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27.06.2019, Jamal Tuschick

Audrey Hepburns Mutter war eine niederländische Edelfrau - Baroness Ella van Heemstra. Hepburn entstammt dem friesischen Adel, nachweisbar seit 1492. Die Mutter sagte sich von der Familie los, weil kollaboriert wurde. Marjolijn van Heemstra bestimmt einen heroischen Aspekt ihrer Familiengeschichte zum Erzählanlass. Sie erscheint mit ihrem eigenen Namen in einem Roman.

Das Objekt der Recherche

Eingebetteter Medieninhalt

Alles hätte anders kommen können. Auf diese Feststellung legt die Erzählerin Wert.

Marjolijn van Heemstra, „Ein Name für dich“, Roman, Deutsch von Stefan Wieczorek, Atlantik bei Hoffmann und Campe, 206 Seiten, 20,-

Der Ring, den die Großmutter der Enkelin ansteckt, ist ein Verlegenheitsgeschenk. Die Ahne hatte mit Marjolijn nicht gerechnet, als jene an ihrem achtzehnten Geburtstag aufkreuzte, und wollte nur nicht mit leeren Händen dastehen. Der beschwörende Begleittext könnte bloß einer Dramatisierung geschuldet sein – einem budenzauberischen Ausstattungswunsch sowie einer Selbstaufwertung, da man etwas Außerordentliches wegzugeben bereit ist. Namentlich das wertvollste Andenken an den Familienhelden Frans Julius Johan, der nach dem Krieg einen Kollaborateur in die Luft gesprengt hat.

„Mit dem Gedanken, es gebe keine Gerechtigkeit, konnte er nicht leben.“

Nach seinem letzten Willen sollte ein Namensvetter den Ring tragen. Also wurde Marjolijn aufgetragen, ihren ersten Sohn erst Frans Julius Johan zu nennen und ihn dann zum Erben des Ringes zu machen.

Marjolijn erkennt darin eine historische Last – eine familiäre Befrachtung ihres Lebens – einen Übergriff im Tarnanzug der großartigen Geste. Doch erst eine Schwangerschaft lässt sie ihre Reserve erkennen. Marjolijn beschließt vor der Geburt ihres ersten Kindes, der Geschichte von dem 1987 verstorbenen Heldengroßonkel auf den Grund zu gehen.  

Das ist ein hübscher Aufhänger, ein Einfall von beträchtlicher Überzeugungskraft. Die Autorin tritt persönlich auf. Ein Vorhang hebt sich und gibt den Blick auf die Vergangenheit frei – in der Spielart Dynastie. Die noble Bagage residiert in Seniorenstiften, die zugleich Golfclubs sind. Sie verbindet die Vorzüge betreuten Wohnens mit vertrauten Genussprisen. Nach Durchsicht der ersten lässig herübergeschnippten „Informationsschnipsel“ entdeckt Marjolijn eine verblüffende Durchschnittlichkeit. Das Objekt der Recherche war ein Tabakhändler und Autovertreter ohne Nachwuchs und fotografischen Nachlass. Die äußere Erscheinung wird so widersprüchlich geschildert, dass sie in jedem Fall als Spekulation zu gelten hat.

Es ergeben sich Muster wie bei einem mumifizierten Wespennest.

Später taucht ein Karton mit Fotos auf, die Frans als einen Mann zeigen, „der ohne Autos und Anzüge“ nicht auffiele. Schließlich kommt er sogar als Vater in Frage. Die ersten Einschätzungen verfehlten alles.

Mich erinnert die Attitüde des Unauffälligen, der nur in einem kriegerischen Hart-auf-Hart die Konturen seines Charakters verliehen (eher noch geliehen) bekommt und nach der Hic rhodus, hic salta Devise vom Schicksal in Form gebracht wird, an Nachkriegsromane, von denen einer so hieß wie einige hätten heißen können: „Einst ein Held“.  In „Frenzy“, einem Hitchcock von 1971, verdächtigt man einen als bramarbasierenden Barkeeper sozial durchgebrochenen Ex-Staffelführer der Royal Air Force furchtbarer Verbrechen. Der Frieden meint es nicht gut mit dem Commander. Die Figur des friedensuntüchtigen, von zivilen Bedürfnissen ausgemusterten Kriegers, kommt bereits bei Tacitus vor. Er beobachtet Barbaren, die es schmählich finden, mit Schweiß zu erwerben, was sich mit Blut erringen lässt, in Zuständen der Agonie, bloß weil es für sie nichts zu tun gibt; dies selbstverständlich in einer tätigen Gesellschaft.

In den Erinnerungen seiner Generationsgenoss*innen und deren Erben mystifiziert Frans. Der Vorgang gleicht einer Wiederauferstehung als Geist. Marjolijn baut zu dem Mysterium eine gefährliche Beziehung auf. Der entmaterialisierte Frans entfaltet die Kraft einer Gegenmacht zu dem, was im Alltag der Schwangeren ansteht.

Marjolijn gewinnt Einblicke in das Leben ihrer Vorfahren, die bestrebt waren „ein unterkühltes aristokratisches Milieu“ in Gang zu halten und nicht aus dem feudalen Tritt zu kommen.

„Hohe Erwartungen, wenig Zuneigung.“
Marjolijn unterstellt Frans einem „elitär vernachlässigten Jungen“. Das ist ihr Bild von dem Kind, das Frans war. Der Erwachsene aber wächst sich zu einem Hauptmann in den Nachkriegsniederlanden aus, der mit Bomben und Todeslisten die Illegalität verlängerte, die ihn und seine (ihm bis zur Mordbereitschaft ergebenen) Gefolgsleute im Widerstand gegen die nationalsozialistische Besatzungsmacht lange in einer euphorischen Verfassung gehalten hatte. Marjolijns Großonkel könnte ein Blut- und Wehrsportler gewesen sein; Killer aus Leidenschaft; Gründer einer rechten Terrorzelle.

War der Widerstandskämpfer in Wahrheit Kollaborateur?

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