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02.07.2018, Jamal Tuschick

Jamal Tuschick - Ein Radiokonzert galt als Mahlzeit

Jamal Tuschick, fotografiert von Mara Neusel

Ozonwerte vor neuem Rekord. Mit Containern, Stein- und Schutthaufen wurde eine Kreuzung aus dem Verkehr gezogen. Die Baustelle sah aus wie ein Feldlager. Wir liefen durch Gassen einer Budenstadt, an deren Jahrmarktsrändern ein Dorf aus gestapelten Blechschachteln lag. Auf Trampelpfaden gelangte man dahin und hinein über verwinkelte Treppen, die an Rundstiegen alter Häuser erinnerten. Greise schnürten am Krach vorbei. Vielleicht war der Krach die Musik ihres Lebens gewesen.

Zwischen niedergemachten Düsen und flachgetretenen Kippen langweilten sich Kartenspieler. Fahrzeugschnauzen fraßen sich von allen Seiten in den Betrieb. Das Vorhaben rief Spezialisten in Kitteln auf den Plan. Auch solche, die es sich erlauben konnten, in kurzen Hosen ganz leger zu erscheinen.

Überall lag vom Alten noch. Aufgerissene Asphaltdecken, abgetragenes Kopfsteinpflaster, gesprengte Mauern.

Querschnitte und Balkeneskapismus.

Ein funktionsbefreites Verkehrsschild stand einsam wie ein stehengelassener Baum.

Ich hatte die Baustelle als Kulisse für einen HR-Film über uns bestimmt.

„Ihr findet bestimmt nichts Besseres.“

Das war meine Rede gewesen. „Bestimmer erreichen Stadtmitte“ - Ein vorsichtiger Vogel, der in den Sechzigern mit Gudrun Ensslin zusammen eine ausgezeichnete Dokumentation über Trebegänger zustande gebracht - und sich danach/damit in öffentlich-rechtliche Sicherheit gebracht hatte, bedauerte einen Mangel an Produktionsfreiheit. Ich kannte das schon, das gehörte zum Angestelltendasein der „Kreativen“. Angeblich wollten alle am liebsten frei sein, aber sobald sie die Wahl hatten, wollten sie das doch lieber nicht.

Vogel war fünfzig, ein falscher Fuffziger. Pseudoalert. Der Film wurde trotzdem gut, Vogel wusste, was er tat. Er steuerte seine Mannschaft mit gemurmelten Ansagen.

Der Maschinenaufwand, auf begleiteten Schwertransportern über Autobahnen herbeigeschafft, stand in einem schiefen Verhältnis zur Rundlichkeit vieler Protagonisten. Das war eine Welt der Einheimischen, der Leute aus dem Frankfurter Einzugsgebiet. Eine Welt der gemütlichen Männer mit Eigenheimen. - Soliden Mundartvirtuosen an Schlagbohrern im Rohbau. - Bedächtig an Schaufeln Gelehnten. - Zielgenauen Lastwagenrückwärtsfahrer.

Mara pfiff anerkennend durch die Zähne. Wir waren an Ort und Stelle so verkehrt als „Künstler“, dass die ethnische Differenz gar nicht mehr ins Gewicht fiel.

„So muss man das machen. Hier erscheinen wir als Internationale.“

Ich will nicht behaupten, dass Feridun die „Internationale der Kunst“ auf der Frankfurter Baustelle ausrief, aber das hätte er machen können. Vor aus aller Herren Länder im Visagenschweiß Vereinte.

Kurz gedachten wir jener, die am Rand der Ausfallstraßen sitzen gelassen wurden. Heute nicht benötigte Polen.

Die Handgriffe saßen, bei uns, bei den Filmleuten, bei den Arbeitern und bei den Ingenieuren. Kötzen zogen das Kreuz hohl. Das klappbare Meterholz war ein Vereinszeichen. Als Vespertische dienten Bretter auf Fässern.

Feridun rappte die Kollegen vom Bau an. Er hatte seit seinem Debüt immer wieder den Ton gewechselt, so richtig bemerkt worden war das nicht. Eingeprägt hatte sich „Kanak Sprak“ als ethnologisches Ergebnis und als TV-theologischer Gesang der persönlichen Widerborstigkeit.

Zaimoglus Credo lautete: „Ich geh mit keinem mit.“

Zaimoglu hatte einen SPD-Schriftsteller in sich. Manchmal ließ er ihn von der Kette. Ich glaube, sein Traum war, Wahlkampf für Brandt mit Grass an seiner Seite. Das hat er natürlich keinem verraten. Mit dem Programm wäre er sofort überall unten durch gewesen. Niemand wollte „alte Mode“ kaufen. Doch auch der Siegfried lenzte in Feridun.

In den Literaturhäusern war er Avantgarde und Ghettokunde, auf dem Bau war Feridun Deutscher Gewerkschaftsbund. Er ging trotzdem mit keinem mit.

Fern der Moden und gekonnten Haltungen erschien, was passierte. Immer ging es um Wahrung des Gleichgewichts.

Ein Hammerschlag auf Holz war lauter als eine Kreissäge, die Metall schnitt. Mörtelstaub ließ den Speichel fast versiegen. Die Kamera lief, wir trugen eine Kollaboration vor: „Ihr habt Angst vor unsrem Sperma.“

Ich trug einen Hut meines deutschen Opas. Der Opa war ein alter Westfale gewesen. Er hatte Rosa Luxemburg in Dortmund erlebt, den Rübenwinter von 1916. Mit dem Faltboot war er über den Ärmelkanal, ein Wandervogel mit Schillerkragen und schulterlangem Haar.  

Wie nützliche kleine Panzer sahen Kettenfahrzeuge aus, die im Kriechgang auf der Baustelle unterwegs waren. Der Klassiker, Mann an Schubkarre, trat selten auf.

Schattenspiele der Kranausleger, die übereinander glitten. Wir hätten keinen besseren Ort für die „Dokumentation“ finden können. Seilwinden rollten unter den Auslegern über Schienen. Unter ihrem Gewicht drehten sich Lastenmobilés auf durchgebogenen Paletten. Die Filmleute trugen Helme, Feridun und ich hatten eine Sondergenehmigung.

Eine Assistentin der Bauleitung beobachtete uns. Für sie war die Filmerei Getue und Kokolores. Der Dreck an den Händen schwamm in Schweiß als wir mit einem Außenlift aufstiegen. Mit jedem Meter Höhengewinn meldete der Wind ein größeres Herrschaftsrecht an. Auf zwanzig Meter sonnte sich einer, den Abgrund im verbrannten Nacken. Wuchtige Blaumänner und gepiercte Stoppelköpfe schlenderten über Träger. Vogel freute sich einen Ast über die steilen Bilder. Sonst kriegte man Avantgarde bloß vor einer Mülltonne oder im Café (sitzend).

„Jetzt noch jeder sein Lieblingsgedicht.“

Der Aufzug sank zwischen Förderbändern. Dann waren wir wieder auf der Erde. Männer schleppten Holz wie seit tausend Jahren. Ohnehin ist Tausend von Irgendwas auf dem Bau keine große Sache. Durch mich rieselten Schauer wie Goldregen aus einem Feuerwerkskörper in der Silvesternacht niedergeht.

P.S.

Im Ausland gab sich Addison „nur ungern als Deutsche zu erkennen“. Uns erzählte sie das vor einer Besenwirtschaft im Kahlgrund. Der Wirt hieß Johannes, er hatte den Hof, zu dem das Ausflugsziel gehörte, vom Vater übernommen, er arbeitete einen endlosen Akkord, ohne Ermüdungserscheinungen zu zeigen. Er war sehnig und auf Draht wie ein Langstreckenläufer oder Radrennfahrer.

Addison bebte vor Engagement. Sie wurde von einem Sendungsbewusstsein angetrieben, das sich wie eine Gleichgewichtsstörung auswirkte. Addison „bekannte“ sich zu Achtundsechzig. Sie war so alt „wie der Frieden in Deutschland“.

Mit der „deutschen Vergangenheit“ konnte sich die Addison „nicht aussöhnen“. Ich fand „aussöhnen“ verräterisch. Für mich klang das, als sollte sich die Welt bei Addison entschuldigen. Überall auf der Welt sollte es besser und die Leute sollten toleranter sein als in Deutschland. Eine „starke Affinität“ hatte Addison zur Türkei.

Sie kam aus „der Theaterstadt“ Meiningen und war in Aschaffenburg herangewachsen. Die Mutter hatte ihr Bestes allein gegeben, der Vater war im Krieg geblieben. In der Schule hatte der faule Zauber geherrscht, den Heinz Rühmann in der „Feuerzangenbowle“ mit altbackener Pennäler-Fidelität als Bewusstseinszustand darstellt. Auf die Knaben aller Klassen waren zwölf Mädchen gekommen, die mehr traktiert als gebildet wurden.

Zuhause hielt Mutter die Kultur hoch. Ein Radiokonzert galt als Mahlzeit.  

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