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10.07.2019, Jamal Tuschick

Die Kickboxerin und Boxerin Aya Cissoko bringt alles mit, was man braucht, um groß zu sein. Sie hat jeden herausragenden Titel gewonnen. Ihre Pokalsammlung sieht aus wie eine strotzende Pilzkolonie.

Das Comeback der Mutter

Eingebetteter Medieninhalt

Ein Halswirbelbruch beendet die sportliche Laufbahn. Eine Operation misslingt. Das Rückenmark wird verletzt.

„Meine rechte Seite ist gelähmt.“

Aya Cissoko, „Ma“, Deutsch von Beate Thill, Roman, Wunderhorn, 188 Seiten, 24.80,-

Jetzt ist wieder die alleinerziehende Reinigungskraft sprich Ma da. Die grandiosen Ersatzväter und Meisterinnenmacher verlieren ihre Omnipotenz im Leben der versehrten Athletin.

Ma kommt ins Krankenhaus und wäscht ihre Kleine. Salbt sie mit Feuchtigkeitscreme aus dem Discounter. Herrscht sie an, einer alten Gewohnheit gehorchend:

„Jetzt musst du endlich stillhalten, nach dem du dich nicht mehr rühren kannst.“

Die Kämpferin beweist sich in der Verweigerung lindernder Gaben. Wieder geht sie in den Schmerz, so wie als Kämpferin im Training. Sie verweigert Morphium, sie muss sich spüren und sei es im Zustand und im Begreifen der (temporären) Invalidität.

Ich habe es gesagt, Cissoko hat den Spirit. Die Siegerin zeigt ihre Größe in der Niederlage. Sie gibt nicht auf. Wieder durchbricht sie die Schmerzwand, belohnt von lächerlichen Erfolgen. Wieder gibt Ma die Richtung an. Die Gym-Gurus, die Erleuchteten im Bewegungskosmos sind weit weg, als Cissoko anfängt, jenen Schaumgummiball zu kneten, den Ma ihr gekauft hat … „damit mein halberloschener Körper sich erholt“.

Cissoko kriegt den Ball erst mal nicht in den Griff.

„Ma hebt ihn unermüdlich auf. Streng dich an, nicht aufgeben.“

Wieder ist Cissoko für ein Wunder gut. Sie hat das Herz einer Löwin, auch wenn sie flachliegt wie eine Flunder. Ich wüsste gern, was in der Sprache ihrer Ahnen

Ich ergebe mich niemals

heißt.  

Sie schläft schlecht und sie will sich nicht nackt zeigen. Immer wieder bricht sie auf ihren Schamstrecken zusammen. Noch sind die fünfzig Meter bis zur Dusche zu weit. Aber für jemanden, der an sich weiterhin gelähmt sein sollte, ist das exakt so wie Jesus übers Wasser ging.

Cissoko wird zum Gegenstand akademischer Erörterungen. Studierende belagern ihre über Cissoko fachsimpelnd gebeugte Professor*innen. Die Blicke gehen über die wundersam Genesende hinweg, nicht immer gleich neutral. Das Kind der Straße bezeichnet die angehenden Ärzt*innen spöttisch als „Lehrlinge“.

Die Köpfe der Lehrlinge „gehen wie Scheibenwischer vom Heft zum Arzt und vom Arzt zum Heft.“

Bald mehr.

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