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12.07.2019, Jamal Tuschick

Anch war ein katholischer Indiana-Schwede. Das ist so ziemlich das Unwahrscheinlichste auf Erden. Die paar Religionsflüchtlinge, die Schweden mit Zwang der Besiedlung Amerikas zuführte, verloren in der Zerstreuung ihre religiöse Identität. Sie standen der lateinischen Welt mit ihrer Conquista und Gegenreformation zu fern, um aufzugehen in den spanischen und französischen Schatullen des richtigen Glaubens.

Geselliger Einzelgänger

Im Friseurladen von Mr. Pitch an der Western Avenue

Cataleya war in einer fundamentalistischen Gegend von Ohio auf einer Graswurzler-Farm im Zeichen des Regenbogens aufgewachsen und hatte in der Abgeschiedenheit über das Christentum nur schreckliche Sachen gehört. Der Hofherr, zu dem die mit Cataleya schwangere Mutter sich einst geflüchtet hatte, war nicht müde geworden, das erste Sakrament als satanischen Ritus zu diffamieren und die Taufe mit dem Tod zu verknüpfen. Cataleya empfand diese Verknüpfung wie einen Knoten im Kopf. Sie spürte, dass sie in einem heillosen Haushalt lebte.  

Die Taufe als symbolischer Tod des trivialen Leibes und seine Auferstehung entspricht nicht mehr unserer Vorstellung. Wir sehen in der Taufe die Gnade einer Übersetzung menschlicher Geringfügigkeit in etwas Größerem (die Aufnahme in Gott) sowie die erste Aufnahme in die Gemeinschaft der Christen.

Nie hätte Cataleya sich träumen lassen, von ihrem Liebhaber, dem holzknochigen Landmaschinenmechaniker Anch, so informiert zu werden. Baxter Green hatte sie nach dem Unfalltod der Versorgereinheit in sein Haus geholt und solange bewacht, bis ein Bruder ihrer Mutter gekommen war, um Cataleya „nach Hause zu bringen“. So sagte es Gordon Jericho Miller. Die Formulierung war so irritierend wie zutreffend. Cataleyas neues Zuhause lag einen Mondflug weit weg von dem neuheidnischen Wahnsinn des Wurzlers und seiner Frau - am Stausee des Patoka in Winslow, Indiana.

Vor zehn Jahren hatte Anch die Werkstatt ihres Onkels Gordon übernommen, und seither wiederholte er sich auf jeder Party. Das war seine Story; als wäre vorher in seinem Leben nichts von Bedeutung gewesen. Wie er eines Tages zufällig nach Winslow kam, ein Abstecher, bloß um irgendwo in dem Kaff etwas zu essen, und dann da hängenblieb, weil der alte Miller in Amy’s Riverside Grill bei Anchs Anblick oder vielmehr beim Anblick durchgearbeiteter Händen „so eine Ahnung“ bekommen hatte.

„So wahr ich hier stehe und Hieronymus Elder Connemara aka Melanchthon Brightstar aka Leif-Olaf Ericson heiße, euch allen bekannt als The Anch, so wahr bleibt bis in Ewigkeit, dass Oheim Miller in seiner biblischen Art meine Hände ergriff und behauptete, meine Zukunft zu kennen.“

Miller lud Anch zu einem alkoholfreien Cocktail auf Papaya-Mango-Ananas-Basis ein und unterbreitete dem Durchreisenden ein Angebot, dass Anch nicht ausschlagen konnte.

Zweifellos war Oheim Miller ein Gesegneter kurz vor der Erleuchtung, an der ihm aber nichts lag. Miller wollte kein illuminierter Außenseiter und Altmeister sein, den keiner mehr foppte und hinters Licht zu führen versuchte. Er wollte in der Gesellschaft anderer Oldies Popel in Lufttüten verschicken. Es war ihm nicht schwergefallen, darüber hinweg zu sehen, dass Anch, und das war nun wirklich der einzige Fehler, katholisch war.

Anch war ein katholischer Indiana-Schwede. Das ist so ziemlich das Unwahrscheinlichste auf Erden. Die paar Religionsflüchtlinge, die Schweden mit Zwang der Besiedlung Amerikas zuführte, verloren in der Zerstreuung ihre religiöse Identität. Sie standen der lateinischen Welt mit ihrer Conquista und Gegenreformation zu fern, um aufzugehen in den spanischen und französischen Schatullen des richtigen Glaubens.

Gelassen erwartete Anch Cataleyas Gegenrede, die Einwände einer Protestantin, die das Schicksal eines späten Glaubensglücks erlitten hatte. Die Unterweisung der Seele zur Offenbarung der Wahrheit war vielleicht zu spät erfolgt. Anch sah für seinen Pessimismus höllische Anzeichen. Man hörte nicht außer dem Ansturm der Fliegen, die gegen die Spannrahmen vor den Fenstern flogen, und den Standuhrgeräuschen. Das Gehäuse ächzte mitternächtlich. Der Verkehr war von der Hitze gestoppt worden. Seit Minuten hatte Cataleya keinen Motor mehr laufen hören. Sie schwieg in ihren eigenen Armen, hingestreckt auf dem hundert Jahre alten Kastenbett; gebaut einst von einem deutschen Schreiner.

Anch saß am Tisch, gehüllt in sein abwartendes, vielleicht sogar abfälliges Schweigen. Ich müsste es wissen als Allwissender. Okay, ich weiß es. Aber ich sage es nicht.

Zwei Erfahrungen bestimmten Anchs Verhältnis zu Frauen. Erstens hatten Frauen bei Männern, die in seiner Kindheit so maßgeblich wie der Busfahrer und der Pedell gewesen waren, also wichtiger als der den Altar küssende, Phrasen dreschende Priester, die Neigung ausgelöst, sich an ihnen vorbeizudrücken und mit Floskeln zu entkommen. Zweitens. Sie vertrugen es schlecht, Männer tagsüber im Haus zu haben. Frauen waren in der Überzahl gewesen und zu ihrer Ordnung gehörten Herkunftsfeststellungen, die sich in Anch verhakten. Gemessen an der Zahl der rechtgläubigen Schweden gab es unter ihnen viele Finnen, deren Vorfahren die schwedische Kolonisierung Nordamerikas, ausgehend von einem Flecken am Delaware River, in Gang gebracht hatten – als Untertanen der schwedischen Krone.

Was für die Engländer unter der Ägide der Pilgrim Väter die Plymouth Colony war, war für die Schweden ein Streifen am Delaware River.

Cataleya erzählt von der Vanille der Geborgenheit bei den Millers in Winslow

Für meinen Stiefvater Buffalo Beefshrivel Bonehead war das Christentum eine teuflische Erfindung; genauso wie Banken und ein paar andere Sachen, die BBB am liebsten in die Luft gesprengt hätte. Er verspürte eine prächtige innere Glut und sehnte sich nach lodernden Feuern. Ich will nicht behaupten, dass er Briefbomben verschickt hat, obwohl er absolut der Typ dafür war, aber ich bin mir sicher, dass er Brände legte. Meine Mutter, die mich als halbes Kind von einem anderen Mann bekommen hatte, war ihm ausgeliefert und bestimmt froh darüber, als der Höllenritt vorbei war und sie sich auf dem Friedhof ausruhen konnte.

Mein Onkel Gordon Jericho Miller holte mich nach Winslow. Seine Familie ließ mich alles Arge vergessen; ihre Vanille der Geborgenheit war evangelisch. Unter dem Dach der Kirche blieb ich eine Wilde aus Ohio, geprägt von einem irren Autarkisten und von einer vor Angst Irren. Das erkannte erst einmal keiner und so fand es niemand nötig, einen Exorzisten zu rufen.

Dann lernte ich Arch kennen, der die Werkstatt meines Onkels übernommen hatte. Er reparierte nicht nur Landmaschinen und das ein oder andere Auto, sondern richtete einen Gemeindereparaturdienst auf Tauschhandelsbasis ein, den alle in Anspruch nehmen konnten und der Gartenarbeit einschloss.

Trotzdem fand Arch noch die Zeit, meinem Onkel bei diversen Umbauten zu helfen.

Arch war ein geselliger Einzelgänger. Er sah aus wie Bruce Dern und Josh Finch. Josh war ein Junge, der sich ohne Anstrengung und Anleitung spezialisiert hatte. Er legte sich auf die Lauer, um Diebe in seinem Alter auf frischer Tat zu ertappen. Josh nahm sie auch fest. Bei der Festnahme drehte er kräftigeren Jungen den Arm um und brachte sie zu Boden, sofern sie sich nicht seinem Zugriff ergaben. Es entsprach seinem Wesen so zu handeln. Deshalb gelang es ihm gegen jede Wahrscheinlichkeit nach dem Anschein.

Arch hätte Joshs älterer Bruder sein können. Der einzige Katholik nicht nur in Winslow war sich stets ganz sicher, dass Richtige zu tun.

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