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04.07.2019, Jamal Tuschick

Chimamanda Ngozi Adichie erklärt Enugu zum Schauplatz einer Geschichte, die insofern vom Kurs ihrer feministischen Großerzählung (im Widerspruch zu der landläufigen Vorstellung, Feminismus sei so „unafrikanisch“ wie trostlos) abweicht, als sie einen männlichen Helden dazu bestimmt, zweimal im Monat die uralten Eltern zu besuchen.

Die Rückkehr von Geduld und Aberglaube

An einen großzügigeren Zuschnitt des Lebens erinnern die vielen Möbel in der kleinen Wohnung, die schon „nachmittags dunkel“ wird; wie von Gottes Hand in die Ecke gestellt. Und Tschüss. Ein greises Paar verdämmert zwischen den zu Reliquien gewordenen Alltagsgegenständen. In Jahrzehnten haben sie „aufeinander abgefärbt“ und einen gemeinsamen Geruch angenommen. Die Prozesse der Anverwandlung vollzogen sich in Enugu, einer Grubenstadt, die mal Biafras Kapitale war und schon lange die Hauptstadt des nigerianischen Bundesstaats Enugu ist.

Chimamanda Ngozi Adichie, „Mehr Feminismus“, 112 Seiten, 8.-

Chimamanda Ngozi Adichie erklärt Enugu zum Schauplatz einer Geschichte, die insofern vom Kurs ihrer feministischen Großerzählung (im Widerspruch zu der landläufigen Vorstellung, Feminismus sei so „unafrikanisch“ wie trostlos) abweicht, als sie einen männlichen Helden dazu bestimmt, zweimal im Monat die uralten Eltern zu besuchen.

Die Großfamilie unter einem Dach ist Vergangenheit. Jeder stirbt für sich. Apollo betrachtet die schon halb Mumifizierten mit einem Erstaunen, das von Distanzierung erzählt. Er genügt der Form, entgeht einer Verpflichtung in ihrer Erfüllung und verweigert den Bestandsaufnahmen im grottigen Wohnzimmer, wo der Fernseher läuft, eine Zukunft als Erfahrung. Für ihn sind die Besuche nicht anschlussfähige Erlebnisse.

Das hat mit ihm nichts zu tun, was sich da vor seinen Augen abspielt – die Rückkehr von Geduld und Aberglaube. Die skeptischen, schnell schaltenden Akademiker*innen von einst gleiten in die Kindlichkeit ab.

„Meine Mutter, Professorin für politische Wissenschaften …“

Muss ich weiterreden? Ich behaupte, jeder kennt jene Angst, die sich einstellt, sobald die Eltern Gaga zu werden sich anschicken. Die Erschütterung des Glaubens an den unveränderlichen Persönlichkeitskern eines harten, doch vorbildlichen Vaters wird umgruppiert und weggedrückt. Der Niedergang des einen greift die Identität des anderen an.

„Ich war verblüfft, dass … sie jetzt zu den Nigerianern gehörten, die Anekdoten erzählten, in denen Diabetes mit heiligem Wasser kuriert wurde.“ 

Während ich noch an dem Erzählknochen kaue, den Adichie dem Lesenden zuerst vor die Gedankenfüße geworfen hat, dreht sich die Geschichte total, und Raphael tritt auf den Plan. Er war Hausbursche der Familie und soll kurz vor dem Handlungsaugenblick als Räuber ein böses Ende genommen haben.

Adichie beschenkt mich mit meiner Lieblingsverknüpfung. In seiner Kindheit langweilte Apollo das Programm der in einem intellektuellen Wettbewerb gefangenen Eltern; mit dem Bewusstsein ihrem Ehrgeiz nie zu genügen.

Apollo langweilt und fürchtet sich.

Er entdeckt Gong-fu und wird ein anderer im Ansehen der Bruce Lee Filme. Den Mann mit der Todeskralle ... eine geheimnisvolle Insel im südchinesischen Meer. Eine Festung ohne Mauern. Bewacht von einer unbesiegbaren Armee ohne Waffen … sieht er so oft, „dass ich den Text auswendig kannte“. Nun kommt Raphael ins Spiel. Der fremde Junge beobachtet Apollo bei einem Stunt und bringt den Move mit der richtigen Szene in Einklang. Mehr noch. Aus dem Stand springt er einen Seitwärtsfußtritt.

„Ich war zwölf … und hatte bis dahin nie das Gefühl gehabt, mich in einer anderen Person wiederzuerkennen.“

Raphael unterrichtet Apollo.

„Seine Weisheit war wie eine zweite Haut.“

Die Jungen setzen Nunchakus ein. Sie wirbeln mit der Leichtigkeit der unsterblichen Jugend …

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