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10.07.2019, Jamal Tuschick

Gestern Abend lasen und diskutierten Doris Anselm und Isabelle Lehn in der Regie von Marlen Hobrack im Literarischen Colloquium Berlin.

Hundert Jahre Scham

Von rechts: Doris Anselm, Marlen Hobrack, Isabelle Lehn

Sie schildert einen Körper, „der von Depression gezeichnet ist“. Das sagt Marlen Hobrack in ihrer Eigenschaft als Moderatorin eines Abends mit Doris Anselm und Isabelle Lehn im Literarischen Colloquium Berlin. Die Rede ist von Lehns zweitem Roman „Frühlingserwachen“. Den Titel werden viele mit einem Drama von Frank Wedekind verbinden. Nun überschreibt er auch eine Autofiktion. Die Heldin heißt wie die Autorin. Sie hat, so Hobrack, „einen Körper, der sich verweigert“. Lauter den Körper vom Geist spaltende Formulierungen kursieren mit der schönsten Selbstverständlichkeit.

„Ich wäre beim Schreiben gern reiner Geist und manchmal vergesse ich meinen Körper.“ Isabelle Lehn

Ihre Poetologie fasst Lehn so zusammen: „Wann immer es wehtut, gehe ich einen Schritt weiter.“

Hobrack erkennt in den aktuellen Romanen ihrer Gäste gelungene Versuche einer „literarischen Pornografie“, geschrieben in einer „nicht abgedroschenen Sprache des Sexuellen“.

Pornografie lässt sich nicht an Geschlechtsaktbeschreibungen erkennen. Darstellungen aus der Notwendigkeit des Textes sind jedenfalls nicht pornografisch. Es sind an diesem Abend in jedem Fall Erkundungen der Grenzverläufe zwischen dem Selbst- und dem Fremdbestimmten. Das beginnt einfach:

„Wenn ich Hunger habe, kann ich nicht schreiben.“

Gewinnt Höhe:

„Der Körper ist manchmal ein Feind (des Schreibens).“

Erreicht die Höhentäler der Spekulation:

„Was, wenn der Körper ein Mitspracherecht bekäme.“

Brecht konnte verschnupft nicht schreiben. Der Körper schrieb. Sollte das nicht mehr selbstverständlich sein?

Aus der Ankündigung

Jahrhunderte lang agierten und redeten Frauen unter dem male gaze so, wie Männer es sich wünschten. Dieses Paradigma wird in den letzten Jahren immer häufiger entblößt und in Frage gestellt – Autorinnen finden eigene Erzähltechniken, um über ihr Leben, ihre Körper und ihre Sexualität zu schreiben und somit die Machtverhältnisse umzukehren. Beispielhaft dafür sind zwei neu erschienene deutschsprachige Bücher, die wir zum Auftakt der Reihe KÖRPER·TEXTE vorstellen. Doris Anselm gelingt in »Hautfreundin« (Luchterhand Literaturverlag, 2019) eine erotische Erzählung, die einerseits von pornographischen Klischees und andererseits von Männer-Bashing befreit ist. Ihre Protagonistin geht auf Männer zu, die ihr gefallen und begegnet ihnen auf Augenhöhe. „Anständig unanständig“ gehen sie miteinander um. In ihrem zweiten Roman »Frühlingserwachen« (S. Fischer, 2019) spielt die ehemalige LCB-Stipendiatin Isabelle Lehn mit der Autofiktion: Ihre Hauptfigur ist auch Autorin und heißt – Isabelle Lehn. Von ihrem Körper und ihren Gefühlen erzählt sie vermeintlich ohne Filter und mit viel schwarzem Humor und Selbstironie. Sie ist sich bewusst, wie selbstbetrügerisch ihre Geschichte ist, und trotzdem erzählt sie diese Geschichte immer wieder – sich selbst, und uns auch: zum Glück.

Lehn erzählt, dass Leute nach Lesungen aus „Frühlingserwachen“ den persönlichen Kontakt suchen, um ihre eigenen Geschichten loszuwerden. Die vermeintliche Offenherzigkeit der Autorin wirkt animierend. Es herrscht die Autosuggestion, der Mitteilungscharakter des Textes ziele auf das Private. Folglich verfehlen die Reaktionen alle möglichen Ziele. Eine mit schwarzem Humor bewaffnete Verstimmte erscheint in der Doppelrolle Schöpferin und Heldin so einladend, dass die Verleiteten das Buch für einen Spiegel der eigenen Krisen halten. Die literarische Überwindung von Schamgrenzen verstehen sie als Aufforderung, selbst abzulegen.

Dabei ist das Arbeit und nicht Therapie, „Worte, die hundert Jahre Scham aufgenommen haben“(Anselm), in einen anderen Betrieb zu setzen.

Lehns Erzählerin „stinkt wie Abfall“. Den Mann, den sie rituell nur einmal im Jahr trifft, erlebt sie als „Symptom“. Sie favorisiert biologistische Deutungen. Sie macht dem Mann Komplimente, die ihr helfen, „sich daran zu erinnern, dass ich ihn eigentlich gar nicht will“. Sie zitiert Virginia Wolff: „Aber auch ich ist nur ein zweckmäßiges Wort für jemanden, den es nicht wirklich gibt.“  

Die Erzählerin versucht es mit Pornos, verliert ihre Erregung, registriert ihr graues Schamhaar und lässt sich vom Therapeuten sagen:

„Sie pathologisieren sich selbst.“

Flaubert wird auf den Plan gerufen.

Dem Sinn nach: Die Grundbedingung eines guten Lebens besteht darin, Langeweile gut zu ertragen.  

Niemand hat sich je die Mühe gemacht, den Ellbogen in ein Boot mit hundert Synonymen zu setzen. Ungefähr Doris Anselm

Anselm fragt: „Ist Erotik eigentlich immer gehaltlos?“ Sie führt aus: „Die Haut ist die erste Kontaktfläche. Alles, was auf ihr passiert, geht in die Tiefe.“ Sie klärt: „Generell bin ich fürs Beschreiben.“ – Im Gegensatz zum Auslassen.

Während wir beim Ellbogen genügsam sind, setzen wir das weibliche Genital einer Armada von auslassenden Zuschreibungen aus.

Hier noch mal meine Besprechung von Anselms neuem Roman

Das richtige Mischungsverhältnis

Der Roman fängt gut an und hört nicht auf, gut zu sein. Vielleicht, weil Doris Anselm in „Hautfreundin“ so unangestrengt von Anstrengungen erzählt, und auf eine lässige Weise nichts von dem unterschlägt, was passiert, wenn man aus dem vertrauten Land der Kindheit in das fremde Land der körperlichen Liebe wechselt. 

„Sex mit Menschen, das war einmal die größte Unsicherheit überhaupt.“

Die Bettwäsche im gerade vom Kinder- zum Jugendzimmer aufgestockten Labor riecht nach Weichspüler. Der Butterblumengeruch entspricht einer mütterlichen Intervention, einem Veto womöglich. Jahre werden ins vertraute Land der Liebe gehen, bis man das wieder hat: die sich im Geruch aussprechende häusliche Sorgfalt und massenhafte Separation. Jeder ein super individueller Glückspilz auf seiner ganz persönlichen Butterblumenwiese.

Doris Anselm, Hautfreundin. Eine sexuelle Biografie“, Roman, Luchterhand, 255 Seiten, 20,-

Die Erzählerin weiß es sofort: „Man kann (in das fremde Land der Liebe) mit jemandem hinfahren, der einen liebt, oder mit jemandem, der schon mal da war“. Also (in der Regel) älter und erfahren genug ist …  

„… und jetzt ist alles da, alle nötigen Elemente, im exakt richtigen Mischungsverhältnis.“

um die Aktvoraussetzungen zu optimieren. Ich haue das absichtlich so ins Holz. Denn auch darum geht es auf dem Markt, den man im Verlauf der Pubertät als Umschlagplatz jedweder Relevanz zu begreifen lernt. Wo man lernt, an einer Lüge vorbei zu schrammen, indem man jemanden noch schnell den Laufpass gibt, für den es wichtig ist, nicht einfach ausgetauscht worden zu sein. Zwischen der Liebeskündigung und dem nächsten heißen Versprechen liegen vielleicht nur Stunden voller Sehnsucht, aber man ist doch bei der schonenden Wahrheit geblieben.

Die Erzählerin erinnert sich von der Warte eines überschrittenen Höchststandes ihres Liebesvermögens. Reizend deutet sie Unregelmäßigkeiten im Gedächtnisbetrieb an. Sie hat nicht mehr alles parat. Manchmal sind die Bilder der Erinnerung in zufälligen Überblendungen zu Kunstwerken geworden. Natürlich entgeht ihr nicht, wie sich die Gerüche ändern, sobald die elternhäuslichen Einhegungen ihre abschließende Wirkung verloren haben. Nun spricht sich eine relative Beliebigkeit ständig aus:

„Hier … gibt es keine Couch. Bei mir müssen alle gleich auf dem Bett sitzen.“

Was außerordentlich kränkend sein könnte, nämlich sich im Dutzend billiger zu finden, kommt im adoleszenten Erkundungskorridor eigenen Vorbehalten sogar entgegen. Der Kandidat wird sowieso nicht kleben bleiben, aber ich werde mich immer wieder an das „schwarze Rennrad“ in seinem Zimmer erinnern.

Herr Neumann „besitzt den schönsten Penis, den ich je gesehen habe“. Er übermannt die Erzählerin mit der absurden Grazie einer „Yogafigur“. Er behält zu viel für sich und besteht auf eine eigensinnige Auslegung der Intimität. Die Erzählerin schont ihn in der Schilderung.  

„Andere Leute backen zusammen, wir haben Sex.“

Ein erotisches Detail „glänzt verführerisch, es zieht Saft wie gezuckerte Erdbeeren“.

Herr Neumann wird von Paul ergänzt, der auf seine Art nicht weniger akkurat ist als der unterkühlte Premium-Beiwohner. Paul ist die Lösung, sobald es um Umzüge geht.

Noch zieht die Generation der Erzählerin um und vagabundiert im Spektrum der Chancen.

Paul huldigt einer fürwahr volkstümlichen Vorliebe: die Verballhornung stehender Begriffe und geläufiger Wendungen. Aus Beispiel macht er Bleistift. Er ist sich nicht zu schade für Abgekautes.

Sein Schweiß riecht nach gutem Sex.

Anselm beschreibt fast analytisch, wie verschoben sexuelle Ladungen aufeinander reagieren; wie einfach es sein kann und wie kompliziert. Eine leise Störung bestimmter Erwartungen löscht Programme der Erfüllung. Manchmal bewegt sich die Lust auf einem Grat über dem Ekel oder in einer Mulde äußerster Gewöhnlichkeit. Der Kaffee danach (auf einem Supermarktparkplatz) geht in die Bewertung ein.   

Dann ist wieder alles ganz anders/einfach und familiär.

Anselm folgt rasch verwitternden Spuren der Leidenschaft. Sie bleibt am Ball und erkennt: mitunter geht es um Paketklebeband. Ich kenne solche Gaffer Tape Gespräche; diesen Skilauf der auf- und abgleitenden Blicke. Ich erinnere Theatertechnikerinnen, für die Gaffer Tape so etwas wie The Basement Tapes der ultimativen Kompetenz waren. Die sorgfältig ausrasierten Achselhöhlen straften Attitüden der gesellenhaften Berufsausübung Lügen.

Die „sexuelle Biografie“ versammelt Episoden, die sich in jedem Fall selbst genügen. Sie gipfeln an keinem gemeinsamen Punkt. Einige beschreiben urban-eskapistischen Sex – U-Bahn-Leidenschaften mit Zwischenstopps in Pilsstuben.

Ich möchte die Eröffnung ergänzen: Der Roman fängt gut an und hört nicht auf, gut zu sein. Vielleicht, weil Doris Anselm in „Hautfreundin“ so unangestrengt von Anstrengungen erzählt, und auf eine lässige Weise nichts von dem unterschlägt, was passiert, wenn man aus dem vertrauten Land der Kindheit in das fremde Land der körperlichen Liebe wechselt, um da über die Verwelkung hinaus zu altern.

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