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12.07.2019, Jamal Tuschick

Gestern Abend unterhielt sich die Literaturwissenschaftlerin Katharina Teutsch im Literarischen Colloquium Berlin mit Jan Brandt über dessen Gentrifizierungsthriller „Ein Haus auf dem Land / Eine Wohnung in der Stadt: Von einem, der zurückkam, um seine alte Heimat zu finden / Von einem, der auszog, um in seiner neuen Heimat anzukommen“.

Berliner Antike

Jan Brandt und das Haus seines Urgroßvaters

Der Künstler als junger Mann

Katharina Teutsch im Gespräch mit Jan Brandt

Jan Brandt

Man wohnt auf großbürgerlichem Eichenparkett, aber mit Eisblumen auf den undichten Fenstern und dem Klo auf halber Treppe. Jan Brandt verstärkt jene Kohorte um die Jahrtausendwende zwanzigjähriger Westdeutscher, die von den Leerständen im Bezirk Prenzlauer Berg magisch angezogen werden. Während die Stadt Berlin aus ihren Gehwegschäden und anderen Notlagen sowie den Altlasten der realsozialistischen Misswirtschaft ein Image zu machen versucht, fotografieren sich die Neuzugänge aus dem Wohlstandswesten gegenseitig vor zerschossenen Fassaden – dem „Wundbrandgrind“ und „den Erinnerungsfrakturen des letzten verlorenen Krieges“ (Daniela Seel). Die Leute kamen aus „unbezahlbaren Städten“ wie Paris, London und New York in die „billigste Metropole der Welt“. Katharina Teutsch liefert das anachronistische Stimmungsbild zu Beginn des Gesprächs. Sie spricht von „einer sehr besonderen Zeit“ und erinnert „einen Ausnahmestatus“ der aufnehmenden Stadt.   

Jan Brandt erzählt inEin Haus auf dem Land / Eine Wohnung in der Stadt: Von einem, der zurückkam, um seine alte Heimat zu finden / Von einem, der auszog, um in seiner neuen Heimat anzukommen“ vom prekären Wohnen, von einer existenziellen Obdachlosigkeit in Berlin und von einer krachend fehlgeschlagenen Intervention in seinem Herkunftsmilieu.  

Brandt debütiert als Untermieter eines Mannes, den ein DDR-Mietvertrag adelt, und als Mitbewohner einer Schlangenbesitzerin. Er taut für das Raubtier schockgefrorene Mäuse auf und moniert die fehlende Klotür. Ein Wasserschaden veranlasst ihn, nachzusehen, was in höheren Stockwerken los ist. Brandt entdeckt geräumte Wohnungen, es regnet durch offene Fenster. Der Hauptmieter zieht plündert durch den Bestand. In schwelenden Ruinen findet Brandt eine Freiheit, die nicht nur ihn produktiv macht.

Noch heißt die Devise: Verschwende deine Jugend.

Fast alle schreiben Gedichte. Nur der Erzähler-Jan (im Gegensatz zu dem auf die bundesrepublikanische Ruhmesmeile zustrebenden Dichter-Jan Wagner) kann sich selbst nicht davon abhalten, mit Prosabeat den Redundanzraum der Literatur auszubauen. Er repräsentiert die Sprachschrottabteilung einer Avantgarde, die antizyklisch Lyrik über alles stellt. Brandt nennt folgende Namen besonders oft: Uljana (Wolf), Daniela (Seel), Björn (Kuhligk), Tom (Schulz) und Jan (Wagner).  

Jan Brandt, Ein Haus auf dem Land / Eine Wohnung in der Stadt: Von einem, der zurückkam, um seine alte Heimat zu finden / Von einem, der auszog, um in seiner neuen Heimat anzukommen, Roman, Dumont, 420 Seiten, 24,- 

Teutsch ermahnt sich selbst, nicht in die Nostalgiefalle zu tappen. Sie kontrastiert das schöne Einst mit Hinweisen auf „Abende in kalten Altbauwohnungen“. Auch Brandt kennt eine Verzweiflung, die einmal so groß war, dass er zur Love Parade aufschloss, da aber nur Partypöbel bemerkte und sich abgestoßen fühlte.

Er memoriert die „Berliner Antike“.  Ein Phänomen des permanenten Jetzt besteht darin, dass jede Generation zehn Jahre zu spät nach Berlin kommt, also das große Ding verpasst und diesen Umstand „bejammert“, so Brandt.

Im steten Wandel verändert sich auch der ostfriesische Neuberliner Richtung Neukölln. Im Kreis der Dichter*innen macht er die Nacht zum Tag. Gemeinsam mit den idiosynkratischen Freund*innen begibt sich Brandt auf den Stammespfad jener Mietnomaden, die ihre Lebenserfahrungen vor allem in prekären Wohnverhältnissen sowie in parallelweltlichen Nachbarschaften gewinnen. Sie kommen über das studentische Provisorium im Plural der Varianten nicht hinaus. Sie kämpfen gegen Vermieter*innen, deren Herkunftsvorsprünge nicht einzuholen sind. Die Vermieter*innen überbieten spielend den alltäglichen Wahnsinn. Sie investieren in paradoxe Konstellationen, um die Verwirrung stabil zu halten.

Brandt ist als Kombattant des unerklärten Bürger*innenkrieges eine Fehlbesetzung. Er schreibt schöne Briefe an die Hausverwaltung, während andere Mieter*innen Treppenhäuser in Brand setzen und darin kaum mehr sehen, als Ausrufezeichen hinter ihren Forderungen. Er versucht den bauernschlauen Entrechtungsstrategien eines Hauptmieters, der seine Untermieter systematisch abwrackt, mit vernünftigen Einwänden zu kontern. Einem Eigenbedarfsmarodeur stellt er so lange nach, bis er Eckensteher*innen so verdächtig geworden ist, dass eine Kiezbrigade Brandt mit faustrechtlichen Maßnahmen droht.       

Er ist „das Opfer“ und „der Ehrlose“ nach den Begriffen der Straße. Trotzdem ist Berlin so wunderbar, dass die Rattenscheiße vor der Wohnungstür und die Psychopathen nebenan und überall folkloristische Funktionen haben. Brandt verliert seinen bürgerlichen Status als Besitzer einer mietrechtlich eingefassten Grundfläche. Er wird zum kurzzeitig Geduldeten in Wohngemeinschaften. Stichwort: Zwischenmieter.

Eskapismus greift um sich. 

„Im November zog ich mit meinen beiden Koffern in eine WG in der Möckernstraße in Kreuzberg … Jens hatte über Facebook einen Zwischenmieter gesucht, weil er beruflich für zwei Wochen in die USA musste“.

An einer ganz anderen Stelle macht Brandt die Gegenrechnung auf:

„Niemand aus meiner alten Grundschulklasse wohnte zur Miete … Niemals war jemals wegen Eigenbedarf gekündigt worden, niemand hatte umziehen müssen, weil die Gegend zu teuer geworden war.“

Der abschüssigen Mieterkarriere zum Trotz verkündet Brandt auf der LCB-Bühne:

„Ich glaube an die Kraft der Gemeinschaft.“

„Solidarität und Vernetzung“ sind Schlüsselbegriffe im Repertoire des Autors. Dass die von ihm beschriebenen Ereignisse eher vom Gegenteil handeln, ist vermutlich ein kreativer Widerspruch.

Teutsch bezeichnet Brandts neues Buch als „Doppelroman“.

„Man kann den Roman von zwei Seiten lesen.“

Jan Brandt wiederspricht. Er habe gar keinen Roman geschrieben. Ist alles wahr, nur ein paar Namen seien um des Rechtsfriedens Willen verändert worden.

Solange der Erzähler in seiner Geburtsgegend gut aufgehoben ist, rebelliert er gegen die Verhältnisse. Ihn provoziert der konzertierte Abschluss hinter Lebensbäumen und das traditionsreiche, auf Plattdeutsch verhandelte Kleinklein. Mit achtzehn hätte er „das Dorf mitsamt seinen Bewohnern am liebsten abgefackelt“.

Die Rede ist von Ihrhove. Das Dorf gehört zur Gemeinde Westoverledingen im Landkreis Leer in Ostfriesland, hat ungefähr 3600 Einwohner und liegt zwischen Leer und Papenburg an der Bundesstraße 70. Ihrhove ist Verwaltungssitz der Gemeinde. Wikipedia

Brandt geht seiner Wege in der Welt. An der amerikanischen Ostküste folgt er Spuren ausgewanderter Altvorderer. Er dokumentiert die Lebensläufe eines Urgroßvaters und eines Urgroßonkels. Der Urgroßvater kehrte nach einer eindrucksvollen Karriere dauerhaft zurück und bestätigte in Ihrhove seinen Rang mit einer Wiederholung des Außerordentlichen. Der Bruder blieb und gravierte sich seiner neuen Heimat mit legendären Schoten als Madman ein.  

2016 suchte Brandt „in Berlin elf Monate lang nach einer bezahlbaren Mietwohnung“.

Den zweiten Verlauf mobilisiert ein Scheitern in der Herkunftssphäre. Dass dem Familienbesitz schon lange entzogene Haus des erfolgreichen Heimkehrers soll abgerissen werden. Von den Berliner Erfahrungen als ein von Mittellosigkeit Entrechteter bis ins Mark erschüttert, verfällt Brandt auf die Idee, der Planierung einen Riegel vorzuschieben. Mit dem urbanen Repertoire des Aktivisten und dem Habitus eines Bewahrers geschichtsmächtiger Architektur läuft er auf dem flachen Land gegen die Wand der Rentabilitätsbegriffe. Sein Gegenspieler, ein eingesessener Bauunternehmer namens Uwe Tellkamp, erscheint noch nicht einmal besonders unsympathisch.

Brandt führt sich selbst vor als ein zwischen Lebensfronten Zerriebener. Er ist ein Parmesan der Unzuständigkeit. Das wäre unschön zu lesen, ohne ein Wetterleuchten am Horizont der Selbstkritik. Der Autor erkennt aber in dem Rettungsversuch „ein nostalgisch-regressives Projekt“, dass seine Energie aus Erniedrigungen bezieht, die Brandt als Preis für Berlin hinzunehmen hat. Zwar stattet er sich nicht selbst narrativ mit urgroßväterlicher Gutherrlichkeit aus, doch vollziehen sich die Erhellungen der eigenen Ohnmacht im Schlepp eines familiären und dörflichen Niedergangs vor Ansichten, die auf ein vergangenes Gelingen zumindest hinweisen.  

Brandt gelingt das Scheitern.

In den letzten Wochen vor dem Abriss inspiziert er das verwinkelte, komplex aufgebaute, verlorene Erbe, das ihm als Kindheitsschauplatz gedankenlos vertraut ist. Er erinnert ein hohes Verwandtschaftsaufkommen als Kriegsfolge. An den formidablen Stand der Gründerzeit reichte nichts mehr heran. Das Nachlassen der familiären Kräfte koinzidierte mit dem Erlöschen der Gemeinschaftsvitalität.

Als die Brandts ihre Rollen als Garanten des Gemeinwesens nicht mehr spielen konnten, fiel das Dorf in Agonie. Brandt sammelt die kulturellen Echos eines fast schon imaginären Damals. Lieber wäre er als „Fitzcarraldo von Ostfriesland“ zum Gründer eines Literaturhauses (fern aller Interessierten) geworden: wurzelnd in altem Bestand.  

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