MenuMENU

zurück zu Main Labor

29.06.2019, Jamal Tuschick

Chimamanda Ngozi Adichie erzählt in „Der weibliche Irrtum“ von den Gesetzen der Scham.

Ohne Zuspruch der Welt

Eingebetteter Medieninhalt

Setz dich wie eine Frau

Das Gespräch ist vertraulich, eine weibliche Angelegenheit in der Umgebung „weiblicher Tätigkeiten“. Eine Nichte hilft ihrer Tante Teig zu kneten. Sie sitzt bequem, noch ganz und gar aufgehoben im Singsang des Alltags.

Chimamanda Ngozi Adichie, „Mehr Feminismus“, 112 Seiten, 8.-

In der umfassenden Perspektive:

Sie stößt sich an Kleinigkeiten, stolpert und rappelt sich auf. Das Große und Ganze in Frage zu stellen, käme ihr so wenig in den Sinn wie den Himmel und die Sterne anzuzweifeln. Das Wort Universum kennt sie noch nicht, aber ihr ist so, als sei sie aufgehoben im Universum.

Tante Chinwe ist die großartigste Verwandte. Man darf sie auf ihre blauen Wimpern ansprechen und kann mit einer vernünftigen Antwort rechnen. Tante Chinwe bringt einen weiter. Sie speist die Kinder ihrer Geschwister nicht ab, so wie es andere Erwachsene tun, die sich erhaben fühlen in der Gegenwart nachkommender Unwissenheit.  

Tante Chinwe ist „unendlich tolerant, hinreißend großzügig; jedes Zimmer, das sie (betritt, verwandelt) sie in einen sicheren Raum.“

Chimamanda Ngozi Adichie malt den Raum aus. Die Vertraulichkeiten darin mäandern in einem Mix aus Herrschafts- und Identitätssprache.  

„Wir sprachen immer in einer Mischung aus Igbo und Englisch.“

Eine Initiation findet statt. Das kindliche Erzähl-Ich lernt seine Rolle. Es ahnt, dass Widerspruch kein Aspekt dieser Rolle ist.

Zu- und Widerspruch schließen sich aus.

Anpassung wird honoriert, Abweichung wird sanktioniert.

Die Autorin zieht alles, was zum Leben gehört, mit einem Rechen der Genauigkeit in den Fokus. Alles plätschert so vor sich hin, bis das erzählende Ich in den Strudel einer Krise gezogen wird.

Die Tante verlangt:

„Setz dich wie eine Frau.“

Gerade geht es nicht um Mädchen oder Frau. Auf Igbo bezeichnet ein Wort beide Stadien.

Nwanyi.

Es geht darum, dass die Nichte nicht so lässig wie möglich der Hitze trotzen darf.

„Schließ die Beine … Ich (soll) die Oberschenkel zusammenpressen.“

Adichie holt aus. Sie walzt den Szenenteig, in dem das weibliche Geschlecht als im Grunde unansprechbares dort unten eine Pariaexistenz zugewiesen bekommt. Die Erzählerin begreift, dass sie in eine Falle der Konventionen geraten ist, die sie (zum ersten Mal in ihrem Leben) in die Opposition zwingt. Sie muss ihrer Lieblingstante widersprechen, um sich zu bewahren.

„Später wurde mir klar, dass es in Tante Chinwes gesamtem Leben darum ging, den Konventionen der Weiblichkeit zu entsprechen. Dafür erhielt sie den Zuspruch der Welt, den sie trug wie ein geschmackvolles Lieblingskleid.“

Newsletter bestellen
Textland auf Facebook
Karten bestellen