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07.07.2019, Jamal Tuschick

Sie ist eine überragende Kickboxerin, ihre Weltklasse hat Aya Cissoko mehr als einmal unter Beweis gestellt. Nun erweitert sie ihr Repertoire in der Regie von Jean Rauch, einem beweglichen Denkmal des Boxe Anglaise, des westlichen Boxens.

Sie bringt die Begabung mit

„Aus einem alten Brett wird kein Champion, sie bringt die Begabung mit“, weiß ein alter Hase.

Rauch übernimmt es, seinem geborenen Champion die fundamentalen Unterschiede zwischen Kickboxen und Boxen zu erklären. Die Kombination von Hand- und Fußtechniken folgt einem biomechanischen Konzept, dass sich um Schwerpunktverlagerungen dreht. Die Risiken der Standpreisgabe einer tretenden Athletin sind das eine. Das andere ist die immanente Berücksichtigung einer ständigen Wiederherstellung des Gleichgewichts. Man kann das eine künstliche Belastung nennen.

Allgemein kommt das Kickboxen aus der Versportlichung von Karate und Taekwondo. Cissoko folgte einer anderen Linie. Sie avancierte zu einer Meisterin des Boxe Française aka Savate, einem Stil, dem die Straßenkampferfahrungen von Seeleuten zugrunde liegen. Nun besteht ein erheblicher Unterschied, ob Sie in der Auseinandersetzung mit jemanden, der nicht damit rechnet und noch nie ein Bein auf sich zufliegen sah, den Konflikt zutretend (anstatt zupackend) lösen, oder ob Sie gegen einen mit Ihren Wassern gewaschenen Kontrahenten unter Wettkampfbedingungen bestehen müssen.

Jeder, der weiß, wovon ich spreche, weiß auch, wie anstrengend es ist, Fußtechniken in einer sportlichen Konkurrenz wieder und wieder anzubringen.

Im Vergleich mit dem Kickboxen schneidet das westliche Boxen besser ab. Das Verhältnis von Aufwand und Ertrag ist günstiger; die Sache in sich schlüssig. Jeder kann nach seinen Fähigkeiten eine günstige Beziehung zwischen Handtechniken und Beinarbeit herstellen, ohne artistische Voraussetzungen erfüllen zu müssen.

Man geht zweimal in der Woche ins Training, wärmt sich auf, macht Schattenboxen, arbeitet am Sack und an der Birne, sparrt ein paar Runden und fertig ist die Laube. Nach drei Jahren hat man eine komplette Kämpferin, die mit einer Technik, gerade denke ich an eine ansatzlos vorschießende Gerade, jedes Versprechen von mehr Action bricht.

Rauch lässt Cissoko ein Jahr unter Ausschluss der breiten Öffentlichkeit arbeiten. In dieser Zeit baut er sie um.

Der Trainer „unterzieht mich … einem unerbittlichen Training, bevor er mich in den kleinsten Kampf schickt.“

„Boxen hat nichts vom Boxen mit Händen und Füßen“, sagt Rauch.

Du glaubst, dass fußtechnisch aktivierte Bein sei eine zusätzliche Waffe. Genauso gut kann es zum Hemmschuh werden, sage ich. Du wechselt die Auslage, um dein gutes Bein nach vorn zu bringen, und schon ist die monoton, im Ornat ihrer Doppeldeckung auf dich zu marschierende Boxerin da, wo sich Druck an deiner Schmerzgrenze aufbauen lässt.

Boxen ist kein halbiertes Kickboxen. Es ist etwas ganz anderes. 2006 gewinnt Cissoko in einem Jahr die französische Meisterschaft, „die der EU, (sie wird) Europa- und Weltmeisterin im Amateurboxen“.

Davon erzählt sie, siehe Aya Cissoko, „Ma“, Deutsch von Beate Thill, Roman, Wunderhorn, 188 Seiten, 24.80,-

Bald mehr.

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