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02.07.2019, Jamal Tuschick

Jeanette Ghyczy las im Berliner Tiergarten aus ihrer Lebensgeschichte, die als Roman nächstes Jahr erscheinen wird.

Einst eine Ballerina

Unter ihr verlieren (sich in Nuancen unterscheidende, ultraordentlich gegliederte) Grünflächen ihre Größe. In der aufsteigenden Maschine wird der zunehmende Abstand zum filmischen Erlebnis. Die Weitläufigkeit schottischer Golfplätze und der feudale Zuschnitt von Parkanlagen übertreffen die im Kino entstandenen Vorstellungen vom Westen. Alles ist noch viel wunderbarer als in der Ostwirklichkeit imaginiert.

Das Resümee lässt die Erzählerin erkennen, dass die Gegenwart von eben schon Vergangenheit ist. Richtig heißt es: Die Weitläufigkeit schottischer Golfplätze und der feudale Zuschnitt von Parkanlagen übertrafen die im Kino entstandenen Vorstellungen vom Westen. Alles war noch viel wunderbarer als in der Ostwirklichkeit imaginiert.

Nun bereut sie beinah, es nicht getan zu haben.   

Sie hätte sich absetzen können. Es gab diesen unbewachten Augenblick an einem Mittwochnachmittag in Aberdeen und es gab einen Plan, der seit Jahren eine innere Spannung aufrechterhielt und den gerade ihr gewiss keiner zutraute.

Sie ist eine Vorzeigeelevin; eine Zierde des realexistierenden Sozialismus. Sie tut seit jeher alles dafür, linientreu zu erscheinen. Sie geht soweit, sich ihre Gesellschaftskritik selbst vorzuenthalten.

Sie fürchtet jedes offene Wort.

Warum hat sie die Republikflucht nicht gewagt?

Der Zusammenhalt war ihr brüchig erschienen in einer letzten Erwägung der Belastbarkeit westfamiliärer Bande. Sie sah sich bei den guten Leuten ankommen, ohne Zweifel an einer freundlichen Aufnahme. Sie sah das Ende der Gastfreundschaft voraus in einer Verbindung mit Geldnot. Sie hatte weitere Gründe, die Jeanette Ghyczy in der Lebensgeschichte eines gewesenen Westkaders aufzählt. Nächstes Jahr soll ein Buch aus dem Manuskript geworden sein. Sie las daraus im Rahmen einer schönen Veranstaltung im Tiergarten. Fünfzig Autor*innen lasen auf Parkbänken.

„Literatur auf der Parkbank“ – Schon die Idee ist großartig. Ich dachte, ich höre hier und da rein und archiviere Fundstücke in einem Bericht. Doch bannte mich Jeanette Ghyczy, so dass ich bei ihr blieb und mir anhörte, was sie zu erzählen hat. Auf ihren Lebensroman darf man gespannt sein.

Die Mutter war zunächst technische Zeichnerin, fand den Beruf aber nicht erfüllend. Nach einer Scheidung unterwarf sie sich der Dreifachbelastung einer Ingenieursausbildung bei voller Erwerbstätigkeit in der Verfassung einer Alleinerziehenden.

„Sie wollte als Ingenieurin aus dieser Phase hervorgehen.“

Der Ehrgeiz färbt auf die Tochter ab, die sich den Strapazen einer Ausbildung an der Staatlichen Ballettschule unterwirft, beflügelt von Horizonte übersteigenden Hoffnungen. Sie sieht sich als Solistin (und sie wird Solistin an der Komischen Oper zu Berlin).

Sie spielt nach den Regeln des Systems, der Funktionselite als Hochbegabte hochwillkommen. Sie lebt im Internat, eine Verschnaufpause im Marathon der Anforderungen liefert den Erzählanlass.

„Nach Lesen ist ihr nicht zumute.“

Sehnsucht nagt an ihr, doch gibt die Erzählerin nicht nach dem Wunsch, die Mutter zu sehen und ein Wurstbrot unbeaufsichtigt zu verzehren.

Manchmal kommt sie eine Woche lang nicht aus dem Schulgebäude.

Süßhunger tritt an die Stelle der Sehnsucht nach Ungezwungenheit am mütterlichen Küchentisch.  

Überhaupt keine Lust hat sie auf die Schulangebote Schlager-Süßtafel und Knusperflocken. Ach, wenn es nur Schokoschaumküsse gäbe, denkt sie.

Der Zuhörer erlebt die Erzählerin gemeinsam mit Freundinnen auf dem Weg zu einer „Stätte des Trostes“. Das ist ein kleiner Eckladen. Die Verkäuferin, eine freundliche Hexe, hält für die Tanzmädchen manche Bückwarenlieferung zurück. So beschenkt sie gerade jetzt die Biegsamen mit Schokoschaumküssen. Das bisschen Blech, das sie dafür erhält, zählt nicht. Zum Genuss kommt Regen. Vom Schaumgeschmack überwältigt, werden die Ballerinen zu Regentänzerinnen. Sie singen „I‘m singing in the rain“. Sie kennen nur diese Zeile und improvisieren „in einem selbsterdachten Englisch“.

Nie mehr werden sie sich so frei fühlen wie in einem Augenblick der kurzen Überwindung von Unfreiheit.        

„Mir war, als könnte ich fliegen.“

Sie fliegt tatsächlich zu einem Jugendkulturfestival nach Aberdeen und ist als Fahnenträgerin und BZ-Berichterstatterin sogar besonders beauftragt. Ihre besondere Aufmerksamkeit findet ein Schweizer Violinist. Die beiden finden eine Gelegenheit.

„Über ihren Köpfen explodierten die Sterne.“  

Ein Aufpasser der Partei erwischt seine Nachwuchsvorzeigesozialistin bei der Erkundung fremden Geländes. Er reißt das Paar auseinander. Er traut sich eine Macht zu, die sogar den Violinisten das Fürchten lehrt. Die Erzählerin greift er grob am Arm und führt sie ab ins Mannschaftsquartier.

Kurz vor der Landung in der Hauptstadt der DDR fragt sie sich, ob sie ein Leben mit dem Schweizer unter den Sternen verpasst hat.

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