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02.07.2018, Jamal Tuschick

A.J. Weigoni - Abgeschlossenes Sammelgebiet

A.J. Weigoni 

»Abgeschlossenes Sammelgebiet« Cover

Was der Sozialismus hinter sich hat, hat der Kapitalismus vor sich. Heiner Müller

In »Abgeschlossenes Sammelgebiet« blickt Andrascz Jaromir Weigoni (*1958 in Budapest) zurück auf den Zeitraum zwischen dem 9. November 1989 und dem 18. März 1990. Der Autor stellt fest: Es gehört zu den Paradoxien der Gesellschaftskritik, daß sie in spürbarer Retromanie jener vorglobalisierten BRD hinterhertrauert, die sich doch selbst mit derselben Betroffenheitsrhetorik 'soziale Kälte', 'Waldsterben' und 'kapitalistischen Wildwuchs' vorwarf. Wer Geschichte zur Schärfung politischer Urteilskraft betreiben will, sollte sich klarmachen, daß konsequente Historisierung eine Vorbedingung dafür ist, die Verführungskraft von Ideologien richtig einzuschätzen. Die DDR war ein Vakuum, eine Seifenblase, die schwebte und irgendwann platzte. Wo auch die Liebe in die Krise gerät, gerät die ganze Welt an den Rand des Abgrunds. Und umkehrt.

 »Abgeschlossenes Sammelgebiet« erscheint in der Edition Das LaborAuszug aus dem Roman:

Effiziente Zweckmässigkeit. Hoch aufgetürmte Pappkartons sind als Schallwände im Raum verteilt. Modellbau für ein neues Bühnenbild, ihr übliches kreatives Chaos. Sabine nutzt als Zuzügerin die West–Berliner Insel als Transitraum und zum Sammeln von Inspirationen. Sie erarbeitet am Rechner weitere Skizzen zu einem holographischen Bühnenbild. Kein überschwängliches Begrüssungskomitee. Lediglich ein Fingerzeig, mit dem sie zugleich den Graphitstift aus den aufgesteckten Haaren nimmt, sich schüttelt, den Stift sodann hinter das Ohr steckt und weitere Korrekturen vornimmt. Moritz lässt den abgeschrappelten Koffer, mit dem seine Eltern aus Munkács geflohen sind, unter das Bücherregal schlittern, wo er neben Zettels Traum passgenau zum Stehen kommt. Er kümmert sich nicht weiter um die Wahnwitzige. Kocht einen Salbeitee. Lässt die Kräuter für einige Minuten durchs Sieb ziehen...

 

Konzeption des Unmittelbaren. Auf bequeme Weise dargestellt, ist von der Schönheit des Pigments noch der Ton vorhanden, der Körper bleibt auf der Strecke. Moritz leidet unter der Nachwirkung der kollektiven Gedächtniserosion des Kalten Krieges. Das Interessante an Verdrängung ist, dass man sie nicht bemerkt, weil sie ganz mühelos vonstatten geht. Seine Vorfahren gehörten im 12. Jahrhundert zu den Siedlern, die das Gallien jenseits der Alpen urbar gemacht haben. Die eingedeutschte Bezeichnung Transsilvanien hat er in den mittelalterlichen Dokumenten seiner Familie nachgeforscht. Im verwilderten Südosten der Karpaten schlug das Ungezähmte in das Menschliche um. Unweit von Munkács lebten seine Vorfahren in einer heilen Welt von stilvollem Wohlstand, intellektuellem Anspruch und humanistischen Werten.

 

Rückkehr der Lebensgeister. Anarchie bedeutet für Moritz nicht Chaos, sondern Freiheit von Herrschaft. Die zwischenmenschliche Eiszeit wirkt in einem unerbittlichen Gleissen, dass er die Augen zusammenkneift, um nicht schneeblind zu werden. Er sieht auf ihren Arbeitsplatz und möchte zusehen, wie etwas vergeht. Wie die vergehende Zeit etwas anrichtet mit den Menschen, ohne dass es die dramatische Schürzung eines Knotens braucht. Freundschaft bedeutet ihnen, dass sich Sabine und Moritz nicht mehr fragen müssen, worauf ihre Beziehung eigentlich gründet. Ihre Freundschaft zeichnet Vertrauen, Humor und Grosszügigkeit aus. Die Möglichkeit, sich zu unterhalten. Dass man sich weiter etwas zu sagen hat. Wissen wollen, was der andere denkt, und ihm gerne sagen wollen, was man selber denkt. Ihre Freundschaft hat damit zu tun, sich Raum zu geben und Freiraum zu bekommen. "Tut mir leid" ist ihre Zauberformel. Es geht um das letztendlich Transzendente des Erlebnisses, wofür man jederzeit bereit sein muss. Eine Bindung zu einer Frau führt meist zu Rumknutschen, Sex oder einer gemeinsamen Lebensplanung. Menschen meidet sie wie Aids. Menschenscheu aufs Pathologische zu reduzieren, wäre allzu billig. Bei ihr steckt dahinter eine asketische Verweigerung. Die Freundschaft Sabine und Moritz wird geprägt von Sinnlosigkeit, sie hat keinen Zweck. Und genau das ist das Schöne daran.

Abgeschlossenes Sammelgebiet, Roman von A. J. Weigoni, Edition Das Labor, Mülheim 2014 – Limitierte und handsignierte Ausgabe des Buches als Hardcover.

Nachträgliche Hinweise vom Verleger Hagedorn: 

Zur historischen Abfolge, eine Einführung. Eine Annäherung von Angelika Janz finden Sie hier. Ein behutsame Heransgehensweise schlägt der Lektor Holger Benkel vor. Eine Rezension von Jo Weiß findet sich auf kulturaextra. Einen Essay von Regine Müller lesen Sie hier. Beim vordenker entdeckt Constanze Schmidt in diesem Roman einen Dreiklang. Auf Fixpoetry arbeitet Margretha Schnarhelt einen Vergleich zwischen A.J. Weigoni und Haruki Murakami heraus. Eine weitere Parallele zu Jahrestage von Uwe Johnson und diesem Roman wird hier gezogen. Die Dualität des Erscheinens mit Lutz Seilers „Kruso“ wird hier thematisiert. Den Klappentext, den Phillip Boa für diesen Roman schrieb lesen Sie hier.
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