmutter Fatima hat sich im Widerstand engagiert, indem sie Partisanenkämpfer versteckt und als ihre Söhne ausgegeben hat. Wäre sie dabei erwischt worden, hätte das die Todesstrafe bedeutet. Für mich der Ausgangspunkt, noch ein bisschen mehr über Melina Borčak zu erfahren. Und vor allem sie zu fragen, ob sie Lust hat im Podcast mit mir zu sprechen. Denn ihre Tweets haben mir die Tür geöffnet zu einem blinden Fleck in meinem Bewusstsein: den Geschehnissen rund um die Kriege in Bosnien, Kroatien und Kosovo von 1991-1999.

Leugnung des Völkermords

Auch die Stadt, in der Melina Borčak geboren wurde, gehört heute zur Republika Srpska. Und in diesem Teil Bosniens wird das Massaker von Srebrenica, das von der UN nach der Konvention über die Verhütung und Bestrafung des Völkermordes als Genozid klassifiziert wurde, immer noch geleugnet. Sowie auch von Serbien selbst, wie zum Beispiel in diesem Interview mit der serbischen Premierministerin Ana Brnabić bei der Deutschen Welle. Für die Überlebenden des Genozids ist diese Leugnung kaum zu ertragen.

„Nicht nur serbische Nationalisten, sondern eigentlich der Großteil der serbischen Bevölkerung in Bosnien und auch in Serbien leider, leugnet, dass da ein Völkermord passiert ist, obwohl es so viele Urteile gibt, die das bezeugen. Deshalb ist es hart für uns, wenn wir das immer noch beweisen müssen und gleichzeitig mit dem Schmerz kämpfen und überleben müssen.“

Melina Borčak

Bei der Leugnung allein bleibt es nicht. Es gibt auch immer wieder Menschen, die aus Hass auf Muslime den Völkermord sogar befürworten und äußern, dass das noch mal passieren müsse. Aber es ist nicht nur die anhaltende Leugnung des Völkermordes an den Bosniaken, die Melina Borčak Sorgen bereitet. Sie warnt auch davor, den immer noch starken Nationalismus im Balkan zu übersehen und zu unterschätzen.

„Deutschland ist ein sehr mächtiges Land für den Balkan. Was Merkel sagt, das ist Gesetz. Und deshalb ist es sehr schwer, wenn deutsche Politiker und die deutsche Gesellschaft so dermaßen ahnungslos sind, dass sie gar nicht erkennen, was für eine Gefahr von dieser Genozid-Leugung und auch von diesem krassen Nationalismus ausgeht.“

Melina Borčak

Auch vor diesem Hintergrund findet die Journalistin es schwierig, dass es in Deutschland so wenig Wissen über die Ursachen des Jugoslawien-Krieges in den 90ern gibt. Häufig hört sie, das sei halt alles so kompliziert. Da hätte sich ja im Prinzip jeder mit jedem im Krieg befunden. Für Melina Borčak eine Ausrede. Denn, sagt sie, so schwierig sei das gar nicht zu verstehen.

Der vergessene Krieg

Runtergebrochen auf die gröbsten Details sei es eigentlich eine ganz simple Situation. Slobodan Milošević war von 1991 bis 1997 Präsident der Republik Serbien, so steht es in der Wikipedia. Das Wort Diktator ist hier übrigens nicht erwähnt. Und es gibt Stimmen, die seine Herrschaft so einordnen, dass sie zwar von einem skrupellosen Machthaber, aber nicht von einem Diktator sprechen, weil es immer noch eine Opposition gab mit eigenen Medien. Andere Medien sprechen und schreiben in ihren Berichten aus und über die Zeit dennoch von einem Diktator und auch Melina Borčak bezeichnet Milošević so. Ich würde sagen, die Übergänge sind mitunter fließend. Das sehen wir auch heute in verschiedenen Ländern, deren Machthaber und Gesetzgebung sich zumindest hart an der Grenze zur Diktatur bewegen. Ich will mich auch gar nicht an der Definition aufhalten, wer das alles genauer wissen will, darf das gerne recherchieren. Ich will nur verdeutlichen: Es gibt dazu verschiedene Perspektiven.

Unter der Regierung Miloševićs wurde zuerst der Kosovo angegriffen, dann Slowenien, dann Kroatien, dann Bosnien – und nochmal der Kosovo. Zusätzlich gab es während dieser Zeit einen Angriff von Kroatien auf Bosnien. Das ist im Prinzip die Kurzfassung. Und natürlich wird es in den Details wieder komplexer. So weist Melina Borčak darauf hin, dass es in Bosnien eine Privatarmee eines muslimischen Millionärs gab, die zum Ziel hatte, andere Muslime zu ermorden.

Was die Journalistin ärgert, ist, dass sich kaum bemüht wird, ein differenziertes Bild von den Kriegen in Bosnien, Kroatien und Kosovo zu zeichnen. Dabei ist gerade das wichtig, wenn es darum geht, einen Völkermord nochmal gezielt von anderen Kriegsverbrechen zu unterscheiden.

„Man würde nie durchgehen lassen, dass einfach geschrieben wird: Zweiter Weltkrieg war halt chaotisch, da hat jeder jeden getötet, alle Seiten haben Kriegsverbrechen begangen. Man würde nie unter einen Beitrag über Auschwitz schreiben: Wieso schreibt ihr nicht über die Bombardierung Dresdens?“

Melina Borčak

Eine Haltung, die Melina Borčak auch auf Twitter vehement vertritt, wenn Menschen versuchen, den von der UN als Genozid anerkannten Massenmord an den Bosniaken abzuschwächen oder mit anderen Kriegsverbrechen zu vergleichen. Für diese Haltung bekommt die Journalistin regelmäßig Hasskommentare und -botschaften auf Twitter oder per Mail. Wer sich das antun möchte kann sich einfach mal die Kommentare unter folgendem Tweet durchlesen:

 

Es gibt genügend Zahlen, die recht deutlich machen, was passiert ist: 83 Prozent der zivilen Opfer waren Bosniaken. Von den restlichen 17 Prozent, und das betont Melina Borčak an der Stelle nochmal, waren – Zitat: „viele tolle, gute Serben und Kroaten“ – mit antifaschistischer Haltung. Und auch das ist der Journalistin wichtig: Die Anerkennung, dass der Kampf in Bosnien ein Kampf gegen den Faschismus war. Denn auch, wer versuchte, die Bosniaken zu verteidigen, zahlte das in der Regel mit dem Leben.

„Die wurden auch ermordet, wie man das aus anderen Völkermorden kennt, wenn sich Menschen dem widersetzen, was da passiert. Dann kann sie auch nicht retten, dass sie zu diesem ‚auserwählten Volk‘ sozusagen gehören.“

Melina Borčak

Auch an dieser Stelle verweise ich auch nochmal auf das Gespräch mit der Genozidforscherin Nikki Marczak. Auch sie verweist darauf, dass es – so schrecklich und grausam Kriegsverbrechen auf allen Seiten sind – dennoch eine Abstufung gibt. Völkermord, die systematische und geplante Ausrottung einer Bevölkerungsgruppe aufgrund ihrer gemeinsamen Merkmale, ist eine andere Kategorie von Kriegsverbrechen und deshalb gibt es dafür von der UN auch eine eigene Konvention.

Der Tag des Weißen Bandes

Ein Kennzeichen für den Völkermord an den Bosniaken wird am „Tag des weißen Bandes“ deutlich: Um im Nordwesten Bosniens alle Nicht-Serben identifizieren zu können, wurde ihnen befohlen, sich selbst mit weißen Bändern und ihre Häuser mit weißen Fahnen zu kennzeichnen. Das galt sowohl für Bosniaken als auch für katholische Kroaten. Wer ein solches Band trug oder an wessen Haus eine solche Fahne hing, wurde vertrieben, in Konzentrationslager deportiert – oder gleich ermordet.

Melina Borčak kennt viele Geschichten aus dieser Zeit. Eine davon hat sie 2017 für den Spiegel aufgeschrieben. Die von Mirso Muhic und seiner Familie.

Eine andere erzählt sie mir im Podcast: Während eine Flüchtlingskolonne sich aus der Zone wegbewegt, kommt ein britischer Journalist auf die Menschen zu. Einen der Flüchtenden fragt er: „Bist du Moslem oder Katholik“ – und der Mann antwortet: „Ich bin Musiker.“. Das ist mitnichten eine Feelgood-Geschichte. Sie erzählt vielmehr vom Verlust der eigenen Identität. Es zählt nicht mehr, wie du dich selber als Mensch definierst. Es zählt nur noch, in welche Schublade du gesteckt, welches Label dir aufgedrückt wird aufgrund irgendwelcher Zugehörigkeitsmerkmale, die dir vielleicht selber gar nicht wichtig sind.

„Die Selbstdefinition und die Identität der Menschen ist komplett egal.“

Melina Borčak

Erinnerungskultur in einem geteilten Bosnien

Diese Geschichte aufzuarbeiten ist enorm wichtig. Nicht nur auf Seiten der Opfer, sondern auch auf Seiten der Täter. Aber genau das gestaltet sich extrem schwierig. Während die Föderation Bosnien-Herzegowina, in der Muslime, Roma und Kroaten zusammenleben, sehr viel für die Aufarbeitung leistet, verschließt sich die andere Entität, die Republika Srpska in der heute fast nur Serben leben, fast völlig der Geschichte.

Es ist der Teil aus dem auch Melina Borčak und ihre Familie kommen. Damals kurz nach Ausbruch des Krieges, als dieser Teil eben noch nicht die von serbischen Nationalisten kontrollierte Entität mit dem Namen Republika Srpska war. Auch die meisten Roma haben vor dem Krieg dort gelebt. Auch sie sind, wie die Bosniaken, ermordet oder vertrieben worden. Während in der Föderation das Gedenken und die Aufarbeitung des Krieges zum Alltag der Menschen gehören, passiert im serbisch dominierten Teil so gut wie nichts. Obwohl bosnische Aktivist:innen hart dafür kämpfen, dass auch dort eine Aufarbeitung stattfindet und eine Erinnerungskultur etabliert wird.

„In der Föderation gibt es sehr, sehr, sehr viele Museen, Ausstellungen, Filme, Nachrichtenberichte – es gibt wirklich sehr, sehr viel Aufarbeitung, sehr viele Opferverbände, die selbst organisiert versuchen etwas zu tun. In der Republika Srpska ist es entweder verboten oder die Menschen stehen unter Druck oder werden bedroht.“

Melina Borčak

Und nicht nur das. Im Lager Trnopolje in der Nähe der Stadt Prijedor, in dem laut Anklageschrift des Internationalen Strafgerichtshofs für das ehemalige Jugoslawien (ICYT) mehrere hundert Menschen ermordet wurden, gibt es ein Denkmal an die serbischen Soldaten. Also genau an diejenigen, die dort Menschen gefangen gehalten und ermordet haben. Ein Denkmal für die ermordeten Kinder der Stadt darf dort nicht errichtet werden.

Überall sind die Spuren des Krieges sichtbar

Wie sehr der Krieg auch mehr als 20 Jahre nach seinem Ende noch zum Alltag der Menschen gehört, lässt sich an Städten wie Sarajevo erkennen. Dort erinnern Einschusslöcher in Hauswänden und Bombenkrater, die mit roter Farbe gefüllt wurden auch heute noch an die vierjährige Belagerung und den Beschuss der Stadt. Rose von Sarajewo nennt man diese zugeschütteten Krater. Immer dort, wo mehr als drei Menschen von einer Bombe getötet wurden. Und selbst, wenn heute alles friedlich erscheint: Zum Stadtbild gehören auch heute noch Menschen, die weinend vor einem der Denkmäler auf den Straßen stehen.

„Man merkt, dass manche Menschen am Krieg zerbrochen sind. Man merkt, dass manche Menschen psychisch darunter leiden unter den ganzen Traumata.“

Melina Borčak

Vis-a-vis des Vereins vergewaltigter Frauen und Kinder, in Melina Borčaks alter Nachbarschaft, war eines der Konzentrationslager, in dem so viele Menschen gefoltert wurden. Für die Menschen in Bosnien ist der Krieg von 1992 – 1997 längst nicht Vergangenheit. Er ist allgegenwärtig. Und sichtbar. Nicht zuletzt durch die vielen Kriegsversehrten und die Menschen, die auch nach Ende des Krieges noch durch Landminen verletzt wurden. Oder die mehr als 50.000 vergewaltigten Frauen, die bis heute mit den physischen und psychischen Folgen zu kämpfen haben.

Die Forderung des serbischen Präsident Aleksandar Vučić, man möge doch in die Zukunft schauen und nicht in die Vergangenheit, klingt angesichts solcher Tatsachen mindestens absurd.

„Das ist unsere Gegenwart. Und das wird auch vielleicht unsere Zukunft sein, wenn wir so tun als ob es die Vergangenheit wäre.“

Melina Borčak

Für Melina Borčak ist es wichtig, dass weiterhin darüber gesprochen wird. Nicht nur in Bosnien, sondern auch in Deutschland. Denn hier leben viele Bosnier, die damals flüchten mussten – und keine Heimat mehr haben, in die sie zurückkehren könnten, weil der Teil, in dem sie gewohnt haben, heute von serbisch-nationalistischen Genozidleugnern kontrolliert wird. Und weil es auch heute noch gefährlich für sie wäre, dorthin zurückzukehren.

Für viele Bosnier war Deutschland aber nicht erst nach Ausbruch des Krieges ein Einwanderungsziel. Viele sind bereits vorher als Gastarbeiter nach Deutschland gekommen, erklärt Melina Borčak. Und sie waren bereits Teil der deutschen Gesellschaft als der Krieg in Bosnien anfing. Als der Krieg ausgerechnet an Bayram, einem hohen muslimischen Feiertag, ausbrach, waren viele in Deutschland lebende Bosnier zu Besuch bei ihren Familien. Damals hat ein deutscher Journalist im Konzentrationslager Manjača, in der Nähe der Stadt Banja Luka, gedreht. Den Film hat Melina Borčak bei ihren Recherchen entdeckt. Der Reporter spricht einen der Männer an, die im Konzentrationslager festgehalten werden. Er antwortet in fließendem Deutsch. Was aus diesem Mann geworden ist, der bereits viele Jahre in Deutschland gelebt hat, kann ich an dieser Stelle nicht klären.

Ich frage mich aber, wie viele Bosnier zu diesem Zeitpunkt wohl nicht an ihre Arbeitsplätze zurückgekehrt sind. Ob sich irgendwer dafür interessiert hat. Und ob es überhaupt möglich gewesen wäre etwas zu tun, ohne dass die betroffenen Menschen die deutsche Staatsbürgerschaft hatten. Worüber ich mir aber noch viel mehr Gedanken mache: Dass ich selber solche Geschichten einfach nicht kenne – und nie mitbekommen habe. Und – das sag ich auch im Gespräch mit Melina Borčak immer wieder – es beschämt mich einfach, das alles nicht zu wissen.

Es geht auch um Anerkennung

All das macht in der Summe die Aufarbeitung dessen, was so viele Menschen im Bosnienkrieg erlebt haben, schwierig. Vor allem für die Überlebenden dieses Krieges, die Opfer des Genozids, von Verfolgung, Deportation, Folter, Vergewaltigung. Es fehlt schlicht an einer großen, öffentlichen Anerkennung dessen, was dort passiert ist. Von der serbischen Regierung, aber eben auch in Deutschland.

Wie erfolgreich die Strategie der Genozidleugnung ist, zeigen zwei Geschichten, die Melina Borčak mir im Verlauf unseres Gesprächs erzählt. Denn als vor einigen Jahren ein neues Massengrab gefunden wird, behauptet ausgerechnet eine Kommilitonin, mit der sie in Sarajevo Journalismus studiert, das seien doch eh nur Hundeknochen. Auf einer journalistischen Konferenz auf der eine Dokumentation über bosnische Flüchtlinge gezeigt wird, die nach Montenegro geflohen waren und von dort in die Hände der serbischen Armee deportiert wurden, erkennt eine Teilnehmerin den Vater eines Freundes wieder. Für eine der serbischen Teilnehmerinnen eine Überraschung: Sie begreift erst da, dass das, was sie gesehen hat, wirklich passiert ist.

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