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04.07.2019, Jamal Tuschick

Aya Cissoko gewinnt vom ersten Kampf an. Als Meisterschülerin der Boxe Française aka Savate-Legende Yves Gardette wird sie 1999 und 2003 Weltmeisterin.

Mächtige Manifestationen

Aya Cissoko als Zuhörerin vor ein paar Tagen

Sie braucht keinen Anlauf, um ihre Form zu finden. Aya Cissoko gewinnt vom ersten Kampf an. Als Meisterschülerin der Boxe Française aka Savate-Legende Yves Gardette wird sie 1999 und 2003 Weltmeisterin. Die Trophäen nehmen zwar einen Ehrenplatz ein, aber man könnte sie leicht huldvoller betrachten als Cissokos Mutter, die der Tochter immer noch und noch einen egalisierenden Spruch reinreibt, um die Anerkennungswut der Tochter anzuheizen. So als wüchsen in der Nachbarschaft Weltmeisterinnen auf den Bäumen; so als seien Cissokos Siege leichter zu haben als die Siege im Überlebenskampf der Alleinerziehenden.

„Du musst ja nich‘ putzen!“

Vermutlich kommen die Relativierungen von Cissokos Erfolgen nicht durch die Bank aus pädagogischer Vorbildlichkeit. Vielleicht fehlt der Mutter manchmal sogar die Kraft, auf die Tochter stolz zu sein. Ayas Entfremdung von den afrikanischen Herkunftsstatuten manifestiert sich mächtig.   

In Frankreich unterscheidet man zwischen Boxe Anglaise und Boxe Française. Das englische Boxen entspricht dem westlichen Faustkampf, in dem Mike Tyson nicht zuletzt reüssierte. La boxe française aka Savate ist ein Hafenhybrid, ein Stil, in dem Hand- und Fußtechniken kombiniert werden. Er entwickelte sich im 18. Jahrhundert in Marseille vor maritimer Kulisse zur Ertüchtigung von Seefahrern. In frühen Mantel- & Degen-Verfilmungen lieferten die Kaskadeure u.a. Savate-Kunststücke ab.

Aya Cissoko, „Ma“, Deutsch von Beate Thill, Roman, Wunderhorn, 188 Seiten, 24.80,-

Dann zieht sich Yves Gardette zurück, und Cissoko fällt in ein Loch. Verloren hat sie einen Ersatz für den fehlenden Vater. Sie gewinnt zwar weiter, aber ohne den Mehrwert des rauschhaft gesteigerten Selbstgefühls im Spiegel kenntnissatter Bewunderung. Cissoko braucht ein neues Ziel, „um sich lebendig zu fühlen“.  

Sie findet ihr Ziel wieder in einer charismatischen Koryphäe. Sie komplettiert ihre Familie in der Trainersphäre. Jean Rauch ersetzt Gardette.

„Er ist mein weißer Papa.“

Der ganze Club ist Rauchs Familie. Er treibt einen Kult um seine bescheidene Herkunft und singt das Lied von den Freuden am sozialen Rand. Er bläut den Athlet*innen Stolz ein.

Man darf sich nichts bieten lassen und niemals jemandem etwas schuldig bleiben.

Wir sind nicht zur Freude unserer Feinde so gut.

Obdachlose Talente - „Jungs, die Blut und Wasser schwitzen“ für ein Abendbrot - übernachten in der Trainingshalle. Sie wechseln von ihrer Schlafecke in eine Ringecke.

„Geboren in Bagnolet, von der Anhöhe sah man Paris, wenn der Himmel den dichten Rauch aus tausend Schloten aufreißen konnte“, hat Rauch ein Riesenherz für jede(n) „Niemand“, der als Boxer*in jemand sein möchte.  

Bald mehr.

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